Pforzheimer Kurier, 12.11.2024

 

Ein Roboter nimmt Reißaus

Nico Roller

Der CVJM Stein zeigt in vier Vorstellungen seine jüngste Musicalproduktion und stellt große Fragen nach Freiheit, Sicherheit und Ethik

Wie konnte das nur passieren? Der Chef der Softwarefirma „Gremium“ tobt. Polternd schreit er seine Mitarbeiter an. Haben diese ihm doch versichert, dass alles reibungslos abläuft, dass die Programmierungen mit höchster Präzision umgesetzt und die Quellcodes gründlich geprüft wurden. Doch offenbar nicht gründlich genug: Ein menschlich aussehender, von Künstlicher Intelligenz betriebener Roboter namens Kim hat es geschafft, sich selbstständig zu machen, unkontrolliert und jedem Zugriff entzogen. Was er in der Auseinandersetzung mit den Menschen erlebt und lernt, hat der Steiner CVJM in seinem neuesten Musical gezeigt.

Mit einer Mischung aus Tanz, Gesang und Schauspiel stellten die 24 Mitwirkenden bei insgesamt vier Vorstellungen grundsätzliche Fragen: zum Wesen des Menschseins, zur ethischen Dimension des technischen Fortschritts, zum Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. „Wir wollen den Menschen nicht nur einen schönen Abend bereiten, sondern ihnen auch etwas zum Nachdenken mitgeben“, erklärt Organisator Jonathan Wälde, der zusammen mit Rebekka Golling, Sabrina Korn, Julia Stührk und Laura Stockburger die Leitung übernommen und den Text geschrieben hat.

Der ehemalige Turniertänzer ist beim Steiner CVJM der Kopf hinter der Musicalgruppe, die sich seit 2006 jeden Montagabend zum Proben trifft. Drei reguläre Vorstellungen hat sie am Wochenende auf die Beine gestellt, zudem am Donnerstag eine offene Generalprobe: immer ausverkauft. Wälde schätzt, dass an den vier Abenden insgesamt rund 1.000 Menschen das Musical gesehen haben.

„Das war ein gigantisches Wochenende“, sagt er, als am Sonntagabend die letzte Vorstellung mit tosendem, teilweise im Stehen gespendetem Applaus zu Ende gegangen ist. In diesem Moment ist Wälde geschafft, aber glücklich: „Das ist so ein tolles Team mit so vielen motivierten Leuten, die ihr ganzes Herzblut reinstecken.“ Wie viele Stunden sie insgesamt in die neueste Produktion investiert haben, kann Wälde nicht sagen. Allein das Schreiben des rund 60 Seiten dicken Textbuchs hat 700 Stunden gedauert, das Einstudieren der Tänze weitere 300. Vor rund anderthalb Jahren begann der Schaffensprozess, in dem Text und Choreografien parallel entstanden.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Roboter Kim, der sich den Fängen der Softwarefirma entziehen konnte. An ihrer Spitze thront der skrupellose Kratos, der die Menschheit kontrollieren will. Dass Kim entkommen konnte, lässt ihm keine Ruhe. Zwei Agenten sollen den Roboter einfangen, der zunächst auf einem Schulhof auftaucht, dann in Saint-Tropez, wo er Influencerin Mila kennenlernt. An ihrer Seite entdeckt er, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

Die Choreografien der Tänzerinnen und Tänzer sind bis ins Detail geplant, perfekt aufeinander abgestimmt, immer von passenden Musikstücken und Lichteffekten begleitet. Wenn sich die KI mit ihrer Computerstimme daran versucht, die Menschheit zu verstehen, bewegen sich die Tänzer in Zeitlupe. Mehr als 270 Mal wechseln sie die Kostüme, zu denen elegante Kleider ebenso gehören wie glitzernde Jacken, Patientenhemden und Anzüge, die Roboter aus ihnen machen.

Mit seiner Tanzpartnerin Emelie Merkel wagt Wälde einen Parforceritt durch die Tanzstile, vorbei an Rumba, Jive, Cha Cha Cha, Jazz und Modern Dance. Die Sängerinnen Ariane Brenner, Sarah Brunclik und Alisa Sauer und der Sänger Samuel Link begeistern mit starken Stimmen und einem feinen Gespür für Nuancen, sowohl bei gefühlvollen Nummern als auch bei mitreißenden Stücken. Mit viel Hingabe übernehmen die Schauspielerinnen Lana Huniar, Stefanie Postweiler, Marla Reith, Amelie Ehrismann und Schauspieler Lukas Wälde teilweise mehrere Rollen.

Sie entführen ins schillernde Nachtleben der Côte d’Azur, in die Casinos von Las Vegas, in ein trostloses Krankenhaus und in den Gerichtssaal, in dem ein erbitterter Streit zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung entbrennt: Was ist von künstlicher Intelligenz zu halten? Überwiegen die Chancen die Risiken? Fragen, deren Beantwortung der Steiner CVJM seinem Publikum überlässt.