Badische Zeitung Ortenau, 26.11.2024

 

Überall ist der Schmerz zu spüren

Zerbrochenes junges Leben: Die Hochschule und die Evangelische Erwachsenenbildung zeigen eine Foto-Ausstellung zu Lebensläufen von ermordeten ukrainischen Studierenden. Zu sehen ist sie bis 13. Dezember in der Hochschule Offenburg.

Offenburg
In der Steinstraße 21 befindet sich seit Oktober in einem leerstehenden Laden eine Art öffentliches Wohnzimmer der Hochschule Offenburg, genannt „Zukunftswerkstatt“. Hier, im Herzen der Stadt und nicht draußen auf dem Hochschulcampus, wird die Hochschule für die Öffentlichkeit erfahrbar nicht nur als eine Kaderschmiede des Wissens, sondern auch als Ideengeberin für die Zukunft. Die dort eröffnete Ausstellung „Unissued Diplomas“ – von diesem Dienstag an in Gebäude D der Hochschule zu sehen – hat dagegen eher mit den Werten zu tun, die eine deutsche Hochschule ihren Studierenden mit auf den Weg geben soll: Achtung der Freiheit und der Menschenrechte, internationale Solidarität der Studierenden und „Zukunftsmut“, wie es Thomas Seifert, Prorektor für Forschung und Transfer, bei der Eröffnung der Ausstellung vor 20 Gästen ausdrückte.

Der seit mehr als 1000 Tagen andauernde Krieg in der Ukraine hat inzwischen über 12.000 Zivilisten das Leben gekostet, mehr als 7,5 Millionen sind ins Ausland geflohen, 1,5 Millionen von ihnen leben heute in Deutschland. Junge Studierende auf der ganzen Welt identifizieren sich besonders mit ihren gleichaltrigen ukrainischen Studienkollegen, deren Lebensentwürfe durch den Krieg brutal zunichtegemacht wurden, noch bevor sie das angestrebte Abschluss-Diplom in der Tasche hatten.

Ukrainische Studierende in den USA und Kanada haben deshalb zum Gedenken an die Ermordeten eine Auswahl dokumentierter Lebensläufe mit den dazugehörigen schlichten Handy-Fotos zusammengestellt, die nun auf ihrem Weg durch Europa unter dem Titel „Unissued Diplomas“ (nicht ausgestellte Diplome) auch in Offenburg gezeigt wird.

Da schaut uns der 23-jährige Andri an, ein Student der Agrarwissenschaften in Cherson, der während einer Autofahrt mit seinem Vater, seinem Bruder und einem Freund am 26. Februar 2022 in der Nähe von Cherson von russischen Heckenschützen erschossen wurde und der seinen Traum von einer eigenen Familie nie verwirklichen wird. Die 17-jährige Anna, eine begabte Sängerin und Musikerin, wird nie ein berühmter Bandura-Star werden, weil ein russisches Schrapnell sie am 9. März 2022 auf einer Brücke bei Tschernihiw in den Bauch traf. Und der 22 Jahre alte Sem war gerade mal zwölf Tage verheiratet, als er bei der Befreiung von Butscha und Irpin starb. „Mir schauen hier ständig meine eignen Kinder entgegen“, sagt eine Besucherin. Bei einer anderen sind es die Enkelkinder. Überall ist beim Publikum der Schmerz über diese Verschwendung von blühendem Leben zu spüren. Die ukrainische Liedermacherin Alina Linkova sang zur Eröffnung und zum Schluss der Veranstaltung zwei bewegende eigene Lieder: ein Wiegenlied, das die gestohlene Kindheit beklagte, sowie ein inniges Gebet um Frieden. Gabriella Balassa, die Kirchenbeauftragte für Flucht und Migration des evangelischen Kirchenbezirks Ortenau, moderierte anschließend das Gespräch mit drei ukrainischen Frauen: Professorin Evgenia Sikorski, der Physikerin Oksana Lozovenko aus Saporischschja und der Medizinstudentin Margarita Koshyl aus Charkiw. Evgenia Sikorski lebt seit langem in Offenburg und war an der Hochschule tätig.

In ihrem Ruhestand ist sie als Netzwerkerin für ihre Landsleute tätig und organisiert Programme für ukrainische Studierende in Europa, etwa über den Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD oder das Erasmus- Programm, wie sie berichtete.

Oksana Lozovenko erzählte vom Studienalltag im Krieg. „Alle versuchen, zu arbeiten wie früher, das ganze Kollegium und die Studierenden sind online, alle Vorlesungen werden online gestellt und können jederzeit nachgearbeitet werden. Wenn es irgendwie möglich ist, arbeitet man auch live zusammen.“

Studentin Margarita berichtete, dass viele Professoren und Studienkollegen an der Front seien. Ein Freund von ihr sei als Sanitäter aktiv. „Die Herzen sind müde“, fasste Sikorski die Stimmung zusammen. Man dränge die Gefühle zurück, distanziere sich. Wenn sie mit Fachkollegen in der Ukraine spreche, gehe man gleich auf die englische Sprache über, die auch die Unterrichtssprache in den Naturwissenschaften sei. Es sei diffizil, mit Menschen umzugehen, die sich im Krieg befinden, man brauche viel Fingerspitzengefühl. „Aber sie haben alle sehr viel Angst, dass ihre Unterstützer im Ausland müde werden, genug haben von dem Elend und sich abwenden.“

Medizinstudentin Margarita berichtete über ihre Flucht gleich zu Kriegsbeginn mit ihrer Mutter über Lviv an die polnische Grenze und „viele tolle hilfsbereite Menschen“, über ihren Weg ins Flüchtlingslager Kehl und das Glück der ersten eigenen Wohnung. Man könne in Deutschland „angenehm leben“, es gebe für sie keine großen Kommunikationsprobleme. Sie wolle ihr Medizinstudium vollenden und dann „ganz viel für die Ukraine tun“. Lozovenko, die bis Februar einen Lehrauftrag an der Hochschule Offenburg hat, hofft, weiterarbeiten zu können. Sie werde jede Art von Arbeit annehmen. Beide Frauen nannten die deutsche Sprache als größte Hürde bei der Arbeits-Integration.

Mehr Infos über die Ausstellung unter: www.unissueddiplomas.org.de
Zu sehen ist die Ausstellung vom 26. November bis 13. Dezember in Gebäude D der Hochschule (montags bis freitags von 7 bis 20, samstags von 7.30 bis 18 Uhr.