BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN Karlsruhe, 09.11.2024

 

Gräber erzählen Geschichten

Rüdiger Homberg

Hans-Georg Ulrichs stellt sein Buch über Biografien badischer Protestanten vor

Parkfriedhöfe wie der Karlsruher Hauptfriedhof, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden, sind Orte nicht nur für die Toten: Sie laden auch die Lebenden zum Verweilen ein. Heute gebe es dort sogar Kinderspielplätze, sagte am Dienstagabend der evangelische Pfarrer Hans-Georg Ulrichs. Bei einem Vortrag des Historischen Vereins Durlach im Durlacher Rathaus hat er anhand mehrerer Biografien sein Buch „Der Karlsruher Hauptfriedhof – Ein Spaziergang durch den badischen Protestantismus“ vorgestellt.

Bedeutende Persönlichkeiten und ihre Schicksale

Ulrichs ist Mitglied im Organisationsteam für die Vollversammlung des Ökumenischen Rates. Er wirkte als Pfarrer an der Durlacher Stadtkirche und danach als Studentenpfarrer in Heidelberg. Zurück in Karlsruhe lebte er in der Oststadt. Er sei sehr oft über den Hauptfriedhof spaziert und habe dabei viele Grabmale bedeutender Protestanten entdeckt. Die Biografien von etwa 30 Persönlichkeiten erforschte er in Archiven. Etwa die von Gottlieb August Knittel. Der württembergische Theologe wurde durch die napoleonischen Grenzveränderungen zu Anfang des 19. Jahrhunderts plötzlich zum Badener. Nach Fertigstellung der Karlsruher Stadtkirche im Jahr 1816 wurde Knittel dort der erste Pfarrer und hielt die Einweihungspredigt. Sein Grabmal ist an der rechten Mauer des Eingangsbereichs zu finden, der Stammbaum seiner Familie ist links zu sehen.

Ein weiteres Porträt gilt dem Prälaten Karl-Wilhelm Doll. Er habe, so Ulrichs, sein Amt in der Leitung des Evangelischen Oberkirchenrats mit großer Milde geführt. Eduard Uibel war ab 1904 Mitglied der evangelischen Landessynode und ab 1914 deren Präsident. Nach dem Ersten Weltkrieg war der Großherzog nicht mehr oberster Herr der evangelischen Landeskirche. Friedrich II. beauftragte den Juristen Uibel mit der Leitung des Oberkirchenrates. Uibel rief gleich im Jahr 1918 eine konstituierende Synode ein und verzichtete zwei Jahre später auf seine Wiederwahl. Hilfreich war ihm bei den Entscheidungen, dass die Kirchenverwaltung bereits 1861 aus dem badischen Innenministerium ausgegliedert worden war, berichtete Ulrichs.

Auch Porträtbilder der vorgestellten Männer fand Ulrichs. Bei den Frauen gestaltete sich die Suche schwierig, und bei der Pfarrerswitwe Clara Philipp blieb sie gänzlich erfolglos. Sie sei eine bemerkenswerte alleinerziehende Mutter gewesen, nachdem ihr Ehemann bereits mit 45 Jahren verstorben war. Dora Zimmermann, Ehefrau des badischen Missionars Philipp Zimmermann, stammte selbst aus einer Missionarsfamilie und hatte eine afrikanische Urgroßmutter, was der Familie in der Zeit des Nationalsozialismus große Probleme bereitete. Auch die Familie des Architekten Robert Curjel, der mit einer Jüdin verheiratet war, hatte schwer zu leiden: Ihre Kinder waren evangelisch getauft und erzogen. Trotzdem wurde Tochter Gertrud in Auschwitz ermordet.