Rhein-Neckar-Zeitung - Wieslocher Nachrichten/Walldorfer Rundschau, 31.10.2024

 

Lieder aus „Wüstenzeiten“

Reihe zu 500 Jahren evangelisches Gesangbuch

dw

Dossenheim. (dw) Jubiläen kann man auf verschiedene Weise feiern. Die örtliche evangelische Kirchengemeinde feiert „500 Jahre evangelisches Gesangbuch“ mit einer Liedgottesdienstreihe. Gerade war Schuldekanin Dr. Sabine Bayreuther in die Kirche gekommen. Sie referierte über das Lied „Ich steh‘ vor dir mit leeren Händen, Herr“. Pius Hofacker begleitete an der Orgel. Der Gottesdienst war gut besucht. Das lag auch daran, dass, eingebettet in die Feier, Lina Johanna mit der Taufe in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. So übernahmen bei diesem Gottesdienst beide, Pfarrer Matthias Weber und Bayreuther, zentrale Aufgaben.

Die Geschichte des Liedes ist anders als die vieler anderer Lieder. Das Gesangbuch ist 500 Jahre alt, der Text noch nicht einmal 60. Der Niederländer Huub Oosterhuis habe den Text anlässlich des Todes eines jungen Mannes seiner katholischen Studierendengemeinde geschrieben, führte Bayreuther ein. Einen theologischen Poeten könnte man ihn nennen. Der ehemalige Jesuit, hochbetagt selbst im vergangenen Jahr verstorben, sei ein streitbarer, kritisch Denkender gewesen, der aus der Katholischen Kirche ausgetreten sei.

Oosterhuis habe nämlich auch im Leben unschöne Dinge kritisch thematisiert. Bayreuther sprach von den „Wüstenzeiten“, wie sie der Tod eines jungen Menschen darstellt, wie sie aber auch immer wieder in der Bibel, wie sie Hiob oder Vater und verlorener Sohn erlebten. Sie alle sind in diesen Situationen emotional „blank“. Im roten evangelischen Gesangbuch gebe es keine eigene Rubrik dafür und insgesamt nur drei Lieder, die sich mit dieser Herausforderung beschäftigten. Eines davon sei dieses.

Das dreistrophige Lied, die Verse von Oosterhuis, setzten sich mit dem Zweifel auseinander „Ich möchte glauben, komm du mir entgegen“, werde empfundene Gottesferne offen ausgesprochen. Weiter würden in den beiden ersten Strophen sechs Fragen gestellt.

Es sei kein Zufall, dass der Niederländer diese Zeilen zu dieser ruhigen Melodie geschrieben habe. Die erlösende Botschaft ist, dass man zweifeln darf. Das sei auch Erkenntnis von Martin Luther gewesen. Denn wer zweifele, bei dem sei Gott noch im Spiel. Und so keimten in der dritten Strophe Hoffnung und Trost auf. Hilflosigkeit und Ohnmacht können überwunden werden. „Es ist ein Lied, das uns Vertrauen lehren kann“, sagte die Schuldekanin. Eines das die Kraft habe, zu trösten und Mut mache. So sei es ein Lied nicht nur für „Wüstenzeiten“.

Freilich wurde das Lied gesungen. Bei diesem Gottesdienst gar gleich zweimal. Vor und nach der Interpretation. Dossenheims Pfarrer Weber dankte mit Worten und Blumen für die Darstellung. Er nehme das Lied jetzt anders wahr und werde es in das Liedrepertoire seiner Gottesdienste aufnehmen.

Info: Liedgottesdienst mit Professor Dr. Martin Mautner: „Nun komm der Heiden Heiland“, evangelische Kirche, Sonntag, 1. Dezember, 10 Uhr.