Glauben in Taten verwirklichen
Veranstaltung von „Herz statt Hetze“: Kerzenschein-Andacht in der Evangelischen Pfarrkirche und Vortrag im HdoT
Von Bernd StieglmeierWalldürn. Unter dem Motto „Nie wieder! 1934 ist jetzt – Wir mahnen durch die Erinnerung an die Vergangenheit der Zukunft“ fand am Freitagabend in Erinnerung an 90 Jahre „Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches – Hitler wird Führer und Reichskanzler als Vollendung zur Nazi-Diktatur“ eine Veranstaltung von „Herz statt Hetze“ in Walldürn statt, die sehr gut frequentiert war.
Andacht in der Kirche
Zum Auftakt dieser Veranstaltung traf man sich in der Evangelischen Pfarrkirche zu einer Kerzenschein-Andacht, bei der Lisa Bundschuh und Bettina Witte im Namen von „Herz statt Hetze Neckar-Odenwald-Kreis“ in ihrer Begrüßung sagten, man sei zusammengekommen, um an einen der düstersten Wendepunkte in der Geschichte Deutschlands zu erinnern.
Vor 90 Jahren – am 1. August 1934 – sei das Gesetz über „das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches“ verabschiedet worden. Mit dieser Gesetzgebung habe Adolf Hitler damals nicht nur den Titel des „Führers“, sondern auch die uneingeschränkte Macht erlangt, die zur Diktatur geführt und unzählige Menschenleben gekostet habe. „Nie wieder!“ – das sei nicht nur ein Bekenntnis, sondern eine Verantwortung, die wir alle in uns tragen würden.
Ein jeder müsse wachsam bleiben gegenüber Anfängen von Totalitarismus, Unterdrückung und Menschenfeindlichkeit. Denn mit dem Erstarken und der Rechtsradikalisierung der AfD und einer rechten Straßenbewegung fänden sich vermehrt Kommentare, die Parallelen zum Ende der Weimarer Demokratie aufweisen würden. Es sei ein Auftrag, die Werte von Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde zu erhalten und zu fördern. Es gelte, gemeinsam dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte von damals in der heutigen Zeit und in der Zukunft nicht noch einmal wiederhole.
1. Bürgermeister-Stellvertreter Fabian Berger als Vertreter der Stadt Walldürn sagte, dass man sich versammelt habe, um so ein starkes Zei-chen für Menschlichkeit, Toleranz und eine offene Gesellschaft zu setzen. Unter dem Motto „Nie wieder, 1934 ist jetzt“ würden und sollten wir uns an die dunklen Kapitel unserer Geschichte erinnern und unser Versprechen bestätigen: „Wir werden nicht zulassen, dass sich die Fehler der Vergangenheit wiederholen.“
In einer Zeit, in der Hetze und Ausgrenzung wieder lauter würden, gelte es, zusammenzustehen – mit Herz statt Hetze. Zu stehen für eine Gesellschaft, in der Vielfalt als Stärke gesehen werde und jeder Mensch in Freiheit und Würde leben könne, denn unsere Demokratie lebe von der aktiven Teilnahme aller Bürgerinnen und Bürger, von deren Engagement für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.
Der Leitsatz „Nie wieder“ dürfe nicht nur ein Slogan bleiben; er müsse von uns allen mit Taten umgesetzt werden. Jeder Einzelne müsse aktiv gegen Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit eintreten – sei es im persönlichen Umfeld oder in sozialen Medien. Es sei unser aller Verantwortung, den Mund aufzumachen und Stellung zu beziehen. Schweigen sei keine Option. Er sei davon überzeugt, dass ein offener Austausch notwendig sei für ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Nur durch Dialog könne man Vorurteile abbauen und Verständnis füreinander entwickeln. Er danke allen, die „Herz statt Hetze“ mit ihrem unermüdlichen Einsatz zu einem Leuchtturmprojekt machen und den Slogan „Nie wieder ist jetzt“ mit Leben füllen würden. „Ihr seid das Gewissen unserer Gemeinschaft, das uns immer wieder daran erinnert, dass Schweigen keine Option ist.“
Dann folgte die Kerzenschein-Andacht mit Ansprache von Pfarrer Karl Kreß. Er forderte alle dazu auf, vor dem Hintergrund der heutigen Zeit gemeinsam mit ihm über Jesusworte aus dem 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums nachzudenken. In diesen Versen höre man die Einladung des Herrn: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!“ Diese Worte seien nicht nur eine Einladung – sie seien auch ein eindringlicher Aufruf zur Nächstenliebe und zur praktischen Umsetzung unseres christlichen Glaubens. Wenn man auf diese Worte Jesu höre, würden wir erkennen, dass unser Glaube nicht nur in Worten bestehe, sondern in Taten verwirklich werden müsse.
Wie oft würden heute Menschen von der Liebe Gottes ausgegrenzt, indem sie zu Menschen zweiter Klasse abqualifiziert würden, ihre Lebensentwürfe in Frage gestellt, ihre Herkunft, ihre Kultur, ihre sexuelle Orientierung zum Maßstab für ihr Menschsein gemacht und alles, was nicht der vermeintlichen Norm entspreche, verurteilt, verächtlich gemacht. Und dabei werde vergessen, was Christen nach den furchtbaren Erfahrungen des „Dritten Reiches“ als grundsätzlichen Maßstab in die Grundordnung, die Verfassung, in das Gesetz geschrieben ha-ben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.
„Nie mehr“, das seien die Worte gewesen, die nach dem 2. Weltkrieg gesprochen worden seien. Nie mehr ein solches Verbrechen, schon gar nicht mehr ausgehend von Deutschland. Und heute seien solche Worte von vielen leider ganz offensichtlich schon wieder vergessen. Schlagworte, Sätze, Verlautbarungen würden in die Welt hinausposaunt, die vor wenigen Jahren noch absolut und zurecht tabu gewesen seien. Das Internet mit seinen sozialen Netzwerken werde zum Instrument anonymen Hasses und anonymer Feigheit. Parteien am rechten und linken Rand würden sich dieser Feigheit bedienen.
All das vergifte das demokratische Zusammenwirken und gefährde den demokratischen Rechtsstaat. Die Töne würden rauer, Auseinandersetzungen mit Gewalt geführt, das Gewaltmonopol des demokratischen Staates untergraben, die Worte der Stuttgarter Schulderklärung der evangelischen Kirche mit Füßen getreten. Gerade aber dieser Worte und dieser Schuld sollten wir uns heute mehr denn je bewusst werden und uns in einer die Menschenliebe immer mehr vergessenden Zeit dieses Bekenntnis von damals wieder . zu eigen machen, aufstehen und handeln.
Vortrag von Lucius Teidelbaum
Danach zogen die Teilnehmer gemeinsam um ins „Haus der offenen Tür“, wo man einen Vortrag des freien Journalisten und Publizisten Lucius Teidelbaum zum Thema „Extreme Rechte und anliegende Grauzonen mitverfolgte, in dessen Verlauf dieser die extreme Rechte von 1919 bis 1933 beleuchtete und dabei aufzeigte, wie diese sich damals zusammensetzte und wie sie gegen die damalige Demokratie agierte, und dieser Entwicklung von damals dann der momentanen Situation und Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland gegenüberstellte und kritisch hinterfragte.
Diskussionsrunde
Diesem Vortrag sowie den vom Vokalensemble „Auftakt“ dargebotenen Liedern „Mein kleiner grüner Kaktus“ und „Irgendwo auf der Welt“ schloss sich eine sehr rege genutzte Diskussions- und Fragerunde mit dem Referenten an.
Der Abend klang mit Schlussworten der Sprecherinnen Lisa Bundschuh und Bettina Witte von „Herz statt Hetze“ sowie zwei weiteren Liedern des Vokalensembles „Auftakt“ („Eurovisionslied“ und „We shall overcome“) aus.