Wenn der Pfleger nicht mehr kommt
Sozialstation schließt überraschend Ende 2024 Das Aus trifft die Kunden „wie ein Donnerschlag“ Betreiber führen wirtschaftliche Gründe anKonstanz – „Es trifft uns wie ein Donnerschlag“, sagt der Konstanzer Andreas Friedel. Der 54-Jährige hat Multiple Sklerose und sitzt seit mehr als 25 Jahren im Rollstuhl. Um seinen Alltag zu bewältigen, ist er auf Hilfe angewiesen. Die bekam er bislang nicht nur von seiner Familie, sondern auch von Pflegekräften der Evangelischen Sozialstation „Margarete Blarer“ in der Gartenstraße im Stadtteil Paradies. Auf diese Hilfe kann er nun nicht mehr lange zählen. „Die Sozialstation wird vom Evangelischen Stift Freiburg ersatzlos und völlig überraschend zum 31. Dezember 2024 geschlossen“, so Friedel. „Viele Pflegebedürftige in Konstanz haben Angst und wissen nicht, wie es weitergeht.“
So geht es auch ihm selbst. „Ab Januar habe ich niemanden mehr, der mich morgens duscht, abends ins Bett bringt und andere pflegerische Tätigkeiten übernimmt“, sagt der 54-Jährige. Er wundert sich: „Begründet wurde die Schließung auf meine Nachfrage hin mit Personalmangel, aber es läuft doch!“ Allein zu ihm kämen sieben verschiedene Angestellte im Wechsel. Tatsächlich antworten Carsten Jacknau, Geschäftsführer der Margarete Blarer gGmbH, sowie Carina Ortlieb, Pressesprecherin des Evangelischen Stifts Freiburg: „Es ist richtig, dass wir beabsichtigen, die Sozialstation zum 31. Dezember zu schließen. Leider ist die Situation so, dass die Sozialstation wirtschaftlich nicht mehr zu betreiben ist. Der Mangel an Arbeitskräften zwingt uns, Entscheidungen zu treffen, die auch schmerzhaft sind.“ Zwar sei die Nachfrage riesig, dennoch würden immer mehr Dienstleister rund um die Pflege aufgeben. „2023 mussten mehr als 800 Pflegeheime oder ambulante Dienste Insolvenz anmelden, Angebote einschränken oder Einrichtungen schließen“, so Jacknau und Ortlieb.
Die SÜDKURIER-Nachfrage, wie viele Mitarbeitende derzeit bei der Sozialstation „Margarete Blarer“ beschäftigt sind und wie viele es bräuchte, um den Standort zu retten, bleibt unbeantwortet. Genauso wie die Frage, wie viele Kundinnen und Kunden davon betroffen sind und wann die Mitarbeitenden informiert wurden. Letztere wurden genauso überrascht, auch wenn sie einen kleinen zeitlichen Informationsvorsprung hatten. Antje Oberthür, Pflegedienstleiterin der Sozialstation, sagt dem SÜDKURIER: „Das ist für die Mitarbeitenden entsetzlich, eine Katastrophe. Damit haben wir nie gerechnet.“ Doch noch viel schlimmer findet sie: „Unsere Klienten stehen im Regen.“ Der Pflegemarkt sei derzeit so, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder eine Arbeit finden werden. „Für sie ist die Lage nicht existenziell, sie kommen schon irgendwo unter. Aber die Frage ist ja für jeden: Wo ist der richtige Platz für mich?“ Diese Frage müssten sich nun rund 20 Mitarbeitende stellen. „Für die Klienten ist es besonders schwierig“, sagt Antje Oberthür. „Unsere Betreuungsverhältnisse sind langfristig angelegt, da entstehen zwischenmenschliche Beziehungen.“ Sie selbst arbeitet seit 22 Jahren für die Evangelische Sozialstation „Margarete Blarer“. Wie es für die Angestellten weitergeht, werde derzeit bei internen Gesprächen geklärt. Andreas Friedel bekam die Auskunft, dass das Evangelische Stift sich auch um die Frage kümmern wolle, wie eine nahtlose Versorgung der Klientinnen und Klienten aussehen könnte. Nur abwarten möchte er allerdings nicht. „Vielleicht organisiere ich mir selbst Hilfe“, sagt der 54-Jährige. „Gut wäre es, für die einfacheren Tätigkeiten ein paar Studierende zu haben, so wie früher die Zivis. Aber für die pflegerischen Aufgaben brauche ich natürlich jemanden mit Ausbildung.“ Er möchte Werbung machen für die Arbeit als Gesundheits- und Krankenpfleger. „Der Mythos, man verdiene in der Pflege so schlecht, stimmt einfach nicht mehr“, sagt Friedel. „Das hat sich verändert. Leute, kommt in die Pflege, das ist eine tolle Branche, in der man Dankbarkeit zu spüren bekommt“, sagt der Konstanzer, der vor seiner Erkrankung als Zivildienstleistender bei der Arbeiterwohlfahrt gearbeitet hat und dort genau diese Erfahrung machte.
Geschäftsführer Carsten Jacknau bedauert die Schließung der Sozialstation ebenfalls. „Die Entscheidung wurde nach intensiven Diskussionen und längeren Überlegungen getroffen – und ist niemandem leichtgefallen“, schreibt er. „Uns ist bewusst, dass der Zeitpunkt der Bekanntgabe einer solchen Entscheidung für die Betroffenen immer als unpassend und überraschend empfunden wird. Es wird vermutlich kaum gelingen, den schwierigen Balance-Akt zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit, Erwartungen und diakonischen Werten in jeglicher Hinsicht angemessen auszutarieren.“ Doch es sei die Verantwortung der Geschäftsführung, das Überleben der Gesamteinrichtung zu sichern. „Das Ziel dieser Entscheidung ist es, langfristig sicherzustellen, dass wir auch weiterhin in der Lage sind, unseren diakonischen Auftrag im Ganzen zu erfüllen – wenn auch mit eingeschränkten Angeboten“, so Jacknau. Er und Carina Ortlieb betonen, dass im Gegensatz zur Sozialstation das Pflegeheim „Margarete Blarer“ nicht von den Einschränkungen betroffen ist.
Die Begründung der Sozialstation-Schließung mit wirtschaftlichen Belangen lässt Andreas Friedel nicht gelten: „Die kirchlichen Dienste haben die Verpflichtung, den Staat in der sozialen Frage zu unterstützen. Sie können nicht einfach sagen, das lohnt sich nicht mehr“, findet er. Dies wiederum sieht das Evangelische Stift Freiburg anders: Überall mangele es in unserer Gesellschaft an fleißigen Händen, so Carsten Jacknau. Dadurch bleibe die Arbeit immer an denselben hängen, die Überstunden anhäufen und sich überfordert fühlen. „Wir wollen diese Entwicklung nicht, haben sie aber auch nicht zu verantworten und können sie, leider, auch nicht oder nur marginal beeinflussen“, sagt der Geschäftsführer. „Hier sind Bundes- und Landespolitik gefordert und geeignete Adressaten von Kritik.“
„Viele Pflegebedürftige in Konstanz wissen nicht, wie es weitergeht.“ Andreas Friedel, MS-Patient
Das Evangelische Stift
Das Seniorenzentrum „Margarete Blarer“ im Paradies und die Evangelische Sozialstation sind Einrichtungen der Margarete Blarer gGmbH, ein Tochterunternehmen des Evangelischen Stifts Freiburg im Diakonischen Werk der Evangelischen Landeskirche Baden. Das Stift ist nach eigenen Angaben ein überregionales gemeinnütziges Sozialunternehmen, das sämtliche Leistungen im Pflegebereich anbietet. Es betreibt 15 Senioreneinrichtungen und fünf ambulante Pflegedienste in Freiburg sowie in den Landkreisen Konstanz, Breisgau-Hochschwarzwald, Emmendingen, Karlsruhe, dem Rhein-Neckar- und dem Ortenaukreis.
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