Badisches Tagblatt Rastatt, 03.12.2024

 

Geheime Schwangerschaft: Wie Frauen anonym entbinden

Sarah Reith

Vertrauliche Geburten sind selten, doch das ungewöhnliche Angebot gibt es auch in der Klinik in Baden-Baden-Balg

Unter falschem Namen ins Krankenhaus kommen, ein Kind zur Welt bringen – und danach ohne Kind wieder gehen: Das ist auch in der Klinik Balg in Baden-Baden möglich. „Vertrauliche Geburt“, heißt das Verfahren, das es inzwischen seit zehn Jahren gibt. Es soll Frauen in schwierigen Lebenssituationen ermöglichen, im sicheren Umfeld und unter medizinischer Aufsicht zu entbinden.

„Als das Verfahren auf den Weg gebracht wurde, dachte ich: Ob das angenommen wird?“, erinnert sich Ursula Kunz vom diakonischen Werk in Karlsruhe. Sie ist in der Diakonie Baden die Fachfrau für das Thema und berät auch die Zuständigen in Baden-Baden und dem Landkreis Rastatt.

Inzwischen weiß sie: „Es wird angenommen.“ Die Zahl ist allerdings trotzdem überschaubar. In der Balger Klinik gab es bisher erst zwei vertrauliche Geburten.

In Karlsruhe waren es immerhin 13. Und das wiederum ist der höchste Wert aller Städte in Baden-Württemberg. Deutschlandweit haben seit der Einführung des Gesetzes zur vertraulichen Geburt im Jahr 2014 mehr als 1.100 Frauen ihre Kinder auf diese Art zur Welt gebracht.

Früher blieb solchen Frauen als letzter Ausweg oft nur die Babyklappe. Sie brachten ihr Baby meist allein im heimischen Umfeld zur Welt. Eine medizinische Betreuung für Mutter und Kind fehlte dabei.

Und auch heute noch hat die vertrauliche Geburt die Babyklappe nicht ersetzt: Sie wird nach wie vor genutzt. Doch für manche Frauen bietet die vertrauliche Geburt einen sicheren Ausweg aus einer schier ausweglosen Situation.

Die Frauen haben eines gemeinsam: Ihre Schwangerschaft ist ein Geheimnis. Ein Leben mit Kind können sie sich nicht vorstellen. Aber eine Abtreibung kommt für sie auch nicht infrage. Entweder, weil sie das nicht wollen, oder weil sie ihre Schwangerschaft zu spät entdeckt haben.

Aber wer sind diese Frauen? Einen „typischen“ Fall gibt es nicht, sagt Ursula Kunz. „Es geht quer durch die ganze Gesellschaft.“ Außerdem seien alle Altersgruppen dabei.

Teils reisen Frauen für die Entbindung in andere Städte. Aus Angst, daheim erkannt zu werden. So kam eine der Frauen, die Kunz in Karlsruhe betreute, aus Baden-Baden. Oft weiß niemand im Umfeld dieser Frauen Bescheid.

Wie das möglich ist? „Frauen, die ihre Schwangerschaft verheimlichen, sehen oft nicht schwanger aus“, erzählt Kunz. Sie habe schon Kinder gesehen, die nach der vertraulichen Geburt „fast gefaltet gewirkt“ hätten. So, als hätten die Babys im Mutterleib gespürt, dass sie nicht auffallen durften.

Diese Erfahrung hat Corinna Kopf von der Schwangerschafts- und Familienberatung des Diakonischen Werk Rastatt ebenfalls schon gemacht. Sie hat die beiden Frauen begleitet, die eine vertrauliche Geburt in der Balger Klinik hatten. Auch Kopf erzählt von einer Frau, der sie die Schwangerschaft nicht angesehen habe. „Und das war kurz vor der Geburt.“

Die Gründe für die Geheimhaltung können unterschiedlich sein. Kunz erinnert sich etwa an eine junge Türkin, die von einem Deutschen schwanger war. Die junge Frau sei einem türkischen Mann versprochen gewesen und habe diesen aus Respekt vor ihren Eltern auch heiraten wollen. Also erfand Kunz mit ihr gemeinsam eine plausible Geschichte, mit der sie die Narbe des geplanten Kaiserschnitts daheim erklären konnte. Die junge Frau erzählte ihrer Familie, sie habe ein Myom in der Gebärmutter. Dieses könne nur in Karlsruhe entfernt werden. Sie bekam das Kind, das direkt adoptiert wurde, und kehrte in ihr Leben zurück.

Bei einer Mittzwanzigerin sei dagegen die Lebenssituation schwierig gewesen, erinnert sich Kunz. Vom Vater ihres Kindes sei sie schon getrennt gewesen. Durch ihn war sie in Kontakt mit Drogen gekommen, sei schließlich wohnungslos geworden. „Ihr Leben lag völlig in Scherben.“

Sie sei sehr motiviert gewesen, das wieder in den Griff zu bekommen. Ihre Großmutter habe sie aufgenommen. Doch: „Sie wusste, sie will mit diesem Teil ihrer Vergangenheit nicht mehr in Kontakt kommen, auch nicht über ein Kind.“

Kunz erinnert sich auch noch gut an eine gut situierte Frau, verheiratet und mit einer 19-jährigen Tochter. Mann und Tochter hätten von der Schwangerschaft nichts gewusst. Sie sei nach der Geburt nach Hause zurückgekehrt, „als wäre nichts gewesen“. Ob das Kind von einem Seitensprung stammte? „Vielleicht“, sagt Kunz. Erzählt habe diese Frau aber selbst ihr nichts.

Dabei ist die jeweilige Beraterin von einer Schwangerschaftsberatungsstelle für die Frauen oft die einzige Verbündete. In Mittelbaden können sich die Betroffenen etwa an Ursula Kunz und ihr Team vom Diakonischen Werk in Rastatt wenden. Oder an Ursula Keilbach und ihre Kolleginnen beim Sozialdienst katholischer Frauen in Baden-Baden.

Eine Beratung steht bei einer vertraulichen Geburt stets am Anfang. Die Beraterinnen sind es auch, die einen sogenannten Herkunftsnachweis erstellen. Auf diesem kleinen Zettel tragen die Frauen ihren echten Namen, ihr Geburtsdatum und ihre aktuelle Adresse ein. Dann wird der Zettel in einem Umschlag sicher verschlossen.

Nach der Geburt werden auf diesem Umschlag noch einige Informationen ergänzt. Dort werden dann unter anderem der Name und das Geburtsdatum des Kindes eingetragen. Danach wird er ans Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln geschickt und dort aufbewahrt.

Nur das Kind selbst hat das Recht, diesen Umschlag nach Vollendung des 16. Lebensjahrs anzufordern und zu öffnen. Erst dann kann es also herausfinden, wie seine leibliche Mutter hieß.

In die Klinik geht die Schwangere dagegen mit einem Pseudonym. Der Klinikaufenthalt wird auch nicht über ihre Krankenkasse abgerechnet, sondern über das zuständige Bundesamt.

Dass das in einer Klinik glattläuft und zum Beispiel niemand nach der Krankenkasse fragt, war anfangs gar nicht so einfach, erzählt Susanne Baus. Sie ist leitende Hebamme im Klinikum Mittelbaden und hat versucht, vor Ort entsprechende Strukturen zu schaffen.

So müssen die Betroffenen in Balg nach der Geburt etwa nicht auf der Wochenstation liegen. Dadurch sind sie nicht mit den vielen glücklichen Familien dort konfrontiert. Sie kommen in die gynäkologische Abteilung, können ihr Kind auf der Kinderstation aber immer noch besuchen.

Und theoretisch könnten sie es sich noch immer anders überlegen, ihren echten Namen nennen und ihr Kind mit nach Hause nehmen. Erst, wenn der Herkunftsnachweis ans Bundesamt verschickt ist, ist die vertrauliche Geburt offiziell geworden und der Kontakt zum Kind gekappt. Zumindest für die nächsten 16 Jahre.

Schwangere, die eine anonyme Beratung brauchen oder eine vertrauliche Geburt wollen, können sich an das Hilfetelefon für Schwangere wenden. Dieses ist rund um die Uhr erreichbar, barrierefrei und mehrsprachig. Über das Telefon werden auch Ansprechpartner vor Ort vermittelt. Die Beraterinnen des Hilfetelefons sind unter 0800 4040020 sowie per E-Mail und Chat auf www.hilfetelefon-schwangere.de erreichbar.