Rhein-Neckar-Zeitung - Heidelberger Nachrichten, 14.11.2024

 

„Ich würde in der Predigt am Sonntag über Trump sprechen“

Christine Böckmann und Salome Lang halten Gottesdienste in der Peterskirche – Doktorandinnen ist Bezug zur Gegenwart wichtig – Auszeichnung für Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch

Von Julia Lauer

Am Mittwoch haben zwei Heidelberger Doktorandinnen der evangelischen Theologie in Bonn den ökumenischen Predigtpreis erhalten: Christine Böckmann und Salome Lang wurden für eine Predigt ausgezeichnet, die sie im Frühjahr in der Peterskirche gehalten haben.

Frau Lang, Frau Böckmann, wenn Sie am kommenden Wochenende einen Gottesdienst gestalten würden: Was wäre Ihr Thema?

Christine Böckmann: Dann würde ich über die politische Weltlage sprechen, über den Wahlsieg von Donald Trump in den USA und über die Auflösung der Ampel-Koalition in Deutschland. Beides wirft die Frage auf, wie es politisch weitergehen kann. Ob das auch in der Predigt zur Sprache käme, hängt vom biblischen Predigttext ab, der durch die sogenannte Perikopen-Ordnung vorgegeben ist.

Salome Lang: Da kann ich mich nur anschließen. Der Gottesdienst bietet eine Möglichkeit, auch politische Entwicklungen zu adressieren. Die Herausforderung ist dabei, auch dem Bibeltext gerecht zu werden.

Sie haben nun den diesjährigen ökumenischen Predigtpreis erhalten. Ausgezeichnet werden Sie für eine Predigt, in der Sie sich mit sexualisierter Gewalt in der Kirche auseinandergesetzt haben. Was war Ihnen dabei wichtig?

Böckmann: Wenige Wochen zuvor war die Forum-Studie veröffentlicht worden, die das Ausmaß sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche offenlegte. Das Thema ist mir unglaublich wichtig. Als Predigerin stehe ich jedoch zugleich für die Institution, um die es geht. So entstand die Idee, Stimmen von Betroffenen einzubeziehen und ihnen somit Resonanzraum zu geben. Ihre Sicht angemessen einzubinden, war dabei auch die Herausforderung.

Lang: Sexualisierte Gewalt wird in der Kirche immer noch oft an den Rand gedrängt und als ein „Problem der anderen“ wahrgenommen. Uns war wichtig, dass dieses Thema auch im Zentrum der Kirche ankommt: im Gottesdienst.

Sie sind Doktorandinnen der evangelischen Theologie. Wie kommt es überhaupt dazu, dass Sie predigen?

Lang: Wir haben in der Peterskirche gepredigt und damit in der Hochschulgemeinde. Menschen, die an der Theologischen Fakultät aktiv sind, können von der Badischen Landeskirche beauftragt werden, dort Gottesdienste zu halten. So kommt es, dass wir beide schon mehrfach dort gepredigt haben.

Sehen Sie es als Aufgabe von Predigten, Bezug zur politischen Gegenwart herzustellen?

Böckmann: Ja, zur Gegenwart insgesamt, und die Politik ist dabei ein wichtiger Aspekt. Eine gelungene Predigt ist immer eine Übersetzungsleistung, die die Bedeutung der Bibel in die Gegenwart überträgt. Das muss Kirche leisten, wenn sie gesellschaftlich bedeutend sein will. Denn wir bewegen uns ja nicht im luftleeren Raum.

Ist die Botschaft der Bibel nicht zeitlos und steht gewissermaßen für sich?

Lang: Die Bibel verweist auf etwas Größeres als sie selbst, die Texte sind aber in ihrer Zeit verwurzelt. Es geht deshalb darum, die Texte von damals mit der Gegenwart in Bezug zu bringen, und das vor dem Hintergrund der Verheißung Gottes.

Wodurch, würden Sie sagen, wird eine Predigt im Gottesdienst interessant?

Lang: Idealerweise ist sie lebendig und der Weg dorthin ein kreativer Prozess. Prediger und Predigerinnen dürfen auch „ich“ sagen, also authentisch sein mit ihren Fragen und ihrem Glauben.

Böckmann: Zudem bezieht sie auch die Lebenswelt der Zuhörerschaft mit ein. Im besten Fall ist die Predigt herausfordernd und lässt Raum dafür, sie gespannt zu verfolgen. Und sie schöpft das Deutungspotenzial der biblischen Texte aus.

Haben Sie ein Vorbild in Sachen Predigt?

Böckmann: Ich bewundere zeitgenössische afro-amerikanische Prediger und Predigerinnen, zum Beispiel Otis Moss III oder Frederick Haynes aus Dallas. Auch Helmut Schwier hat mich beeinflusst, in dessen Seminar in Heidelberg Salome und ich uns kennengelernt haben.

Lang: Mich berühren Gottesdienste manchmal ganz überraschend. Das sind die Momente, die mich beeindrucken, und in denen ich denke: Toll, wie es Menschen gelingt, solch einen Gesprächsraum zu schaffen.