BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN - Brettener Nachrichten, 30.11.2024

 

Änderung der Gebetsläuten-Tradition

Peter Dietrich

Erstmals wird in der über 500-jährigen Geschichte der Göbricher Sankt-Ulrich-Kirche (1507 erbaut) das Gebetsläuten ab dem 1. Advent verändert. Übernommen werden somit die klassischen christlichen Gebetszeiten.

Auf dem Zifferblatt einer Uhr ergeben sie ein Kreuz: 0 Uhr/12 Uhr; 3 Uhr/15 Uhr; 6 Uhr/18 Uhr; 9 Uhr/21 Uhr. Die bisherigen Zeiten (11, 16 und 19 Uhr) des Erklingens haben keine christliche Bedeutung.

Gebetszeiten werden nach hinten geschoben

Diese dienten früher für die Bauern, die auf dem Feld keine Uhr dabeihatten, damit sie wussten, wann es Zeit ist, heimzukehren. 19 Uhr galt als Betglocke und als Erinnerung an Kinder, schnell nach Hause zu gehen, da sie sich danach nicht mehr im Dorf herumzutreiben hatten. Nun werden die Gebetszeiten auf 12.01 Uhr, 15.01 Uhr und 18.01 Uhr verschoben. Jeweils eine Minute später wegen des Uhrschlages. 6.01 Uhr bleibt wie bisher. Die Läutedauer ändert sich nicht.

Auch entfällt weiterhin das 6.01 Uhr-Läuten an Wochenenden. An Samstagen läutet die Betglocke abends schon um 17.55 Uhr, bevor dann um 18.01 der Sonntag eingeläutet wird. Um 0 / 3 / 9 / 21 Uhr wird wie bisher selbstredend nicht geläutet. Es geht hier ums Läuten der Glocken, nicht um den Uhrschlag! Beim Uhrschlag schlägt ein Klöppel auf die starre Glocke und es verändert sich nicht. Beim Läuten schwingt die Glocke.

Diese Veränderung wurde von der Evangelischen Landeskirche in Baden empfohlen, die der Kirchengemeinderat Göbrichen einstimmig beschlossen hat. Dieser verbindet diesen Beschluss mit der Hoffnung, dass die neuen (traditionellen) Läutezeiten vermehrt als Gelegenheiten zum Gebet wahrgenommen werden und dass es uns mit dem Beten so geht wie dem Verfasser von Psalm 92: „Schön ist es, dem Herrn zu danken und deinen Namen, du Höchster, zu preisen. Gerne verkünde ich am Morgen deine Güte und erzähle in den Nächten von deiner Treue.“

Es ist für Göbrichen ein großer Segen, dass Dekan Christoph Glimpel vom Evangelischen Kirchenbezirk Badischer Enzkreis, zugleich auch Gemeindepfarrer ist, da er Göbrichen sehr ins Herz geschlossen hat und stets für Neues offen ist. Vor rund 100 Jahren kaufte sich Jakob Fetz (1888 bis 1966) aus Nußbaum eine Kuh von Karl Quitz (1866 bis 1943). Diese war gewohnt, dass sich Quitz und seine Familie beim 11 Uhr-Läuten im wahrsten Sinne des Wortes „vom Acker machten.“

Doch Fretz konnte dies nicht einhalten. Da er noch Dorfschmied war, kam er morgens nicht so früh aufs Feld, um schon um 11 Uhr wieder nach Hause zu gehen. Doch dies war die Kuh gewohnt und gab keine Ruhe und zeigte, dass sie ins Dorf zurückwollte. Daher blieb Fretz nichts anderes übrig, als diese gute Milchkuh schweren Herzens schnell wieder zu verkaufen.

Beim Abendläuten schickte früher der Polizeidiener (Ortsbüttel) Kinder, die noch im Dorf unterwegs waren, nach Hause. Da Hermann Bischoff (1885 bis 1975) in Nußbaum ab 1938 zugleich 33 Jahre Kirchendiener war, konnte er dies in Doppelfunktion machen, als er in die Kirche zum Läuten ging.

Wenn Kinder noch auf dem Kirchplatz spielten und ihn baten, er solle mit dem Läuten noch warten, kam ab und zu vor, dass er Erbarmen mit ihnen zeigte, sich auf die Treppe setzte und wartete. Wenn er danach läutete, gingen aber alle brav heim.

Anmerkung der Pressespiegelredaktion: Dieser Artikel ist unter der gleichen Überschrift auch im Pforzheimer Kurier vom 30.11. erschienen. Ein weiterer Artikel dazu erschien am 2.12. in der Pforzheimer Zeitung.