„Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen“
Bernd KamleitnerDer Theologe und Autor Thomas Weiß beschäftigt sich in der evangelischen Stadtkirche mit dem Wort und Worten
Baden-Baden. Worte, die im persönlichen und gesellschaftlichen Umfeld fallen, sind oft nicht mehr verlässlich. Diese Erfahrung macht der evangelische Theologe Thomas Weiß aus Baden-Baden. „Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen“, verweist er auf Fake-News und andere verbreitete Unwahrheiten. Die Vertrauenswürdigkeit bleibt auf der Strecke. Umso mehr schätzt er vertrauenswürdige Personen. Insgesamt vernimmt er aber „ein großes Wortgeklingel“. Viele Worte klingen zwar schön, doch sie sind leer und nichtssagend. Nach Auffassung des Theologen und ehemaligen Mitarbeiters der Evangelischen Landeskirche Baden in Karlsruhe wollen Menschen aber das Gegenteil hören: „Es gibt eine Sehnsucht nach klaren Worten!“
Die können köstlich sein. Weiß macht das an diesem Sonntag, 10. November, in einem Literaturgottesdienst zum Thema. Anlässlich des Bücherfestivals lädt der 63-Jährige um 10 Uhr in die evangelische Stadtkirche am Augustaplatz ein. Lyrische Texte sollen Teil der Liturgie werden. Im Dialog mit der Lyrik will er der Frage nachspüren, welche Art von Worten heute gebraucht werden. Alain Ebert wird den Gottesdienst musikalisch gestalten. Petra Nußbaum und Thomas Lardon feiern die Liturgie mit und werden ebenfalls sprechen. Wer Lust am Buch und am Wort, am Lesen und Sprechen hat, ist herzlich willkommen. Das Wort habe schließlich nicht nur geschrieben, sondern auch gesprochen Bedeutung. „Der Ton macht die Musik, das ist eine alte Weisheit.“
Mit „Süßer als Honig“ hat Weiß ein Zitat aus Psalm 19 aus der Bibel als Motto ausgewählt. Es geht um das Wort und um Worte. Das Wort in den Worten zu kosten, das nährt und schmeckt, findet der frühere Pfarrer der evangelischen Luthergemeinde in Baden-Baden. „Die Literatur gehört zum Religiösen wie das Licht zum Tag“, heißt es in der Einladung zum Literaturgottesdienst. Die Idee von Weiß, mit diesem Format die Premiere des Bücherfestivals zu bereichern, ist bei den Organisatoren auf Anhieb auf offene Ohren gestoßen. Entstanden ist sie bei einem Gespräch mit dem örtlichen Buchhändler Josua Straß. Der ist maßgeblich daran beteiligt, dass die Veranstaltung in Baden-Baden stattfinden kann.
Alles, was Lust aufs Lesen macht, passe zum Bücherfestival, wurde Weiß auch vom Ausrichter beschieden, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. „Das ist mein Thema“, sagt der frühpensionierte ehemalige Mitarbeiter der Erwachsenenbildung in der Evangelischen Landeskirche Baden in Karlsruhe. Der evangelische Theologe kann mit Worten trefflich umgehen. Nicht nur als Prediger, sondern auch als Schriftsteller. Mittlerweile hat er über 30 Bücher veröffentlicht, beziehungsweise daran mitgewirkt. Vor allem der Lyrik gilt seine Leidenschaft. Seine jüngste Veröffentlichung „Mit Segen soll Gott dich überschütten“ (Gütersloher Verlagshaus, 159 Seiten, 16 Euro) ist dafür ein wunderbares Beispiel. Segen, das ist für Weiß keine abgehobene heilige Handlung im Gottesdienst. Nicht nur was für Sonn- und Feiertage. „Segen ist zwischenmenschlich und dringlich, sinnlich und handfest“, schreibt er im Vorwort des Buches. Daher tauge der Segen für den Alltag, für Glück und Verlegenheiten, in der Trauer und zum Lachen. Wer derart gesegnet ist, kann laut Weiß selbst zum Segen werden, mit Herz, Hand und Mund: „Es gibt immer einen, der sich danach sehnt.“
Bei Weiß hatte das Schicksal in den vergangenen Jahren heftig zugeschlagen. Zu einer Krebsdiagnose kam in der Pandemie noch eine schwere Corona-Erkrankung. Er lag im Koma, zeitweise war er danach auf Rollstuhl und Rollator angewiesen. Doch er hat die Hoffnung nie aufgegeben und den Blick nach vorn gerichtet. „Ich lebe ein geschenktes Leben“, sagt Weiß. Das Schreiben hatte für ihn dabei auch eine therapeutische Bedeutung. Geschwächt ist er zwar noch immer, aber Weiß ist keiner, der jammert. „Ich komme total gut zurecht“, sagt er zu seiner aktuellen Situation. Das frühere Ausscheiden aus dem Berufsleben habe ihm viele neue Möglichkeiten beschert. „Ich habe so viel dazugewonnen“, sagt der Theologe. Freunde und Bekannte von ihm gehen noch viel weiter: „Sie sagen, das, was ich erlebt habe, ist ein Wunder“, berichtet Weiß. Doch der Theologe will seine Genesung nicht als Wunder einordnen. Das nehme das Engagement und den Einsatz all derer nicht ernst, „die daran gearbeitet haben, dass ich noch lebe“. Ärzte, Freunde, die Familie und viele mehr hätten ihre Arbeit einfach „unglaublich gut gemacht“, betont Weiß. „Deshalb lebe ich noch!“
Die Krise hat ihm zudem gezeigt, dass er mit einem „riesigen Lebenswillen“ ausgestattet ist. Daraus könne er Kraft schöpfen. Unter dem Strich sei er dadurch auch kompromissloser und klarer geworden. Inzwischen ist sein Kalender gut gefüllt mit Lesungen.
Dort vermittelt Weiß auch das, was ihm an seinem Glauben wichtig ist. Demnach gibt es für ihn kein Oben und kein Unten: „Gott und ich sind auf Augenhöhe.“ Er verspürt eine Sehnsucht der Menschen nach Gott, sie wollten eine Beziehung mit ihm haben. „Mit guten Freunden bin ich erdig“, sagt Weiß.
Der schreibende Theologe liest sehr viel, aber weniger zum reinen Vergnügen oder zur Zerstreuung. Weiß liebt vor allem Lyrik, die ihn herausfordert, Dinge anders zu denken und zu sagen. Zudem hat er sich vorgenommen, biblische Texte gegen den Strich zu lesen.
Er spürt dabei der Frage nach, ob sich noch etwas Überraschendes auftue. „Da gibt es ganz viel zu entdecken“, sagt Weiß. Wenn man sich frei von Traditionen mache, ließen sich Dinge ganz anders verstehen. „Das ist eine echte Textarbeit, im theologischen Sinne eine Exegese.“
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