Badisches Tagblatt Baden-Baden, 28.12.2024

 

Pfarrerpaar bleibt Lichtental eng verbunden

Cornelia Hecker-Stock

Baden-Baden. Am ersten Advent 1974, vor 50 Jahren, gab es einen Wechsel im Pfarramt der Luthergemeinde in Lichtental. Pfarrer Hans-Ulrich Carl löste nach 22 Jahren Walter Spital im Amt ab, um für die nächsten 32 Jahre dort zu wirken. Mit ihm kamen seine Ehefrau Heidrun und sein damals vierjähriger Sohn Tobias.

Die 23-jährige Pfarrfrau war anfangs ziemlich enttäuscht von der Stadt. Es gab keine Angebote für Kinder und der hagere Alleejäger passte auf, dass auch ja kein Kinderfuß den Rasen betrat. Doch die positive Einstellung des Paares „und die wunderbaren Schnitzel im Schützenhaus beim Hoge“ führten letztlich zur Überzeugung „wenn wir lange genug bleiben passt es wieder“. Was inspirierte den jungen Mann dazu, Pfarrer zu werden? „Ich habe in meiner Jugend die Kirche als Ort der Freiheit, Geborgenheit und Offenheit erlebt“, sagt Hans-Ulrich Carl nach kurzer Überlegung. Sein Vater hatte von den sechs Kindern immer den sonntäglichen Gang in die Kirche verlangt. Dann kamen Kindergottesdienst, Jungschar und Konfirmation, wo sich sein Sohn immer besonders wohlfühlte. Sein Onkel war bereits Pfarrer, „ein feiner, lieber Mensch“, und großes Vorbild für ihn.

Carl kommt aus einer gutbürgerlichen Familie, am Tisch wurde Hochdeutsch gesprochen. Als Bub war er allerdings viel lieber draußen auf der Gasse mit seinen Freunden unterwegs. In der damals schon festen Überzeugung, vor Gott sind alle gleichwertig. Was ihm später bei seiner Tätigkeit unter anderem im Kinderheim Lichtental zugutekam, wo er es teils mit über 30 Nationen zu tun hatte. Hans-Ulrich Carls selbst erlebte Offenheit in der Kirche war ihm immer ein kostbares Gut.

Offen über seine Probleme reden zu können und nicht dafür ausgelacht zu werden, ist ihm heute noch ein Credo. In all den Jahren wurde ihm Pfarrer Karl-Heinz Berger zu einem engen Freund. Beide reisten gemeinsam mit ihren Gemeinden nach Taizé und feierten ökumenische Gottesdienste. Heidrun und Hans-Ulrich Carl ist besonders im Gedächtnis geblieben, wie sich beide Pfarrer, etwa vor Weihnachts- oder Ostergottesdiensten, gegenseitig segneten. „Das war wie ein Regenbogen, der sich von einer Kirche zur anderen spannte“, erklärt die Pfarrfrau. Ihr Mann erinnert sich noch gerne an die „wunderbaren Gottesdienste an Heiligabend, da habe ich oft bis zu 600 Menschen umarmt“. Von Pfarrer Berger kamen auch mal nächtliche Anrufe „hilf mir wohnen“, da er sich in dem großen Pfarrhaus allein fühlte. Dann gingen die beiden nachts noch spazieren, um sich auszutauschen.

Die Carls waren mit ihrem Stadtteil Lichtental immer sehr eng verbunden. Der Pfarrer schätzte die intensive Verbindung zu den Lichtentaler Vereinen sehr. Stellvertretend nennt er besonders Gert Faller von Unterbeuern, der mit seinem großen Herzen und seiner liebevollen Art „unheimlich viel Gutes nach Lichtental reingetragen hat“. Pfarrer Carl betreute drei Altenheime, unterrichtete Religion, zeigte Präsenz bei Altennachmittagen, Jugendgruppen, den Anonymen Alkoholikern oder bei der Gesprächsgruppe der Diakonie für ein Leben nach Krebs.

Im Raum unter der Pfarrwohnung war immer viel los. Auf dem Kirchengelände wurden viele Feste gefeiert, einmal stieg der Pfarrer sogar selbst an Fastnacht in die Bütt. Pfarrer Carl hielt Bibelstunden und zahllose Vorträge, die Erwachsenenbildung blühte auf, in der sich seine Frau stark engagierte. Er selbst leitete viele Jahre die Beratungsstelle für Ehe-, Familie und Lebensfragen, war Vorsitzender der Kirchengemeinde, dann war da noch das Kirchliche Bildungswerk und die Zusammenarbeit mit der Volkshochschule.

Ein bedeutender Einschnitt war die Restaurierung der Lutherkirche Ende der 80er Jahre, um den Jugendstilcharakter des Innenraumes wieder sichtbar zu machen. Die Wandbemalung und die wieder strahlenden Sterne über dem Chorraum sind für das Pfarrerpaar besonders beglückend. Durch ihre Ausbildung zur Heilpraktikerin mit Praxis über dem Kindergarten trug Heidrun Carl viel zum Blühen der Gemeinde bei. Ein Höhepunkt war auch der Besuch des brasilianischen Erzbischofs Hélder Camara, der zusammen mit Pfarrer Berger bei den Carls zu Mittag speiste. Während des Gesprächs geht das Ehepaar Carl ausgesprochen liebevoll miteinander um. Ihnen wird es nie langweilig miteinander, sie haben so viel gemeinsame Zeit zu verarbeiten, dass ihnen nie die Themen ausgehen. Dann ist ja da auch noch die große Bibliothek mit 25.000 Büchern, darunter sicherlich ein paar wenige ungelesene Exemplare. Es geht jetzt im Alter alles etwas geruhsamer vonstatten. Pfarrer Carl genießt es inzwischen, in der Weststadt auf seinem Balkon zu sitzen, eine Zigarre zu rauchen und dabei zu lesen. Jeden Morgen liest er in der Bibel, auf Griechisch, in dieser Zeit möchte er nicht gestört werden. Und er hat ein Büchlein verfasst, mit 99 Versuchen, sich einem Bild zu nähern, am Beispiel der Kreidefelsen auf Rügen von Caspar David Friedrich.