Rhein-Neckar-Zeitung - Heidelberger Nachrichten, 24.12.2024

 

Den Frieden wagen

ik

Endlich! Das Warten hat ein Ende! Weihnachten steht vor der Tür und das beliebteste Fest der Deutschen kann beginnen. Für die Christen in der Welt hat es eine ganz besondere Bedeutung: Gefeiert wird die Geburt Christi. Sie soll sich in einem Stall in Bethlehem vor 2000 Jahren ereignet haben, so heißt es in der Weihnachtsgeschichte. Gläubige sehen darin die Erlösung der Menschheit. Jesus sei gekommen, um Frieden zu bringen.

In den Kirchen wird die Weihnachtsbotschaft verkündet, in den Krippenspielen die anrührende Geschichte rund um Weihnachten lebendig. Der Transfer in die heutige Zeit steht im Mittelpunkt der Predigt.

Dennoch: Der christliche Ursprung des Festes hat für viele an Bedeutung verloren. Im Mittelpunkt stehen Familie und Freunde, mit denen man Zeit verbringen will. Man beschenkt sich als Zeichen der Wertschätzung. Und man fragt sich: Ist es heute noch zeitgemäß und legitim, die Titelgeschichte einem christlichen Thema zu widmen?

Wir leben im 21. Jahrhundert, im Zeitalter von KI und OpenAI. Wer will da noch etwas von religiösen Festen wissen, geschweige denn in christliche Themen einsteigen? Machen wir uns nichts vor: Tausende treten aus den Kirchen aus, halten nichts mehr von Religionsunterricht. Gotteshäuser werden verkauft. Taufe, Kommunion, Konfirmation sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr in einem Lebenslauf. Eine kirchliche Hochzeit ist selten geworden, allenfalls interessant für eine schöne Inszenierung in Weiß. Instagram und Facebook lassen grüßen. Jahrhunderte alte Beerdigungsriten weichen anderen Ritualen. See- oder Baumbestattungen entsprechen wohl eher dem Zeitgeist. Ach, eine Kerze müssen wir auch nicht mehr aufs Grab bringen, entzünden wir doch via Tastendruck die digitale Leuchte in den Trauerportalen.

Sprechen wir es aus. Die Einstellung zu christlichen Feiertagen hat sich verändert. Der Besuch der Gottesdienste steht an Weihnachten nicht mehr im Vordergrund. Wir feiern mit unseren Liebsten, meist zu Hause, im Restaurant, in der Kneipe oder auch in der Ferne. Die Feiertage haben ihren Wert vor
allem in der Freizeit. Wir widmen uns den irdischen Freuden. Gutes Essen, einfühlsame Musik und schöne Geschenke sollen für eine runde Feier sorgen.

Das kann so manchem auch schon mal zu viel werden. Von Weihnachtsstress ist gar die Rede. Zu viel von allem. Freizeit, Mahlzeiten, Verwandtschaft und Materialflut. Wer es sich leisten kann, nimmt sich Zeit für sich oder entflieht in ferne Länder.

Es sind nicht wenige, die Religion für überflüssig, überholt, sinnentleert, irrational und antiquiert halten. Und was reden wir überhaupt über Gott – immer diese maskulin geprägte Sprache. Gendern wäre das Gebot der Zeit, fordern die Erneuerer. Aber kann Gott weiblich sein? Warum denn nicht. Gott infrage stellen ist der Zeitgeist. Den Kritikern gehen die Argumente nicht aus.

Irgendwie schade! Nicht einmal Weihnachten ist wie früher, denke ich im Stillen. Auch die Tradition unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel. Wie gerne erinnert man sich zurück an die eigene Kindheit, als man den biblischen Geschichten gespannt zuhörte. Man glaubte, ohne zu hinterfragen. Von den Zweifeln der analytisch denkenden Erwachsenen war man noch weit entfernt.

Ob das alles stimmt? Das mit der Geburt Jesu, der Kreuzigung und der Auferstehung? Kinder stellen es nicht infrage. Erwachsene hingegen schon. Ist schon schwer vorstellbar, dass ein Jesus geboren wurde, um zu sterben und uns unsere Sünden zu vergeben. Für Gläubige ein schöner und Sinn stiftender Gedanke. Doch für Skeptiker eine Geschichte mit vielen Fragezeichen.

Und dennoch: An Heiligabend und an den Feiertagen ist es für viele ein Bedürfnis, sich intensiver mit Religion zu beschäftigen. Meist kann daraus auch eine fruchtbare Diskussion entstehen. Die Familienmitglieder tauschen sich darüber aus, was ihnen Weihnachten bedeutet und was sie Positives damit verbinden. Die rein religiösen Hintergründe sind oft nicht mehr im Fokus. Die Ethik aber, die sich daraus ableiten lässt, wohl schon. Weihnachten bleibt beliebt, für viele ein Fest der Begegnung, der Versöhnung und der Freude.

Es ist ja nun auch eine Errungenschaft unseres Konsumdenkens, dass in der Vorweihnachtszeit die christlichen Bilder verkitscht werden. Da säuseln liebliche Stimmen in den Kaufhäusern „Stille Nacht, heilige Nacht“ sowie den Ohrwurm „O Tannenbaum“. Modernere Stücke wie „Last Christmas“ laufen
im Radio rauf und runter. In den Geschäften glitzern Glaskugeln und Engelsgesichter. Unermüdlich drehen sich die Weihnachtspyramiden. Das Weihnachtsgeschäft ist im Advent angekurbelt. Auf den Märkten duftet es nach Plätzchen und Glühwein. Unsere Sinne werden betört und wir lassen es gerne zu.

Man hat die Zeit des Trubels und der Vorbereitung in der Adventszeit genossen und zugleich beklagt. Jetzt wird an den Feiertagen Ruhe einkehren. An Heiligabend sind die meisten öffentlichen Einrichtungen geschlossen. Die Kirchen allerdings geöffnet. Gottesdienste laden ein. Erfahrungsgemäß kommen in dieser Zeit die meisten Besucher. Nicht nur Gläubige, selbst Agnostiker oder Skeptiker besuchen das Gotteshaus. Es verbreitet sich eine wohltuende Atmosphäre. Kerzen duften, Lieder werden gesungen und die Weihnachtsgeschichte darf auch nicht fehlen.

Wieder drängt sich die Frage auf: Reduzieren wir Weihnachten auf eine positive Stimulierung der Sinne und Gedanken? Und wenn schon: Lassen wir es zu.

Groß ist heute die Sehnsucht nach Frieden, der Wunsch nach Versöhnung, insbesondere in den heutigen von Krisen, Krieg, Streit und Entfremdung geprägten Zeiten. „Seien wir Menschen, seien wir menschlich!“, so appellierte der bekannte Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906 -1945). Und er ging noch weiter. Er schrieb 1933: „Wer wird Weihnachten recht feiern? Wer alle Gewalt, alle Ehre, alles Ansehen, alle Eitelkeit, allen Hochmut, alle Eigenwilligkeit endlich niederlegt an der Krippe.“

Da scheint es nicht wichtig, zu hinterfragen, ob die Geburt Jesu stattgefunden hat. Ist es nicht viel wichtiger zu sehen, zu erkennen und wertzuschätzen, was Kirche ermöglicht? Sie schafft Gemeinschaft, sie lädt ein zur Begegnung. „Macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit“, heißt es in dem Adventslied aus dem 17. Jahrhundert. Es soll seinerzeit dafür gesorgt haben, dass ein verschlossener Weg vom Armenhaus zur Kirche wieder geöffnet wurde.

Kirche darf nicht ausgrenzen. Sie muss offen sein und tolerant gegenüber all denen, die einsam, allein und ausgeschlossen sind. Sie muss „Frieden wagen“, so Bonhoeffer.

Wenn wir in diesem Jahr Weihnachten feiern, so wollen wir genau das tun. Unerträglich ist die Vorstellung, welch unsägliches Elend die anhaltenden Kriege über die Menschheit bringen. Der Ukrainekrieg sowie der Nahostkonflikt setzen vielen Bürgern seit Monaten zu. Von der Klimakrise und der steigenden finanziellen oder auch persönlichen Sorgen ganz zu schweigen.

Können wir da überhaupt noch an Gott glauben, wenn Machthaber Religionen missbrauchen und hegemoniale Machtwünsche mit Waffengewalt brutal durchsetzen?

Wo Diplomatie in der Politik scheitert, da schwindet die Hoffnung auf ein gutes Ende. Dennoch seien wir nicht verzagt! Es ist Weihnachten, das Fest der Liebe! „Seid demütig und friedfertig“, postulierte einst Bonhoeffer. Fast so wie beim Anblick eines neugeborenen Kindes. Ist es nicht genau das, was uns die heilige Geschichte vom Kind in der Krippe nahe bringen will?