Fränkische Nachrichten Wertheim, 16.12.2024

 

Ein Garant für stimmgewaltige Musik und Gänsehaut

Benefizkonzert: Viva Voce sang in voll besetzter Siftskirche gegen Geschenkewahn und Konsumterror an. Erlös fließt in Orgelsanierung

Von Roland Schönmüller

Wertheim. Ein voll besetztes Gotteshaus, ein ausgebuchtes Benefiz-Konzert, facettenreiche Gesänge eines populären Quartetts, das schon einmal vor zwölf Jahren in Wertheim war und unzählige, nachhaltige Eindrücke beim begeisterten Publikum – so lässt sich der rund 90-minütige Auftritt von Viva Voce, eines bekannten a-capella-Ensembles aus dem mittelfränkischen Ansbach, in der Main-Tauber-Stadt prägnant beschreiben.

Bei der Frage, was den Besuchern besonders gefallen habe, gab es nach dem Konzert ausschließlich positive Antworten wie „Ich verlor sämtliches Zeitgefühl“, „Wir erlebten professionelle Sänger“, „Selbst Humor und Witz durften nicht fehlen“, oder „Ich spürte Herzblut und wahre Leidenschaft“.Dass eine solche Gesangsgruppe ganz ohne Musik, Instrumente und Playback auskommen kann, bewiesen Heiko Benjes, Bastian Hupfer, David Lugert und Andreas Kuch eineinhalb Stunden lang im Chorraum der imposant illuminierten Stiftskirche.

Größtenteils wirkten Viva Voce als Quartett zusammen, teilweise zeigten sich die Akteure gelungen in Einzelbeiträgen mit effektvollen Rollen als ein kurzweiliger Erzähler, humorvoller Buchvorleser oder als überzeugender Schlagzeug-Imitator (nur mit Mikrofon-Einsatz).

Wie lässt sich die diese Professionalität und Souveränität von Viva Voce erklären? Das habe sicherlich mit eigenen Biografien der Sänger und mit der Entwicklung als Gruppe zu tun, meinte ein weiblicher Fan, der rechtzeitig in der ersten Reihe einen Konzertplatz gefunden hatte. Bekanntlich wurde vor mehr als einem Vierteljahrhundert, im Jahr 1998, Viva Voce von Mitgliedern des Windsbacher Knabenchores gegründet. Seit vier Jahren ist die Band in der Prunksitzung „Fastnacht in Franken“ mit eigenen Beiträgen vertreten. Das Ensemble war als Repräsentant des Freistaates Bayern auf der Expo 2020 in Shanghai zu Gast, besucht regelmäßig Musikfestivals in Walkenried, Königslutter oder die Burgfestspiele in Bad Vilbel. Im Frühjahr 2017 reiste Viva Voce als musikalischer Botschafter der Evangelischen Kirche zu einer landesweiten Tournee nach Brasilien.

Bastian Hupfer beweist Talent für Komik

Bastian Hupfer zeigte sich am Freitagabend nicht nur als begnadeter Sänger, sondern auch als begabter Schauspieler mit Talent für Komik. Mit jungenhaftem Charme und sympathischer Unkompliziertheit präsentierte sich der leidenschaftliche, energiegeladene Vollblutsänger David Lugert. Er sei zwar ein Rotzlöffel, aber er könne außergewöhnlich gut singen, attestierte ihm schon seine einstige Grundschullehrerin. Balladen und gefühlvolle Songs entfaltete er sich im Wertheimer Weihnachtskonzert als charismatischer Frontmann. Mit einer faszinierten Singstimme und seiner fast magisch Sprechstimme gesegnet offenbarte sich der aus dem Saarländer stammende, in Franken heimisch gewordene Heiko Benjes. Seine Beiträge aus der Lektüre „Das böse Buch von Weihnachten“ und sein tiefer Bass klingen wohl noch so manchem Gast angenehm oder nachdenklich in den Ohren. Andreas Kuch verkörperte den Musik-Nerd, wie er im Buch steht: als kreativer Komponist, ideenreicher Interpret, Beatboxer, Arrangeur, Songwriter und Chorleiter, bei dem alle Stränge zusammengelaufen sind und der viel Applaus für seine Schlagzeug-Nachahmung erhalten hat. Insgesamt gesehen war die Bandbreite des Weihnachtsshow-Benefizkonzerts von Viva Voce sehr groß. Schon allein der Titel „Glücksbringer“ war vielversprechend. Nicht dienen konnte das Quartett zur Weihnachtszeit mit den bekannten Assoziationen „Flügel“ oder “langem weißen Bart“. Dafür traten sie mit engelsgleichen Stimmen an, zu einem glücklich machenden Weihnachtskonzert und dies für Menschen, die gerne lachen, hochklassige Musik schätzen und einen ganzen Abend lang glücklich sein wollten.

Die vier Sänger waren ein Garant für stimmgewaltige Musik, für Humor und einem lang nachhallenden Konzerterlebnis – ganz ohne Instrumente. Denn bei Viva Vove war jeder Ton mundgemacht. Die charmante Band lieferte „Glücklichermacher“ am laufenden Band.

Mit einem funkelnden Weihnachtsprogramm sang Viva Voce fröhlich und mutig gegen den aktuellen Geschenkewahn und potenziellen Konsumterror. Zum „Fest der Liebe“ wurden alle Fallstricke des Weihnachtsfestes in gut gelaunte, mitreißende Musik verpackt und mit einem Augenzwinkern unter den Baum gelegt. Weihnachten also, nicht für zwischendurch, sondern als Fest der Fröhlichkeit und Entspannung mitten im Advent. Natürlich gab es auch ruhige Momente, in denen die Sänger ihre ausgebildeten Stimmen hatten funkeln lassen und mit geliebten Klassikern wie „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ für absolute Stille und für Gänsehaut sorgten. Am Ende sprach Dekanin Wibke Klomp den Segen für alle Besucher. Es folgte das gemeinsam gesungene Lied „O du fröhliche“. Martina Wenzel vom Förderverein Stiftskirche Wertheim bedankte sich für den zahlreichen Besuch dieses besonderen Konzertes. Jede verkaufte Karte diene einem guten Zweck und zwar der Sanierung und Renovierung der in die Jahre gekommenen Rensch-Orgel, die 2025 anstehe. Veranschlagt seien 210 000 Euro. Die Landeskirche übernehme davon 76 000 Euro. „Um den Rest darf sich die Kirchengemeinde selbst kümmern“, betonte Wenzel schmunzelnd. Ein Anfang sei nun mit dem Benefizkonzert gemacht. Außerdem hätten acht großherzige Sponsoren von Betrieben, Firmen und Institutionen finanzielle Unterstützung zugesagt.

Das gelungene, stimmungsvolle Benefiz-Konzert in der Stiftskirche war für viele Gäste schon ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. Auch die wechselnden, mystisch-magisch-märchenhaft anmutenden Lichteffekte im Chorraum der Stiftskirche werden wohl allen Besuchern in Erinnerung bleiben.