rnz.de (Rhein-Neckar-Zeitung), 24.12.2024

 

Wie feiern die Menschen in der Region Weihnachten?

Das haben zwei Pfarrerinnen, zwei Landwirte, zwei Naturfreunde, eine Trauerbegleiterin und eine Tierheim-Leiterin der RNZ verraten.

Neckar-Bergstraße. Weihnachten naht. Für die meisten Menschen beginnt jetzt eine erwartungsfrohe Zeit. Im Mittelpunkt steht die Familie, die an den Festtagen zusammenkommt. Das Zuhause wird mit Tannenbäumen, Kerzen und Krippen geschmückt. Es gibt Präsente für Alt und Jung.

Ein Brauch, der an die drei Weisen aus dem Morgenland erinnert, die das Jesuskind im Stall zu Bethlehem ebenfalls beschenkt haben. Selbst für den tierischen Mitbewohner fällt mitunter mehr als der buchstäbliche "Knochen" ab. Die RNZ hat sich umgehört, wie Menschen an Neckar und Bergstraße feiern oder mit dem Alleinsein umgehen können.

Ute Jäger-Fleming, Dekanin des evangelischen Kirchenbezirks Neckar-Bergstraße: "Frei" hat sie an Weihnachten ebenso wenig wie ihr Mann, Pfarrer Kenneth Fleming.

"Die Kirchengemeinden bieten gerade an den Feiertagen vielfältige Angebote und Gottesdienste an, sodass sich niemand alleine fühlen muss", weiß die Dekanin und fügt hinzu: "Einsamkeit ist ja gerade auch an Weihnachten ein wichtiges Thema." An Heiligabend zelebriert sie um 17 Uhr die Christvesper in der Weinheimer Peterskirche. "Zu Hause feiern wir in diesem Jahr am 25. Dezember Weihnachten. So, wie es in Großbritannien Brauch ist", erzählt Ute Jäger-Fleming. Sie hat lange Jahre in Schottland gelebt. Ehemann Kenneth ist Schotte, und so fühlt man sich in beiden weihnachtlichen Welten daheim. Gefeiert wird im Großsachsener Pfarrhaus, dem Wohnsitz des Ehepaars und dem "Dienstsitz" des Pfarrers. Zu Weihnachten kommen auch die beiden erwachsenen Kinder: "Wir gestalten die Festtage recht einfach. Wir singen gemeinsam, gehen mit unserem schottischen Border-Collie ,My Jo’ spazieren, verbringen viel Zeit miteinander und strecken die familiäre Weihnachtszeit bis zum Dreikönigstag." Zur schönen Weihnachtstradition im Hause Jäger-Fleming gehört auch das Schreiben eines Rundbriefs. "Wir haben viele Freunde in Großbritannien, Asien und Australien und freuen uns natürlich auch über entsprechende Rückmeldungen", so die Dekanin.

Alf, Tierheim Weinheim: Alf ist an Weihnachten natürlich nicht allein. Neben den bellenden Kollegen und so manchem Nager ist zahlreicher Katzen-Nachwuchs im Tierheim untergebracht.

"Dieses Jahr ist alles ein bisschen anders, es wurden noch spät im Jahr Katzen-Babys bei uns abgeben", berichtet Tierheim-Leiterin Jutta Schweidler. Die niedlichen Kleinen sind allerdings nicht als "Geschenk" unter dem Weihnachtsbaum gedacht. "Wir haben über die Weihnachtszeit für alle unsere Tiere einen Vermittlungsstopp. Die Leute können gerne vorbeischauen und bei Interesse im Januar wiederkommen", so Schweidler. Klar, dass für die tierischen Insassen an den Weihnachtstagen ein zusätzliches Leckerli in den Napf kommt. Alf weiß auch ein Wienerle zu schätzen. "Dank der Spendenbereitschaft gibt es bei uns schon mal eine Extra-Wurst nicht nur für Alf", scherzte die Tierfreundin. Der Rüde wurde gefunden und ins Tierheim gebracht, worauf sich niemand gemeldet hat, der ihn vermisste. Er wird auf circa neun Jahre geschätzt, ist sehr lebhaft und wartet nun auf neue Besitzer. "Die Leute sollten sich ganz generell vorher überlegen, ob sie sich ein Tier anschaffen und diesem auch gerecht werden können", rät Jutta Schweidler. Zeit zum Feiern bleibt der Leiterin und ihren Kolleginnen trotz allen tierischen Engagements dennoch. "Zum Glück sind wir zu viert hier, dann haben immer zwei von uns an einem Feiertag frei."

Sascha und Andrea Gernold, Schriesheim: Der Vorsitzende der Schriesheimer Naturfreunde und die Leiterin der "Postillion"-Kinderkrippe in Hirschberg-Großsachsen feiern traditionell Weihnachten.

Der ausgesuchte Christbaum wird vom Hausherrn eigenhändig gefällt, und die weihnachtliche Krippe nimmt langsam Gestalt an. "An Heiligabend kommen unsere vier Jungs samt Anhang, am ersten Weihnachtsfeiertag wird im größeren Familienkreis gefeiert, und zum Ausklang ist noch eine kleine Feierrunde im Naturfreundehaus angesagt", berichtet der Ortsgruppen-Chef. Damit man allen Geschmäckern, Essgewohnheiten und kulturellen Gepflogenheiten gerecht wird, kommen im Hause Gernold an Heiligabend gleich zwei Fondues auf den Tisch. Eines mit Käse und eines mit Fleischstückchen vom Rind und Lamm. "Wir haben zwei Vegetarier in der Familie, und die Freundin einer meiner Söhne ist eine Muslima. Er hält sich inzwischen auch an die Speiseregeln", so Gernold. "Suri", die Hüte-Hündin der Familie, darf an den Feiertagen ebenfalls kräftig zubeißen. "Sie bekommt einen neuen Kau-Knochen im Ochsen-Ziemer-Format", verrät Andrea Gernold. "Aufgrund der Schweinepest wurde uns untersagt, unsere traditionelle Waldandacht am zweiten Weihnachtsfeiertag auf der Mannswiese zu feiern", bedauert Gernold. Als Ersatz wird es jetzt eine kleine Feier mit Glühwein für Mitglieder im Naturfreundehaus, der "Schriesheimer Hütte", geben. "Ruhig und besinnlich", wie der Ortgruppen-Chef versichert.

Thomas und Jochen Maas, Ladenburg-Neubotzheim: Bekanntlich zählen Ochs und Esel zu den Stallgenossen vom Jesuskind.

"Wir haben auch schon eine ,Stall-Weihnacht’ verbracht", scherzt Thomas Maas. Der landwirtschaftliche Großbetrieb, den die beiden Brüder Thomas und Jochen betreiben, ist vor allem auf Milchvieh-Haltung spezialisiert, und da kalbt nicht jede Kuh nach Plan. Auch an den Feiertagen müssen die Tiere wie an allen anderen Tagen versorgt werden. Morgens geht es um 6.30 Uhr los, und abends ist von 17 bis 19 Uhr Stalldienst. Vieles ist automatisiert, ein Melkcomputer sorgt für das regelmäßige Pumpen an den Kuheutern. Ohne menschliche Mithilfe läuft der Stall aber dennoch nicht, und bei entsprechendem Wetter wird das Jahr über auch auf den Feldern geackert. An Weihnachten beschränkt man sich auf die Versorgung der rund 250 Tiere im Laufstall. Außerdem müssen die Eier aus der mobilen Hühnerhaltung täglich frisch einsortiert und der Automat befüllt werden. "In manchen Bereichen haben wir an den Festtagen sogar mehr zu tun. Die Saisonarbeiter sind nach Hause gefahren, und der Auszubildende hat frei", erzählt Jochen Maas. Bei den Brüdern Maas, die zusammen mit ihren Familien auf einem Vier-Generationen-Hof leben, kommt das Christkind an Heiligabend etwas später. "Bei uns ist erst dann Bescherung, wenn die Tiere versorgt sind. Tierwohl sorgt auch für das Wohl der Menschen", sind die beiden Landwirte überzeugt.

Annemarie Kaschub, Edingen-Neckarhausen: "In der Advents- und Weihnachtszeit haben wir ganz besondere Termine und zahlreiche Möglichkeiten, Seele, Sinne und Geist zu beflügeln", ist Annemarie Kaschub überzeugt

Die Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Neckarhausen feiert an Heiligabend nicht nur mit ihrer vierköpfigen "Kernfamilie", sondern mit der gesamten Kirchengemeinde Weihnacht. "An Heiligabend finden drei Gottesdienste statt. Zwei davon leite ich, und mein Mann Thomas unterstützt dabei das Technik-Team bei der Online-Übertragung aus der Lutherkirche. Auf diese Weise können auch all jene an den Gottesdiensten teilnehmen, die nicht in die Kirche kommen können oder wollen", erläutert die Pfarrerin. Zwischen dem Familien-Gottesdienst um 15 Uhr und dem Christnacht-Gottesdienst um 22 Uhr bleibt der Seelsorgerin dann ein wenig Zeit für die Familien-Weihnacht. "Wir fangen schon am Vormittag mit dem Schmücken des Weihnachtsbaums an – ganz klassisch mit Strohsternen, roten Kugeln und einer Krippe darunter", erzählt sie. Auf den Tisch kommt ebenfalls ein Klassiker, nämlich Würstchen und Kartoffelsalat. An den beiden Weihnachtsfeiertagen hält sie zwar keinen Gottesdienst, bleibt aber im Bedarfsfall Ansprechpartnerin. Erst danach geht es ein paar Tage in Urlaub. Als Lektüre begleitet sie der Ratgeber "50 Sätze, die das Leben leichter machen." "Ich habe mir davon schon ziemlich viel abgeguckt und kann das Buch nur empfehlen", verrät Annemarie Kaschub.

Elisabeth Breitkopf, Edingen-Neckarhausen: Nicht alle sind an Weihnachten "froh und munter", und für Trauernde und Alleinstehende ist es oftmals keine "gnadenreiche" Zeit.

Das weiß auch die Leiterin des ökumenischen Arbeitskreises für Hospiz- und Trauerbegleitung Edingen-Neckarhausen, Elisabeth Breitkopf. "Die Feiertage so weit als möglich im Vorhinein planen, das bringt Sicherheit und Halt", rät Breitkopf. Es gehe dabei auch um Selbstfürsorge, dazu zähle sich etwas Gutes zu kochen oder essen zu gehen. Gerade in Zeiten der Trauer sei es wichtig, achtsam mit sich selbst umzugehen, auch wenn es schwerfalle. Kleine Rituale seien hilfreich, indem man beispielsweise eine Kerze für den Verstorbenen anzündet oder einen Engel als dessen Sinnbild an den Christbaum hängt. Auch das Rausgehen in die Natur sei heilsam und mache den Kopf freier.

Wer nicht alleine bleiben möchte, sollte aktiv Kontakt und Gemeinschaft suchen, rät Breitkopf: "Gibt es vielleicht in meiner Nachbarschaft Menschen, denen es ähnlich ergeht, oder mit wem kann ich telefonieren, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt?". Für die Edingerin zählt der Tod zum Leben. "Unser Arbeitskreis besteht im kommenden Jahr seit 25 Jahren", berichtet Breitkopf und fügt hinzu: "Wir wollen Menschen bei schwerer Krankheit und in der letzten Lebensphase begleiten sowie für trauernde Hinterbliebene ein Ansprechpartner und Zuhörer sein." Über die Feiertage könne man diesen Dienst leider nicht leisten, dazu sei man personell nicht in der Lage. Dafür gebe es die Telefon-Seelsorge rund um die Uhr. Die Nummern lauten: 0800/1110111 oder 0800/1110222.