Acher-Rench-Zeitung, 30.12.2024

 

„Ich wünsche, dass Gott uns nicht aufgibt“ .

Serie „Menschen 2024“: Ulla Eichhorn war 35 Jahre lang als evangelische Pfarrerin im Hanauerland, ehe sie im Sommer in den Ruhestand ging. VON STEFAN BRUDER

Rheinau. In der Serie „Menschen 2024“ lässt die Acher-Rench-Zeitung Menschen zu Wort kommen, für die das vergangene Jahr ein ganz besonderes war. Das war es auch für Ulla Eichhorn. Insgesamt 35 Jahre lang war sie als evangelische Pfarrerin in Rheinau tätig, zuerst in Rheinbischofsheim, dann in Linx und Diersheim. Im Juni ging sie in den Ruhestand.

Frau Eichhorn, Sie wurden im Sommer nach 35 Rheinauer Dienstjahren in den Ruhestand verabschiedet. Wie haben Sie die Zeit des Loslassens seither erlebt und wahrgenommen?

Zunächst einmal als sehr befreiend. Kein Terminkalender, keine langwierigen Abstimmungen und Vorplanungen. Aber natürlich fehlen mir auch die Menschen, mit denen ich bisher meinen Berufsalltag geteilt habe.

Fehlt Ihnen ihr Seelsorger-Job bereits ein bisschen oder sind Sie insgeheim froh, dass sich jetzt andere um „Ihre“ Schäfchen kümmern?

Ich genieße es momentan, keine Verantwortung mehr in der Gemeindeleitung zu tragen. Und noch überwiegt die „Ferienstimmung“ – zumal ich alle meine „Schäfchen“ bei meinen Kolleginnen und Kollegen gut aufgehoben weiß.

Was hat Ihnen rückblickend an Ihrem Amt am meisten gefallen?

Der Umgang mit Menschen, das Gefühl in bestimmten Situationen hilfreich sein zu können, Wegbegleitung in Grenzsituationen des Lebens, am Krankenbett oder beim Abschied nehmen von einem Menschen, lag mir am meisten am Herzen. Und die Begegnung mit Kindern, theologisieren mit Drittklässlern in der Grundschule oder die GokL-Gottesdienst mit den ganz Kleinen, das hat Spaß gemacht – aber genauso auch das Nachdenken über Gott und die Welt mit den Senioren. Und natürlich das Gottesdienst feiern.

Und worauf hätten Sie vielleicht gerne verzichtet?

Verzichtet hätte ich gerne auf manche Statistikformulare, Haushaltssitzungen und Verwaltungsaufgaben.

Angesichts schrumpfender Mitgliederzahlen müssen sich Evangelische wie Katholische Kirche neu aufstellen, Einsparungen realisieren und sich von Gebäuden trennen. Schmerzt Sie dieser Prozess oder steht bei Ihnen die Hoffnung auf Neues im Vordergrund?

Ja, vom guten Gottesdienstbesuch an Weihnachten kann keine Kirchengemeinde lebendig bleiben, auch wenn darüber hinaus Taufen, Trauungen und Beerdigungen bei uns hier im Hanauerland noch gerne begangen werden. Es ist offensichtlich, dass „Kirche“, so wie sie bisher war, keine Zukunft mehr hat. Einerseits schmerzt mich diese Entwicklung natürlich, weil ihr viel Liebgewordenes zum Opfer fällt. Aber den Realitäten muss man sich stellen und das Beste daraus machen.

Es ist offensichtlich, dass „Kirche“, so wie sie bisher war, keine Zukunft mehr hat.

Und das sehe ich andererseits darin, dass die Kirchengemeinden nun miteinander Neues planen und darüber zueinander finden. Ich freue mich auf die Kirchengemeinde Rheinau, die vielleicht entsteht, mit neuen Impulsen und Arbeitsfeldern und lebendiger Gemeindearbeit. Ich freue mich schon jetzt an Gottesdiensten, in denen auch an normalen Sonntagen die Reihen gut gefüllt sind mit Menschen aus den verschiedensten Ortsteilen, die miteinander feiern.

Sie waren ab 1990 zunächst als Pfarrvikarin, dann als Pfarrerin anfangs für Rheinbischofsheim, ab 2005 dann für Diersheim und Linx zuständig. Wie „ticken“ Evangelische und gibt es heute noch nennenswerte Unterschiede zu den Katholiken?

Ich erlebe - gerade im Hanauerland - eine Ökumene, die an allen Orten dieser Welt, und auch im Zusammenhang mit anderen Religionen, wünschenswert wäre. Gerade im Blick auf bestimmte Riten und Ausprägungen so „ticken“ zu dürfen, wie es einem aus der Tradition und dem Glauben erwachsen ist – aber darüber hinaus geschwisterlich zusammenzuleben, das funktioniert hier super und das finde ich wunderbar.

„Die Rheinauer lieben Ihre Kirche so sehr, dass sie sie schonen“, hatten Sie bei Ihrer Verabschiedung augenzwinkernd gesagt. Woran liegt es, dass die Menschen ganz allgemein ein distanziertes Verhältnis zur Kirche haben, und welchen Anteil hat daran wohl die Kirche selbst?

Ich denke für Kirchendistanziertheit gibt es verschiedene Ursachen. Eine davon ist sicher in den Versäumnissen der Kirchen zu sehen, und damit meine ich nicht nur die zögerliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle.

Vielleicht waren die Kirchen lange Zeit einfach betriebsblind. Das kirchliche Angebot war und ist für viele Menschen nicht ansprechend und geht an ihrer Lebenswirklichkeit vorbei. Neue Angebote, etwa im Blick auf Familien und jünger Zielgruppen sollen zukünftig daran was ändern. Und Gottesdienstsprache und Kirchenliedgut waren lange Zeit einfach altmodisch und unverständlich.

Eine weite Ursache sehe ich in der Entwicklung unserer Gesellschaft, die suggeriert, dass alles machbar ist und jeder sein Lebensglück selbst in der Hand hat.

Wenn ich alles alleine kann, brauche ich niemandem mehr Danke sagen, schon gar keinem Gott…

Und vor diesem Lifestyle haben wir Pfarrerinnen und Pfarrer vielleicht auch ein wenig kapituliert. Wir haben nicht laut und deutlich genug, darauf hinzuweisen, welchen Lebensschatz man im Glauben gewinnen kann und wie Glaube beim Leben in einer rauen Welt bestehen hilft.

Sie haben stets klare Worte gefunden zu dem zunehmend rauen Ton in Politik und Gesellschaft. Woran liegt es, dass heutzutage Dinge immer öfters offen gesagt werden, für die man sich früher geschämt hätte?

Ich vermute, dass die Verrohung unserer Sprache und unseres Umgangs miteinander zum einen politisch angefeuert werden durch rechtsextreme Parteien und Gruppierungen die nationalsozialistisches Gedankengut und Sprachgebrauch salonfähig machen. Dass es dafür leider in Deutschland immer noch einen guten Nährboden gibt entsetzt mich zutiefst. Andererseits wird diese Entwicklung unterstützt durchs Internet, in dem jedermann und jede Frau aus dem Inkognito heraus die hasserfülltesten Botschaften in Sekundenschnelle in die Welt posaunen kann – ohne Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Respektlosigkeit und

Hass erfüllen dabei wohl so etwas wie Rachegelüste an einer Welt, in der man sich zu kurz gekommen fühlt.

Wenn Sie die Zeit um 35 bis 40 Jahre zurückdrehen könnten, wären Sie wieder Pfarrerin geworden oder in welchem anderen Beruf hätten Sie gegebenenfalls ebenso Erfüllung gesucht?

Für mich kann ich mir keinen erfüllenderen und schöneren Beruf vorstellen als den, den ich ausüben durfte.

Blicken wir zum Schluss aufs neue Jahr: Was wünschen Sie sich für 2025?

Ich wünsche mir, dass uns die Liebe zu Gott und der Welt nicht ausgeht und nicht die Hoffnung, und damit die Kraft zum Mitwirken an einer friedlicheren und gerechteren Welt. Und ich wünsche mir, dass Gott uns nicht aufgibt.