Für Pfarrerin Juliane Kautzmann ist der Beruf eine Berufung
Adelsheim.
Seit 100 Tagen ist sie als neue Pfarrerin im Amt. Ihr Ziel ist es, die Menschen zusammenzubringen. Elisabeth Englert"Predigen und segnen sind meine liebsten Amtshandlungen", erzählt Pfarrerin Juliane Kautzmann – und man glaubt es ihr sofort angesichts ihrer leuchtenden Augen. Sie wirkt zufrieden, in sich ruhend, scheint angekommen zu sein – zwar nicht im Pfarrhaus, noch wohnt sie zur Miete, vielmehr in "ihrer" Kirchengemeinde in Adelsheim, in der sie "herzlich und warm" empfangen worden sei. Seit dem 1. September, also seit 100 Tagen, sorgt sie sich als Pfarrerin im Probedienst um die ihr anvertrauten Seelen. Und das, obwohl ihr lange nicht bewusst war, dass dieser Beruf ihre Berufung sein werde.
Nach dem Abitur am Ganztagsgymnasium Osterburken hat sie Germanistik und Kunstgeschichte in Heidelberg studiert, was ihr sehr gefallen habe, nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen künstlerischen Begabung. Doch irgendwann spürte sie, dass ihr das zu oberflächlich sei, sie nicht zufriedenstelle, der Drang nach mehr Tiefe sei nicht hinreichend gestillt worden.
Wie unter Studierenden weit verbreitet, "schnupperte" sie in andere Studienfächer, unter anderem in die Theologie. Es war wohl Fügung, dass sie gerade eine Vorlesung besuchte, die sie von ihren Inhalten her fesselte. Insofern sei es für sie nur konsequent gewesen, das Studienfach zu wechseln, Hebräisch sowie Altgriechisch zu lernen und letztlich das erste kirchliche Examen abzulegen.
Pfarrerin zu werden, habe noch immer nicht ganz vorn auf ihrer Liste gestanden, arbeiten in einem Verlag mit entsprechender Literatur indes schon. Dennoch habe sie sich um eine Vikariatsstelle beworben, denn "nun hatte ich das Examen, dann gehe ich auch ins Vikariat". Der Entschluss war gefasst, sie habe ihre Stelle in Freiburg angetreten. Während dieser zwei Jahre habe sie in einer Stadt leben wollen, denn später, so viel stand fest, wolle sie wieder aufs Land.
Die Vikariatsaufgaben waren geprägt von Blockseminaren, wertvoll hierbei der Austausch mit Kollegen, von Liturgik, Seelsorge, Religionspädagogik, Kirchenrecht und vielem mehr. Nicht dazu gehört habe die Geschäftsleitung einer Pfarrei mit allem Drum und Dran wie Verwaltung und Finanzwesen. Hierfür sei in der Probezeit "learning by doing" vorgesehen, was bedeute, sie schaue ihrem Mentor, dem Osterburkener Pfarrer Thomas Schnücker, bei den Dienstbesprechungen über die Schultern.
Während des Vikariats habe ihr die Liturgik, die Gottesdienstlehre, sehr viel gegeben und große Freude bereitet. "Früher wollte ich nie vorne stehen", erinnert sie sich schmunzelnd. Nun predige sie gerne und genieße den Religionsunterricht, den sie an zwei Schulen in Osterburken und Seckach erteilt. Sie liebe es, wenn die Kinder mit leuchtenden Augen aufmerksam an ihren Lippen hängen und von den Geschichten bewegt seien, erzählt sie begeistert.
Doch zurück nach Freiburg. Trotz erfüllender Tätigkeiten sei Pfarrerin zu werden, noch immer nicht ihr Ziel gewesen. Als sie beim Maßnehmen für ihren Talar gefragt worden sei, ob zur Vermeidung von Verwechslungen ihr Name eingestickt werden solle, habe sie dies aus einem Bauchgefühl heraus spontan bejaht. Der Vorschlag ihrer Schwester, den Talar nach Vikariatsende zu verkaufen, sei damit hinfällig gewesen. Wiederum fällt das Wort "Fügung".
Durch die Freude am Feiern der Gottesdienste, an der Systematik, "für die schon immer mein Herz geschlagen hat", am Durchdringen der großen Glaubensfragen sei ein schleichender Prozess in Gang gekommen, an dessen Ende der Berufswunsch Pfarrerin gestanden hätte.
Fügung nennt sie auch ihre Lehrpfarrerin nebst Kolleginnen in Freiburg, die "großartig" gewesen seien und ohne die sie vermutlich nicht diesen Weg eingeschlagen hätte. Überhaupt habe sie dort viele "starke Frauen" kennengelernt, auch bei ökumenischen Projekten.
Nun stehe sie in Adelsheim auf der Kanzel und wolle die Menschen erreichen. Nicht mit einem "akademischen Sprech", aber gleichsam in die Tiefe gehend. Fragen wie "Wie reagiert Gott auf das Leid und die Ungerechtigkeit in der Welt?" oder die Kreuzestheologie, wo Gott Mensch wurde und der Mensch ihn finden könne, versuche sie nahezubringen.
Zugute komme ihr sowohl bei den Predigten als auch beim Unterricht ihre Liebe zur Kunst. Gar viele christliche, biblische Motive seien von Künstlern dargestellt worden. Eine Bildbetrachtung visualisiere, mache Themen nahbarer, anschaulicher, findet die passionierte Hobbymalerin. Wichtig sei ihr überdies, mit ihrer Sprache nicht auszugrenzen. Hier sei sie sehr sensibel.
Die Heimatnähe der Sindolsheimerin zur Wirkungsstätte Adelsheim komme ihr zupass. Eine Bauländerin unter Bauländern. Sie wirkt zuversichtlich, motiviert und geerdet, letzteres stimmig angesichts ihres familiären Umfelds, denn statt wie oftmals vorzufinden, entstamme sie keineswegs einer "Pfarrersdynastie". "Meine Eltern sind Bauern", erklärt sie kurz und knapp.
Motiviert sei sie, die Menschen zu berühren, zusammenzubringen, zu seelsorgen, sei es bei den ganz Kleinen im "Zwergengottesdienst", den Konfirmanden, den Senioren, bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, ökumenischer Zusammenarbeit oder Gottesdiensten.
Viele bereichernde Begegnungen habe sie in den letzten 100 Tagen erlebt und schwärmt von ihrer ersten Amtshandlung, einer Flusstaufe. Die Seckach plätschert zwischen Pfarrhaus und Gemeindesaal dahin, die Grünfläche biete ein natürliches Ambiente hierfür, darüber hinaus für Jugend- und "Konfifreizeiten", findet sie.
Die 33-Jährige freut sich auf die Herausforderungen, aufs Zusammenwachsen im Kooperationsraum, aufs "Anwachsen" in ihrer Gemeinde und geht alles mit Gottvertrauen, das ihr von ihrer Mutter mitgegeben worden sei, und Zuversicht an. Den kritischen Blick auf die Dinge habe sie von ihrem Vater mitbekommen, ergänzt sie augenzwinkernd.
Kraft beziehe sie aus ihrem Glauben, aus dem Getragensein von Gott, aber auch aus dem Eingebundensein in ihre Familie, an die sie mit ihrem Umzug vom Breisgau ins Bauland näher herangerückt sei.
Sonntags nach dem Gottesdienst freue sie sich auf das Mittagessen im Kreise ihrer Lieben. "Das ist schön", schmunzelt sie. Derart physisch und mental gestärkt wird sie auch über die Probezeit hinaus ausreichend Kraft für ihre liebsten Amtshandlungen haben, das Predigen und Segnen.
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