rnz.de (Rhein-Neckar-Zeitung), 18.11.2024

 

Der grüne Punkt geht nach Neckarhausen

Edingen-Neckarhausen.

Evangelische Landeskirche fördert Kirchengebäude weiter. Edingen geht leer aus. Edda Nieber und Nicoline Pilz

Jetzt ist es offiziell. Der Bezirkskirchenrat hat entschieden, welche der beiden evangelischen Kirchen in Edingen und Neckarhausen mit einem grünen Punkt versehen wird: die Lutherkirche in Neckarhausen. Das bedeutet, dass das 1934 eingeweihte Gebäude auch künftig von der Landeskirche finanziert wird. Die denkmalgeschützte und rund 240 Jahre alte Edinger Kirche hingegen wurde als rot eingestuft und wird künftig nicht mehr von der Badischen Landeskirche bezuschusst.

Dieses Ergebnis stellten Mitglieder des Bezirkskirchenrates am Freitagabend in zwei Gemeindeversammlungen vor jeweils rund 40 Gemeindemitgliedern vor. Till Einig, stellvertretender Bezirksvorsitzender, umriss zunächst noch einmal den Weg der Entscheidung über den Erhalt von Kirchengebäuden. Vorgegeben hat ihn die Badische Landeskirche mit ihrem "Strategieprozess EKiBa 2032", der helfen soll, Personal- und Geldmangel der Kirche abzufedern. Gerade einmal drei von zehn Gebäuden seien langfristig gesichert, zeigte Einig das Ausmaß des Prozesses auf.

Fokus auf Klimaneutralität

Als Applaus für die Bekanntgabe "grünes Licht für Neckarhausen" aufkam, wiegelte Till Einig ab. "Ich verstehe, dass Sie sich freuen – aber denken Sie an die Brüder und Schwestern in der Nachbargemeinde, die traurig über diese Entscheidung sein werden. Das ist eine schöne Kirche, an der die Gemeinde hängt."

In dieser Kirche herrschten wenig später große Enttäuschung, Trauer und Fassungslosigkeit. Statt Applaus brach bei der Bekanntgabe in Edingen Stille aus. "Ich verstehe, dass Sie betroffen sind", sagte Einig. Deshalb seien sie da, um Fragen zu beantworten. Und von denen war besonders eine präsent: Was bedeutet der rote Punkt?

"Es heißt nicht, dass die Kirche jetzt abgeschlossen wird. Und wir packen sie auch nicht ein und nehmen sie mit", so Einig. Doch in Zukunft wird die Landeskirche kein Geld mehr in die Edinger Kirche investieren. Heißt, erklärte Dekanin Ute Jäger-Fleming: "Diese Kirche wird nicht mehr renoviert". Doch auch "grüne" Gebäude wie die Kirche in Neckarhausen würden nicht zu "Wunschkirchen" werden, betonte sie.

Hier liege der Fokus bei Investitionsmaßnahmen darauf, die Gebäude klimaneutral zu machen und die Hülle zu erhalten. Den einen konkreten, ausschlaggebenden Punkt, wieso die Entscheidung so gefallen ist, gebe es nicht, betonte Jäger-Fleming. Es sei ein Abwägungsprozess, dem unter anderem ein Gutachten vorausging und der für die beiden Gemeinden deutlich später beschlossen wurde als anderswo. "Es sollen in möglichst vielen Gemeinden Gebäude erhalten bleiben, um flächendeckend kirchliche Präsenz zu zeigen", so Jäger-Fleming.

Eine weitere brennende und immer wieder aufkommende Frage war, ob man die Renovierung und Instandhaltung der Kirche nicht mit eigenen Mitteln bezahlen könne. Jede Maßnahme müsse, wie schon zuvor, von der Landeskirche genehmigt werden, so Einig, und es sei möglich, dass das bei "roten" Gebäuden schwieriger werde. Das stieß bei den Anwesenden auf wenig Verständnis, schließlich sei es das Geld der Gemeinde, nicht das der Landeskirche.

"Wir haben so lange gekämpft um unsere Gebäude", sagte Michaela Jacobs, die als eine der ersten aus den Kirchenbänken das Wort ergriff. So habe die Gemeinde zum Beispiel lange gesammelt für einen neuen Glockenturm, da der jetzige statisch gefährdet ist. "Spätestens wenn der Glockenturm nicht mehr sicher ist, wird die Kirche geschlossen", leitete sie ab. "Ich könnte heulen, das kann doch nicht sein". Auch andere Stimmen waren durchweg enttäuscht: "Sehr traurig", fand Kirchengemeinderatsvorsitzende Kerstin Remmers die Entscheidung, und ein Gemeindemitglied fasste zusammen, was wohl die meisten dachten: "Wir wollen eine grüne Kirche!"

"Natürlich hängt Ihr Herz an dieser Kirche", sagte Jäger-Fleming. Nun gehe es darum, sich auf den Weg in die Zukunft zu machen. Die Evangelische Kirchengemeinde Edingen habe sich schon vor Jahren auf den Weg gemacht, hatte einen alten Gebäudebestand und wenig Geld, sagte Gemeindemitglied Jürgen Ding. Man habe sich von etlichen Immobilien getrennt und viele Absprachen mit dem Oberkirchenrat getroffen. "Eigentlich waren wir mit der Einweihung des neuen Gemeindehauses letztes Jahr am Ziel unseres eigenen Strategieprozesses. Wir hatten sogar noch Rücklagen für die Renovierung der Kirche. Wir sind durch ein Tal der Tränen gegangen. Unser ganzes Engagement wird vom Oberkirchenrat mit Füßen getreten", fasste er zusammen und bekam für seine Ausführungen Applaus.

"Engagement mit Füßen getreten"

Bitter sei auch, so Ding, dass der Standort des Gemeindehauses eigens nah an der Kirche gewählt wurde. An der Kirche, deren Zukunft jetzt ungewiss ist. "Da, wo wir heute stehen, hätte Ihr Gemeindehaus gar nicht mehr gebaut werden sollen", betonte Einig und gab zu, dass die Dramatik der Entwicklung von der Landeskirche unterschätzt worden sei.

Das Wesentliche im Glauben sei, Menschen zusammenzubringen, fasste es Dekanin Jäger-Fleming am Ende der emotionalen Versammlung in Edingen zusammen. Sie glaube, dass noch viele Gottesdienste in der dortigen Kirche gefeiert werden – und dass kirchliches Leben auch über Gebäude hinweg funktioniere. Die Zukunft werde daher eine gemeinsame werden. Das Zauberwort heißt "Kooperationsraum". Das bedeutet, dass sich Kirchengemeinden Personal, Gebäude und Angebote künftig teilen sollen. Wenn das neue Edinger Gemeindehaus erhalten bleibe und in Neckarhausen die Kirche, dann würde sich ja sowieso eine Kooperation ergeben, merkte das Neckarhäuser Gemeindemitglied Simone Laschefski an.