Pfarrhaus wird verkauft, Zukunft offen
Wilhelmsfeld.
Hier waren ein Freiheitskämpfer und Kaiserin Sissi zu Gast. Der Bürgermeister wünscht sich ein Rizal-Museum. Sabrina LehrWilhelmsfeld. Die Landeskirche macht ernst. Lange wurde geredet über die Verschlankung des teuren Apparats bei sinkenden Mitgliederzahlen, dann wurde ein Baustopp für kirchliche Projekte verhängt und letztlich der Überlebensplan ersonnen: "Ekiba2032".
Dessen Inhalt: Die Reduzierung der kirchlichen Gebäude in jedem Bezirk um 30 Prozent. Und der Verzicht auf ein Drittel des Personals. Die Lösung sollte die Bildung sogenannter Großgemeinden sein.
Als eine der ersten Gemeinden wurde Wilhelmsfeld der Pfarrer gestrichen, die Gemeinde dem "Kooperationsraum Steinachtal" zugeschlagen (siehe unten). Und jetzt folgt der nächste Schritt. Die evangelische Gemeinde Wilhelmsfeld verliert ihr Pfarrhaus.
Die Stiftung Schönau, der das Anwesen streng genommen gehört, bestätigt auf RNZ-Anfrage, dass das Haus "in nächster Zeit" veräußert werden soll. "Vor dem Hintergrund des landeskirchlichen Strategieprozesses wird das Pfarrhaus in Wilhelmsfeld künftig nicht mehr als Dienst- und Wohnsitz einer Pfarrstelle benötigt", so Sprecherin Christine Flicker.
Mehr Antworten gibt es nicht. Ein stummes Ende des um 1868 gebauten Anwesens mit Stall, Waschhaus und Scheune also?
Gewissermaßen der letzte Bewohner des Pfarrhauses hofft auf Gegenteiliges: Bürgermeister Tobias Dangel ist der Ehemann der letzten Pfarrerin von Wilhelmsfeld, Silke Dangel. Da Gemeindepfarrer Residenzpflicht haben, lebte die Familie insgesamt fünfeinhalb Jahre im Pfarrhaus in der José-Rizal-Straße.
An die Zeit erinnert sich das Gemeindeoberhaupt gerne: "Das Leben im Pfarrhaus ist schon etwas Besonderes. Und zwar in vielerlei Hinsicht", sagt Dangel. Es sei schön, in einem so alten und ehrwürdigen Haus zu leben, in dem bereits viele Pfarrfamilien gewohnt hatten.
Er gibt auch einen Einblick in das Leben hinter den altehrwürdigen Mauern. Auf einem 5300 Quadratmeter großen Hanggrundstück steht das Haus, das über drei Etagen Küche, Esszimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer, zwei Kinder- und ein Gästezimmer, Archiv, Pfarrbüro und Pfarrsekretariat beinhaltet.
"Die Diensträume und das Pfarrbüro sind im Haus untergebracht. Die Pfarramtstoilette und das Gemeindearchiv lagen in unseren privaten Räumen und auch der Garten wurde von den ehrenamtlichen Mitarbeitern und Kunden des Eine-Welt-Ladens am Samstag mitgenutzt", sagt Dangel. "Da ist man natürlich nie ganz für sich, sondern immer auch öffentlich, wenn man zu Hause ist."
Auch an Wochenenden und Feiertagen sei die Pfarrerin immer ansprechbar, wenn jemand an der Tür steht. "Leben und Arbeiten ist bei Pfarrern ganz eng miteinander verbunden und die Familie erlebt das natürlich hautnah mit." Gestört habe das aber nie.
Noch etwas Besonderes am Wilhelmsfelder Pfarrhaus ist laut Dangel indes eine Gästegruppe mit weiter Anreise. "Das Haus wird ganzjährig von Menschen von den Philippinen aufgesucht", so Dangel.
Der Grund ist bekannt: Hier, im Luftkurort, vollendete der berühmte philippinische Freiheitskämpfer Dr. José Rizal während seines Studiums 1886 seinen bedeutenden Befreiungsroman "Noli me tangere". Das macht Wilhelmsfeld samt seines Pfarrhauses, wo der Freiheitskämpfer lebte, fast schon zur Pilgerstätte. "Man darf nicht unterschätzen, dass Rizal auf den Philippinen fast schon wie ein Heiliger verehrt wird und im ganzen ostasiatischen Raum von großer Strahlkraft ist", so Dangels Erfahrung.
Seine Erfahrung im Pfarrhaus endete jedoch im vergangenen Jahr. Mit dem Ende der Residenzpflicht für Silke Dangel erlosch auch der Anspruch auf das Wohnrecht im Pfarrhaus – ein Anspruch, der übrigens trotzdem zur Zahlung von Miete und dank denkmalgeschütztem alten Gemäuer recht hohen Nebenkosten verpflichtet.
"Weil zum Ende der Dienstzeit meiner Frau aber schon klar war, dass die Pfarrstelle in Wilhelmsfeld nicht wieder besetzt wird, hätten wir uns schon vorstellen können, dort wohnen zu bleiben", so der Bürgermeister. "Leider hat die Stiftung Schönau, der das Pfarrhaus ja gehört, es als verwaltungstechnisch sehr aufwendig empfunden, die Miete und die Nebenkosten für ein Einfamilienhaus zu bearbeiten."
Man habe den Dangels "klargemacht, dass wir spätestens zum 31.12.24 aus dem Pfarrhaus ausziehen müssen". Dem Ort blieb die Familie zwar erhalten, weil sie ein Haus im Unterdorf mietete. Das Pfarrhaus steht nun leer.
Als Bürgermeister liegt Dangel sein einstiges Zuhause aber immer noch am Herzen. "Natürlich wäre es mir als Bürgermeister am liebsten, wenn das Pfarrhaus in kirchlicher Trägerschaft bliebe", sagt er auch angesichts dessen, dass das Pfarrhaus eines der "ältesten und geschichtsträchtigsten Häuser unseres Ortes" ist, "das von seiner kirchlichen Bestimmung gar nicht gelöst werden kann".
Neben Rizal ist auch Kaiserin Sissi dort zu Besuch gewesen. "Wie es scheint, möchte die Stiftung Schönau aber einen anderen Weg gehen." Dangel hat eine Hoffnung für die Zukunft des Gebäudes: "Aus meiner Sicht kann der Weg eigentlich nur sein, das Haus am Ende für die Öffentlichkeit zu erhalten."
Er denkt an "das erste Rizal-Museum in Deutschland, das auch als Zentrum für die deutsch-philippinischen Beziehungen dienen könnte". "Gerade, wenn man sich die Bedeutung Rizals für die kolonialismuskritischen Bewegungen in Asien bewusst macht, müsste jedem die große überregionale Bedeutung des Pfarrhauses unmittelbar einleuchten."
Nicht zuletzt stehe der alte Brunnen des Pfarrhauses als Geschenk an die Philippinen im Rizal-Park in Manila. "Gut ist, dass sich die Stiftung Schönau der Bedeutung des Pfarrhauses bewusst ist und dass es sich hierbei um einen historischen, kulturellen und politischen Schatz im Stiftungsbesitz handelt, der nicht einfach verscherbelt werden darf", so der Bürgermeister.
Bleibt also abzuwarten, in welche Zukunft das Pfarrhaus geht. Aber eine gute Nachricht gibt es noch für den evangelischen Besitz im Ort: Der komplette Ausverkauf droht nicht. Die Kirche nämlich bleibt laut Dangel erhalten.
Bürgermeister hat Hoffnung für Kirchengemeinde
Mit dem Beginn des kommenden Jahres beginnt eine neue Ära im Steinachtal. Zum 1. Januar werden die bisher fünf eigenständigen Kirchengemeinden Wilhelmsfeld, Heiligkreuzsteinach, Heddesbach, Altneudorf und Schönau zu der evangelischen Kirchengemeinde Steinachtal fusionieren. Der Grund sind Sparmaßnahmen der Landeskirche.
Damit wird offiziell, was im Steinachtal seit Ende der Pandemie wie mehrfach berichtet bereits langsam aber sicher auf den Weg gebracht wurde. In Wilhelmsfeld, wo es bereits seit vergangenem Jahr keinen Ortspfarrer mehr gibt und wo nun auch das Pfarrhaus verkauft wird, endet damit eine 150-jährige Ära der Selbstständigkeit als Kirchengemeinde. Was bedeutet das? Bürgermeister Tobias Dangel schätzt die Lage ein.
"Natürlich verändert sich durch die Fusion das kirchliche Leben am Ort, aber das hat sich natürlich auch in den letzten zehn, 20 Jahren stark verändert: durch den Bedeutungsverlust des Religiösen für viele Menschen, durch zahlreiche Kirchenaustritte, durch zurückgehendes ehrenamtliches Engagement und vieles dergleichen mehr", so der Rathauschef, der mit der letzten Wilhelmsfelder Pfarrerin, Silke Dangel, verheiratet und so quasi doppelt nah dran an der Gemeinde ist.
"Die Fusion hat die Kirchengemeinderäte und Pfarrpersonen nach meinem Kenntnisstand sehr viel Organisation und Arbeit gekostet und ich wünsche mir, dass sie sich nach der Fusion wieder verstärkt dem Gemeindeaufbau zuwenden können."
Während die Anzahl der Gottesdienste in den fünf Gemeinden reduziert wurde, kooperieren die Kirchgemeinderäte Dangels Einschätzung nach sehr gut und die Gottesdienste werden an den wechselnden Orten auch gut besucht.
Und noch eine positive Beobachtung hat der Bürgermeister gemacht. "Während der Kirchenchor in Wilhelmsfeld sich aus Altersgründen vor einem Jahr aufgelöst hat, haben wir heute eine regional stark aufgestellte kirchliche Jugendarbeit, woran vor fünf Jahren noch keiner gedacht hat", so Dangel, der die Entwicklung ausdrücklich begrüßt.
"Ich glaube, die Kirche durchlebt eine ähnliche Entwicklung, wie wir sie an vielen Stellen in unserem Land erleben", sagt der Bürgermeister weiter. Vieles verändere sich, Altbekanntes und Vertrautes werde aufgegeben und nicht zuletzt fehle das Geld. "Aber man darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Und weil das auch keiner macht, entsteht in der Veränderung auch wieder Neues – manchmal an Stellen, mit denen keiner zuvor gerechnet hätte."
Die Bürger in Wilhelmsfeld erlebten den Transformationsprozess der Kirchengemeinden hautnah mit. "Da ist nicht jeder mit allem einverstanden, da ist, wie mir scheint, auch noch nicht alles fertig gedacht und geplant", sagt der Bürgermeister. "Aber der Prozess läuft und setzt neue Dynamiken frei." Er sei gespannt, wie sich die Kirchengemeinde Steinachtal entwickeln wird. "Ich bin voll Zuversicht, dass sie eine Gute sein wird."
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