Offenburger Tageblatt - Schwarzwald-Zeitung, 02.11.2024

 

Die unschlagbare Botschaft

Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Weltkirchenrats, machte am Mittwoch im Reformationsgespräch in der Hausacher Stadthalle allen Christen Mut zur Zukunft. VON CLAUDIA RAMSTEINER

Hausach. Wer will denn Mitglied einer Organisation sein, die sich selbst nur runterredet? Diese Frage stellte Heinrich Bedford-Strohm im Podiumsgespräch zum Reformationstag am Mittwochabend selbst und lieferte auch gleich die Antwort: „Was wir machen, ist richtig gut und es macht Spaß“: Wenn die Kirchen das vermitteln, dann „kommen die Leute auch wieder“. Auch die Antworten auf die vielen weiteren Fragen von Pfarrer Hans-Michael Uhl, der das Reformationsgespräch „Welt – Kirche – Zukunft“ initiiert hatte, machten den rund 200 Zuhörern in der Stadthalle vor allem Mut zur Zukunft.

Die Kirchenaustritte müsse man in den Kontext der Individualisierung und der Pluralisierung stellen: „Die Menschen entscheiden heute selbst, wie sie leben wollen. Die Omas, denen man einen Kirchenaustritt nicht antun will, sterben aus, darauf können wir nicht mehr bauen. Aber auf die Botschaft des Evangeliums, die 2000 Jahre getragen hat“. Die Zahlen der Kirchenmitglieder seien heute ehrlicher als früher. Es sei fraglich, ob die Kirche deswegen an Kraft verliert – „oder nicht sogar gewinnt“. Und wusste früher jeder, was ihn im Sonntagsgottesdienst um 9.30 Uhr erwartet, „so erwarten heute alle ein Angebot, das ihrem Lebensstil entspricht“: Einen Gottesdienst am Samstagabend für jene, die am Sonntag in die Berge wollen, den üblichen Sonntagsgottesdienst, einen Kindergottesdienst, einen um 11.30 Uhr für die Bruncher und einen um 17 Uhr mit Lightshow für die Jugendlichen.

Dieser Pluralisierung könne man mit der Vernetzung der Gemeinde und mehr Teamarbeit begegnen und damit „künftig einen größeren Bereich noch besser versorgen als bisher. Und eine App verrät auf einen Klick, wo ich finde, was ich brauche.“ Das sei die Zukunft. Die Prozesse haben gerade beide Kirchen angestoßen.

Weltweit nehme die Zahl der Christen übrigens zu. Er traue sich gar nicht, bei einem Etat etwa der Bayerischen Landeskirche von 960 Millionen Euro den afrikanischen Kirchen zu sagen, dass man hier in Deutschland jammert, wenn’s etwas weniger werden wird. In Ruanda habe er eine enorme Ausstrahlungskraft des Glaubens bei großer materieller Armut erlebt: „Die Strahlkraft der Kirche hängt weder am Budget noch an der Zahl der Hauptamtlichen“, es gehe viel mehr darum, die Spiritualität im Alltag wieder zu spüren und zu begreifen, „dass wir dafür selbst verantwortlich sind“.

Ein großer Teil des Gesprächs war der Ökumene gewidmet, die in Hausach bereits recht fortgeschritten ist, wie Hans-Michael Uhl an Beispielen belegte. Sie werde an der Basis getragen von Freundschaft und Geschwisterlichkeit, sagte Bedford-Strohm. Die beiden Konfessionen hätten nach der Reformation fürchterliche Kriege geführt und sich noch bis vor kurzem gegenseitig schikaniert. „Wenn die zeigen, dass es gelingt, solche Gräben zu überwinden, dann wäre das ein Riesenzeichen, dass Versöhnung möglich ist.“ Angesichts der Spaltung der Gesellschaft „brauchen wir nichts dringender“.

Waren die Themen „Kirche“ und „Zukunft“ gut behandelt, so drehten sich die Publikums-Fragen vor allem um die Welt. Etwa um den Umgang mit dem Islam. Das Problem sei, dass man in der Tagesschau nur die Extremisten sehe und die Sozialen Netzwerke „die Extreme zur Normalität machen“. Fundamentalisten gebe es überall, verwies Bedford-Strohm auch auf die christlichen Nationalisten in den USA. Das wichtigste Rezept sei die Begegnung. Wer offen aufeinander zugehe, bekomme ein viel realistischeres Bild.

Und schließlich nahm der Vorsitzende des Weltkirchenrats auch Stellung zu „religiösen Führern wie Kyrill I, die nur Hass schüren“ und zum Krieg in Nahost. Mit der russisch-orthodoxen Kirche sei man im Gespräch, die Verurteilung von Putins Angriff auf die Ukraine sei Konsens im Weltkirchenrat, „wir bleiben am Ball“, versprach Bedford-Strohm. Die Retraumatisierung Israels durch den Anschlag der Hamas rechtfertige nicht die Reaktion. Er erlebe, dass „sich beide Seiten zutiefst verlassen fühlen“.

Großen Beifall gab es (nicht nur) für das Schlusswort, dass man einen Weg finden müsse aus der Militärlogik und wie Menschen aus diesen Kriegen herauskommen: „Das Geld, das da verpulvert wird, bräuchten wir dringend für die Schwächsten der Welt!“