„Antisemitismus ist noch immer aktuell“
Die Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Stockach befasst sich auch mit der Judenfeindlichkeit von heuteStockach – Vor 86 Jahren zogen Schlägertrupps durch die Straßen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 „wurden Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte geplündert und unzählige Menschen ihrer Würde und ihres Lebens beraubt“, erinnerte Ulf Weber, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Stockach, in seiner Rede bei einer Gedenkfeier zur Reichsprogromnacht. 70 Mitglieder der Katholischen Seelsorgeeinheit, der Evangelischen Kirchengemeinde, der Freien Christengemeinde, der Freien evangelischen Gemeinde und der Neuapostolischen Kirche hatten sich dazu am Samstag getroffen. Sie wollten gemeinsam an das Schicksal der jüdischen Familie Weil erinnern, das stellvertretend für das Leid der jüdischen Gemeinschaft in Stockach und bundesweit steht. „Diese Nacht markiert den Beginn eines unfassbaren Leids und mahnt uns, die Opfer nicht zu vergessen und für eine friedliche Zukunft einzutreten.“ Mit diesen Worten wandte sich Weber an die Teilnehmer, welche sich mit Kerzen um den Stolperstein in der Hauptstraße 8 versammelten.
In jener Nacht, genau an dieser Stelle in Stockach, wohnte die Familie Weil längst nicht mehr in ihrer Wohnung. Julian Windmöller, Leiter des Stadtmuseums und Stadtarchivs, gab Einblicke in das Schicksal der Familie. Zu dritt wohnten Hermann Weil junior, Inhaber eines Textilgeschäfts, seine Mutter Jenny Weil und seine Ehefrau Johanna Weil in der Hauptstraße 8. 1936 – nach Erstarken der NSDAP – wurde er zur Geschäftsaufgabe gedrängt. Die Familie fand später ein neues Zuhause in Wangen auf der Höri. In der Reichspogromnacht wurde Hermann Weil junior entführt, misshandelt und ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Seine Frau konnte ihn jedoch wenig später mit Verweis auf seine Kriegsauszeichnungen freibekommen, kurz darauf floh die Familie in die USA.
Es sei eine würdige und nachdenkliche Veranstaltung gewesen, die durch „gut ausgewählte Stücke“ des Posaunenchors – das Blechbläser-Ensemble 2012 des Kirchenbezirks Überlingen-Stockach – begleitet wurde, resümierte Windmöller am Montag. Rückblickend sieht der Leiter des Stadtmuseums und Stadtarchivs in der Gedenkfeier „keine rein historische Veranstaltung“. Die Vergangenheit mahne die Menschen noch heute, „Antisemitismus ist nach wie vor aktuell“. Der Blick wurde am Abend auch nach Amsterdam gerichtet, wo wenige Tage zuvor propalästinensische Demonstrierende jüdische Fußballfans durch die Stadt gejagt hatten. „Es ist wichtiger denn je, zu gedenken und als christliche Gemeinde die mahnende Stimme zu erheben, um sich miteinander aktiv für Minderheiten einzusetzen“, schlussfolgert Windmöller daraus. Pfarrer Weber bedankte sich bei den Teilnehmern, weil sie „gemeinsam ein Zeichen für Frieden, Menschlichkeit und Toleranz setzen“.
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