»Ich werde oft keine Antworten geben können«
Glauben: Der Dertinger Pfarrer Bernhard Ziegler wird Militärseelsorger - Aufgabe im Spannungsfeld von Krieg und Religion
Von unserem Mitarbeiter MICHAEL GERINGHOFF
WERTHEIM-DERTINGEN. »Die Stelle ist derzeit nicht besetzt«, so steht es auf der Internetseite der Hammelburger Saaleck-Kaserne zu lesen, wenn man dort nach dem evangelischen Militärseelsorger schaut. Das wird sich jetzt ändern. Der scheidende Dertinger Pfarrer Bernhard Ziegler hat sich entschieden, einen großen privaten und beruflichen Schritt zu tun. Ziegler wird Militärseelsorger, ist notfalls auch bereit für den Kriegseinsatz. Seit Jahren bereitet der 53-Jährige diesen Schritt vor.
Dass die Zeiten gerade jetzt besonders unsicher erscheinen, das besorgt auch Bernhard Ziegler - ändert seinen Entschluss jedoch nicht. Ziegler ist seit 2005 ordiniert, seit 2006 ist er Pfarrer in Dertingen, hat seinen kompletten kirchlichen Berufsweg hier verbracht. »Eine erfüllende Zeit«, sagt er - aber auch, dass er parallel immer weiterstudiert habe, dabei eine Zusatzausbildung an die andere gereiht hat, darunter die zum Krankenhausseelsorger, auch eine in der Pastoralpsychologie, amtierender Notfallseelsorger ist er auch und erfahren in der Betreuung Uniformierter.
Großer Ausbildungsstandort
Bislang waren das zumeist die Blaulichtkräfte. Das Militär wird auch für Ziegler neu sein. Hammelburg ist einer der großen Ausbildungsstandorte mit rund 1500 Kräften. Ziegler trifft dort auf junge Rekruten und Rekrutinnen, aber auch auf kämpfende Truppe und gewiss auch auf traumatisierte Rückkehrer aus Kriegsgebieten. Schon 2016 hatte Ziegler diesen Schritt gehen wollen, war aber im Familienrat gescheitert: »Der Papa geht nirgendwo hin.« Ziegler ist verheiratet, hat drei Kinder.
Ab Januar ist er für drei Monate auf Probe bei der Truppe, dann wird er einen Sechsjahresvertrag unterschreiben, den er dann jahresweise verlängern kann. Ziegler weiß, dass man sowas nicht ewig durchhalten kann, irgendwann werde er gewiss in den zivilen Kirchendienst zurückkehren, sagt er. Ausdrücklich dankt er seiner Frau Elisabeth, die diesen Schritt mitgeht: »Ich bin ihr von Herzen dankbar, dass sie mir diese Chance gibt.« Sie sei mutig, habe gesagt: »Wir lassen es da mal drauf ankommen«, sagt Ziegler.
Erfahrung mit Krisen
Was da in Hammelburg genau auf ihn zukommt, das weiß der 53-Jährige nicht, verlässt sich dabei auf die eigene Lebenserfahrung, die mittlerweile ausgesprochen breite berufliche Bildung im Umgang mit essenziellen Krisen und auf seinen Glauben. Er ist sich sicher: »Da werden auch Sinnfragen gestellt werden, die ich nicht beantworten kann.« Das sei dann halt so. Er gehe nicht als Ratgeber mit Patentrezept zum Militär, sondern als Zuhörer: »Das ist entscheidend. Ich werde oft keine Antworten geben können und einfach nur da sein und kaum schließbare Wunden aushalten müssen.«
Eine gewisse erarbeitete professionelle Distanz werde ihn schützen. »Ich habe da einen Vorteil, den die direkten Familienangehörigen nicht haben können«, sagt Ziegler. Sein eigener Protestantismus sei da nur ein Baustein. Er sei offen für andere Konfessionen, auch andere Religionen und Weltanschauungen - solange die Werte stimmten. Lange habe er sich mit Friedensethik und Ethik überhaupt beschäftigt, denn Krieg werfe Fragen auf - auch religiöse und explizit auch solche nach der Verantwortung der Religion, denn in ihrem Namen sei schon viel getötet worden.
Ziegler redet nicht drumrum, kennt das Spannungsfeld. Auch in der eigenen Gemeinde hat er es zu spüren bekommen, dass er mittelbar zuhelfe, dass Kriege geführt werden können, auch wenn er dabei selbst keine Waffe führe. »Die Beschäftigung mit dem Töten, auch mit dem Verlust des eigenen Lebens, das geht nie ohne die Behandlung der Schuldfrage«, das wiege sehr schwer und rühre sehr tief, sagt Ziegler. Die häufige Verbindung von Krieg und Religion sei dabei »ganz schwierig und nicht kleinzureden«.
Keim zur Intoleranz
In Religion ganz allgemein sei häufig der Keim zur Intoleranz gelegt. Ziegler ist auch hier ganz eindeutig: »Wer Religion als Rechtfertigung für Krieg missbraucht, der handelt gotteslästerlich«, sagt er. Am Ende gehe es um die Utopie begründeter Hoffnung, dass man Gewalt überwinden könne: »Die anderen sind Menschen wie wir auch«, sagt Ziegler. Die uniformierte Welt mit gegebenen Hierarchien, Befehl und Gehorsam sei da noch einmal herausfordernder. Zum einen könne die Uniform zur Entgrenzung führen, auch zur Abschottung gegen gesunde Empfindungen.
»Einen Coolness- oder Zynismus-Kodex, wie er sich in solchen Umfeldern ausbilden kann, den werde ich gewiss nicht stützen. Ich werde nichts tun, das Distanzen schafft, sondern ich werde versuchen, sie aufzubrechen«, sagt er. Am Sonntag wird Bernhard Ziegler im Gottesdienst offiziell verabschiedet, werde aber noch »volle Pulle weiterarbeiten«. Sein Dienstantritt in Hammelburg ist im neuen Jahr, ein Nachfolger für die Dertinger Pfarrei ist aktuell nicht in Sicht.
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