badische-zeitung.de, 16.12.2024

 

Wenn eine Jubilarin zum runden Geburtstag den Spieß umdreht

Soziologische Konstrukte in seinem eigenen Alltag zu erkennen ist manchmal knifflig. Ruth Rau, Prädikantin aus Sexau, findet im Unverfügbarkeitsbegriff von Hartmut Rosa viele Inspirationen. Michael Sträter

Ihren 80. Geburtstag feierte Ruth Rau, Prädikantin in Sexau, in diesem Jahr. Und ließ sich nicht beschenken, sondern drehte den Spieß einmal herum. "Wir haben den Tag in einem offenen Kreis in der Kirche gefeiert. Den Kirchenraum habe ich mit von mir gemalten Seidentüchern geschmückt und alle Gäste durften sich eines der Tücher mitnehmen." Dabei habe sie selbst erlebt, wie sich Kirche öffnen kann. Gefeiert wurden nicht nur Gottesdienste: "Wir haben Tische zusammengestellt, zusammen gegessen und gemerkt, was in einem solchen Raum alles gemacht werden kann", sagt Rau.

Und es können auch Gemeindepreise im Gotteshaus vergeben werden, nach der coronabedingten Pause in diesem Jahr erstmals wieder. Obwohl es nach der Bekanntgabe des Preisträgers Hartmut Rosa, seines Zeichens Soziologe, auch Kritik gab, weil kein Theologe gewürdigt wurde – die Verleihung im April hallt in Sexau immer noch nach. Auch einige Monate später würden Ruth Rau und auch Pfarrer Marco Rückert immer wieder angesprochen von Menschen, die von der Veranstaltung begeistert gewesen seien.

Und das Treffen mit Deutschlands zurzeit wohl bekanntesten Soziologen hallt auch bei der 80-Jährigen immer noch nach. Bekannt wurde Rosa durch seine Theorie der Resonanz. So beschreibt er die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt, seien es Mitmenschen, Naturphänomene oder auch dingliche Gegenstände. Dabei seien diese Beziehungen unverfügbar, ließen sich nicht planen. Dies widerspricht zwar dem menschlichen Bedürfnis, seine Umwelt gänzlich zu beherrschen. Doch für Ruth Rau ist das Wissen um die Unverfügbarkeit auch ein Stück neue Freiheit, die sie gewinnen konnte. "Alter bringt Gelassenheit mit sich. Es ist nicht beunruhigend, älter zu werden. Und ich kann Dinge anfangen, aber ohne Stress, es muss nicht alles immer fertig werden und damit verfügbar sein", sagt sie.

Dabei habe sie sich in diesem Jahr eine Menge vorgenommen. Inspiriert durch das Resonanztheorem begann Ruth Rau, bereits geschriebene Gedichte zusammenzustellen und neue zu schreiben, Gedichte, die sie in einem dann mittlerweile dritten Gedichtband von ihr herausgeben möchte. "Bisher habe ich ein Band mit Liebesgedichten veröffentlicht, ein weiteres Büchlein unter dem Titel ‚Landschaften – Sehnsuchtsorte – Begegnungsorte‘." Und obwohl beide Bändchen nur in sehr geringer Zahl erschienen seien, werde sie immer mal wieder darauf angesprochen. Etwa von einer Frau, die im Pflegeheim eine Angehörige betreue und dieser Gedichte von Ruth Rau vorlese.

Mit großer Freude habe sie zudem ihre Weltreise auf dem Balkon gestartet. "Unsere Reiseliteratur, die im gesamten Haus verstreut war, sammle ich nun in einem Raum und sortiere diese. Das ist auch so ein Projekt, das sich Schritt für Schritt entwickelt und ich nicht weiß, wo es endet", sagt Rau. Auf jeden Fall aber bringe er zahlreiche Erinnerungen mit, etwa an eine Fahrt mit dem VW-Bus im November 1969 nach Stonehenge. "Wir waren die einzigen Menschen dort, es gab keine Imbissbude, nur wir und die Steinformation", sagt Ruth Rau noch heute schwärmend.

Sie lässt sich nun überraschen, was das neue Jahr ihr bringt. Und das mit der Gelassenheit des Alters. "Die Natur hat das gut eingerichtet. Man muss nicht mehr alles hören und sehen. Ich kann mich damit begnügen, was gerade wichtig ist." Wobei sie ein Ritual doch habe: Morgens setzt sie sich nach einer Tasse Kaffee an den PC, schreibt ihre Gedanken auf, liest in der Tageslosung. Und dann kommt die Unverfügbarkeit in ihr Leben. "Es klingelt das Telefon oder unangekündigter Besuch kommt, das ist alles nicht planbar."

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