Wertheimer Zeitung, 30.11.2024

 

In der Kirchengemeinde schlagen die Wellen hoch

Glaube: Dekanin Wibke Klomp wehrt sich gegen Vorwürfe aus einer Mitteilung der jüngsten Gemeindeversammlung in Dertingen

WERTHEIM-DERTINGEN. Die Einschnitte durch die von der evangelischen Landeskirche angestoßene Strukturreform sind längst nicht allen Gläubigen Recht. Besonders laut ist der Widerstand nach wie vor in der Dertinger Kirchengemeinde. Ruhe scheint dort nicht eingekehrt zu sein, wie eine Pressemitteilung aus der jüngsten Gemeindeversammlung zeigt. Die darin attackierte Dekanin Wibke Klomp wehrt sich gegen erhobene Vorwürfe.

Die Wellen schlagen hoch, sind bis an die Türen des Karlsruher Oberkirchenrates gebrandet und rollen nun zurück. Klomp bemüht sich gegenüber der Öffentlichkeit, den Ball flach zu halten, lobt ausdrücklich eine sehr engagierte Arbeit innerhalb der Dertinger Gemeinde.

In einer Pressemitteilung hatte der Vorsitzende des Dertinger Kirchengemeinderates, Wolfgang Stein, zunächst die Strukturreform EKIBA 2032 generell kritisiert. Ihm fehle die Reflexion auf die Wirksamkeit vorangegangener Reformen. Ein messbarer Erfolg im Sinne einer gestoppten Austrittswelle habe sich nicht eingestellt. Man könne den Eindruck gewinnen, es gehe nur noch darum, dass die Kirchenmitglieder Vorschläge auf Ebene des Kirchenbezirks und der Landeskirche widerspruchslos abnickten, heißt es.

Betont überzeugt zeigte sich Stein, dass man dem spirituellen Bedürfnis der Menschen »nicht mit Cocktailnächten bei Diskobeleuchtung oder Wasser-Fesselspielen in der Stiftskirche« entgegenkomme. Gerade weil es in der Gesellschaft genügend Orte des Moralisierens gebe, wünsche er sich von Kirche wieder eine Rückbesinnung auf deren Kerngeschäft. Dem Zeitgeist nachzulaufen oder bei politischen Demonstrationen die Präsenz von evangelischer Kirche zu zeigen, schärfe nicht zwangsweise das christliche Profil, heißt es in der Mitteilung.

Stein spricht sich laut der Mitteilung für die Kirche vor Ort aus - mit einem festen Gemeindepfarrer, der die Menschen kenne und sie in ihren Lebenslagen begleite. Die Reformidee kirchlicher Kooperationsräume funktioniere in ländlichen Regionen nicht, man werde noch mehr Gläubige verlieren. Auf Dertingen gemünzt stellte Stein es infrage, dass man alles getan habe, den scheidenden Pfarrer Bernhard Ziegler zu halten. Eine Nachbesetzung werde es womöglich nicht mehr geben. Stein unterlegte das laut der Mitteilung mit 47 unbesetzten Pfarrstellen in der Landeskirche. Viele davon lägen in attraktiveren Regionen, zudem sei die Stelle in Dertingen mit außergewöhnlich umfangreichen Erwartungen an einen möglichen Nachfolger verknüpft worden.

Innerhalb Dertingens habe man sich im Angesicht dessen zu einem großen Schritt entschlossen. Kirchengemeinderat und Kirchendiener hätten sich zu Lektoren ausbilden lassen, um die Gottesdienste aufrechterhalten zu können. Letzteres auch, um einen bedauernswerten Zustand abzufedern, in den sich die Landeskirche manövriert habe.

Im Weiteren kritisiert die Pressemitteilung, dass die Kirchensteuer der Gemeindemitglieder nicht der örtlichen Gemeinde zugutekomme, auch dass Opfergelder nicht gänzlich in der Gemeinde blieben. Kirchenaustritte seien nachvollziehbar. Dekanin Klomp und zwei namentlich genannte örtliche Landessynodale trügen Mitverantwortung. Sie hätten es versäumt, die Interessen des Kirchenbezirks im notwendigen Maß an den Oberkirchenrat zu kommunizieren.

Klomp will die Angriffe, gerade auf die beiden Synodalen, so nicht stehen lassen. Cornelia Wetterich und Helmut Wießner seien überaus engagiert für den Kirchenbezirk eingetreten, hätten es sogar durchgesetzt, dass die beiden führenden Köpfe der Landeskirche, Jochen Rapp (zuständig für die Gebietsreform) und Andreas Maier (Finanzen), nach Wertheim gekommen seien, um Kritikern Rede und Antwort zu stehen.

Dertingen gut gestellt

Im Weiteren sei gerade Dertingen bei der Strukturreform besser platziert als viele andere Gemeinden. So sei die dortige Wehrkirche mit Grün gelabelt, bleibe also in der finanziellen Förderung der Landeskirche, die Dertingen auch sonst über das Normale hinaus gut stelle. Klomp macht das doppelt an der geplanten Nachbesetzung der im Januar frei werdenden Pfarrstelle Bernhard Zieglers fest. Die Landeskirche stelle im Schnitt einen Pfarrer für 1800 Gläubige. Dertingen allein habe lediglich 434 Kirchenmitglieder, selbst wenn man Kembach (225) und Dietenhan (168) hinzurechne, dann reiche der Anspruch nur für eine halbe Pfarrstelle. Unrichtig sei auch die Darstellung, wonach das Arbeitspensum des Pfarrers höher angesetzt sei als anderenorts, aktuell sei sogar die Krankenhausseelsorge herausgenommen.

Darüber hinaus sei das Nachbesetzungsverfahren für den von ihr hochgeschätzten Studienkollegen Bernhard Ziegler ungewöhnlich engagiert. Entgegen der Übung sei Zieglers Stelle schon seit dem September ausgeschrieben. Üblich sei es, das erst nach dem Fortgang einer Kollegin, eines Kollegen zu tun. Obendrein habe sie es durchsetzen können, dass Zieglers Stelle auch für Pfarrerinnen und Pfarrer auf Probe gelistet sei, sagt Klomp. Es sei deutlich mehr als das Übliche getan worden, um die Vakanz so kurz wie möglich halten zu können.

Keine Lektorenausbildung

Sehr deutlich macht Klomp in dem Zusammenhang, dass, entgegen der Pressemitteilung, weder Kirchengemeinderat noch Kirchendiener zum Lektor ausgebildet worden seien. Die Personen hätten lediglich einen eintägigen Kurs absolviert, der ihnen keinerlei Kanzelrecht gebe.

Klomp verwahrt sich ebenfalls gegen Anwürfe, wonach Kirche unter ihrer Führung »mit Cocktailnächten, Fesselspielen oder bei politischen Kundgebungen am spirituellen Bedürfnis der Menschen vorbei« agiere. Sie handle in kirchlichem Auftrag nach der Maßgabe: »Suche der Stadt Bestes«. Bei der Demonstration gegen Rechts seien 120 Vereine, Gruppen und Institutionen gebündelt worden, ohne dass die evangelische Kirchengemeinde sich dabei politisch positioniert habe. Buntes Licht in der Stiftskirche sei in der »Langen Nacht der Kirche« und auch als Beitrag zur »Ladies Night« eine angemessene Mitwirkung innerhalb der Stadtgesellschaft und so auch durch erhebliche Besucherzahlen honoriert worden. »Fesselspiele« habe es keine gegeben, lediglich habe man den scheidenden Bezirkskantor symbolisch gebunden, um das Bedauern über seinen Weggang auszudrücken.

Falsch sei auch die Darstellung der Pressemitteilung des Dertinger Kirchengemeinderates, wonach Kirchensteuern einzig nach außen abgeführt würden und Opfergelder nicht in vollem Umfang der Gemeinde zukämen. Richtig sei, dass die in Dertingen vereinnahmten Kirchensteuern in keiner Weise ausreichten, um den Kirchenbetrieb dort zu finanzieren. Dertingen werde von der Solidargemeinschaft der Landeskirche getragen. Auch Opfergelder blieben immer in der Gemeinde, lediglich die Kollekte nicht. Diese gehe gezielt an andere, das werde so auch angekündigt. Klomp nannte Brot für die Welt und die Telefonseelsorge.