Der Imam beeindruckt
Erinnerungskultur: Auf der Rheinau wird der Volkstrauertag auf ganz neuartige und gerade dadurch bewegende Weise gestaltet
Von Konstantin GroßRheinau. Wer an jenem Sonntagvormittag die evangelische Versöhnungskirche am Rheinauer Marktplatz betritt, erhält am Eingang einen Stein. Und zum Sitzplatz gelangt man entlang einer künstlerischen Installation aus langen Packpapier-Rollen, die sich wie ein Bächlein durch das Kirchenschiff ziehen.
Schon äußerlich also präsentiert sich die Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag auf der Rheinau völlig anders als an sonstigen Orten. Und das bewusst: „Zurückblicken“ ja, erläutert Pfarrer Hansjörg Jörger, „auch Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Aber dass wir auch in der Gegenwart sind“ – darauf kommt es ihm an und den Veranstaltern vom Gemeinnützigen Verein, Dachorganisation des Stadtteils. So gestaltet das Team um Vereinschef Andreas Schäfer auch diese Veranstaltung.
Packpapier-Rolle und Steine mit eindringlicher Symbolik
Etwa mit der Installation aus Packpapier-Rollen, deren Symbolik man erst auf den zweiten Blick versteht. Eigentlich dient dieses Packpapier ja als Schutz und Sicherheit für Gegenstände, die wir transportieren oder versenden. Nach einiger Zeit jedoch ist es gar nicht mehr so glatt wie am Anfang, bekommt gar Risse – „so wie der Mensch in seinem zerbrechlichen Sein“, wie die Künstlerin Anna Siebert betont. Doch die Rollen haben auch eine schöne positive Botschaft: Sie sind zusammengesetzt aus Papier, das aus verschiedenen Mannheimer Stadtteilen stammt; sie zeigen damit laut Siebert, wie „aus Vielfalt etwas Großes werden kann.“
Und dann der Stein! Eine kleine Version jenes Felsbrockens, der laut Bibel am Grabe Jesu drei trauernden Frauen zunächst den Weg versperrt – für Pfarrer Jörger damit auch „ein Symbol für alles, was uns das Leben schwer macht, für alle Ängste, die in uns sind, für alle Sorgen, mit denen wir in die Zukunft sehen.“ In der Bibel ist der Stein jedoch eines Tages plötzlich verschwunden. Aus Jörgers Sicht die Botschaft an uns: Sich von derartigen Steinen nicht abschrecken lassen, „weiter machen, weiter an einer besseren Welt mitarbeiten, weiter an das Gute glauben.“
Zu Mut zur Hoffnung ruft auch Ulrike Kahlert auf. In ihrer beeindruckenden Rede wendet sich die Vorsitzende des VdK Rheinau gegen das „permanente Herunterbeten und Beschwören apokalyptischer Zustände.“ Bewusst würden dadurch von interessierter Seite bei Menschen Sorgen, ja Ängste ausgelöst: „Und aus Angst kann Hass entspringen“ – und dadurch ein Klima entstehen, in dem „man denunzieren oder missachten, verletzen oder töten kann.“ Kahlerts Botschaft dagegen lautet: „Gegen den Hass, mit Liebe, mit Verständnis, für das Miteinander, für das Leben.“
Auf aktuelle Herausforderungen legt auch Stadträtin Andrea Safferling (SPD) in ihrer Rede im Namen der Stadt den Fokus. Sie verweist auf „einen Anstieg antisemitischer und fremdenfeindlicher Ressentiments, um sich greifenden Populismus und gezielte Falschinformationen“. Die Botschaft dieses Volkstrauertages laute daher, „dass wir gemeinsam Hass und Spaltung entgegentreten und für unsere Werte einstehen – für Respekt, Toleranz, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und für die Würde jedes einzelnen und jeder einzelnen.“
Einen klaren Akzent setzt nun dieser Vormittag: Die bisherige Ökumene ist im Sinne eines interkonfessionellen Dialoges auf den Islam erweitert, daher erstmals ein muslimischer Geistlicher zu diesem Anlass dabei. Imam Adeel Ahmad Shad von der Ahmadiyya-Gemeinde spricht ein Friedensgebet, vor dem Altar stehend, hinter ihm das Jesus-Kreuz – welch eine schöne Symbolik für ein gutes Zusammenwirken!
Vor allem aber seine Worte beeindrucken. „Lasst uns das Leid und die Opfer der Vergangenheit als Ruf zur Verantwortung an unsere Herzen für das Miteinander erfüllen“, mahnt der Imam: „Jeder Mensch unabhängig von Glaube, Herkunft oder Kultur ist ein wertvoller Teil unserer Menschheitsfamilie.“ Und der Imam betont: „Wir Muslime fühlen uns dazu verpflichtet, aktiv zu einer Gesellschaft beizutragen, die auf Respekt, Gerechtigkeit und gegenseitigem Verständnis aufbaut.“
Wie wichtig dies in unserer heutigen Welt ist, offenbaren zwei Schüler der Pfingstbergschule. Sie rezitieren Gedichte zweier Kinder aus dem Nahen Osten – Lovin das Gedicht eines jüdischen Kindes, Natu das eines arabischen. In diesen werden Träume vom Frieden formuliert – in den einfachen Worten von Kindern, aber gerade deshalb so sehr eindringlich.
Dem feierlichen Abschluss mit der Nationalhymne, auch diese an der Orgel von Gerhard Müller begleitet, folgt ein Mittagstisch: eine köstliche Kürbissuppe, zubereitet von der katholischen Männerkochgruppe, „heute der ökumenische Beitrag der katholischen Gemeinde“, wie Jörger schmunzelt. Gemeinsamkeit ist eben das zentrale Moment. Und hier geht sie sogar durch den Magen.