rnz.de (Rhein-Neckar-Zeitung), 29.10.2024

 

Margot Friedländer ist eine Kämpferin für die Menschlichkeit

Der Holocaust-Überlebenden wurde der Hermann-Maas-Preis verliehen. Auch der Verein "Zweitzeugen" wurde ausgezeichnet.

Der Preis, benannt nach dem ehemaligen Pfarrer an Heiliggeist, Hermann Maas (siehe unten), wurde zugleich dem Verein "Zweitzeugen" zuerkannt, der sich darum bemüht, die Erinnerungskultur auch in künftigen Generationen aufrecht zu erhalten. Dessen Vertreterinnen Janika Raisch und Rebecca Reusch waren aus dem westfälischen Bünde gekommen, um die Ehrung persönlich entgegenzunehmen.

Die Jüdin Margot Friedländer wurde 1944 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, nachdem ihre Familie bereits durch die Nationalsozialisten ermordet worden war. "Ihr Leben und ihr Engagement legen Zeugnis ab über das dunkelste Kapitel unserer Geschichte und schlagen eine Brücke in die Gegenwart", sagte Landesbischöfin Heike Springhart, in ihrer Laudatio. Friedländer strahle auch mit ihren fast 103 Jahren eine ganz eigene Leidenschaft für das Leben aus: "Sie beeindruckt auch mich persönlich zutiefst."

In einem Alter, in dem viele Menschen längst in den Ruhestand gehen, habe sie begonnen, ihre Geschichte zu erzählen. Sie halte die Erinnerung daran wach, was an Unsäglichem und Unfassbarem in unserem Land geschehen ist, und mahne heute zur Wachsamkeit. "Sie spricht nicht nur über das, was war, sondern vor allem darüber, was nie wieder sein darf", so Springhart. Die Preisträgerin lehre, dass die Erinnerung an den Holocaust nicht verblassen darf, "weil es der Schlüssel ist, unsere heutige Demokratie zu bewahren".

In seiner Begrüßung hatte Dekan Christof Ellsiepen berichtet, dass er Margot Friedländer im August in Berlin besucht habe, um ihr die Nachricht von der Preisverleihung zu überbringen. "Heidelberg, wie schön – da hat mein Mann studiert, da wäre ich gerne noch einmal hin", habe sie gesagt. Sie sei froh, dass sie den Hermann-Maas-Preis gemeinsam mit dem Verein Zweitzeugen bekomme. OB Eckart Würzner erinnerte in seinem Grußwort an Hermann Maas, der so viel für die Stadt und die Menschlichkeit getan habe. Sein besonderes Willkommen galt den Enkelkindern des ehemaligen Heiliggeistpfarrers. Der nach ihm benannte Preis gehöre mittlerweile fest zur Erinnerungskultur, die man in Heidelberg ganz bewusst pflege.

Kulturamtsleiterin Andrea Edel sprach für die Jury, deren Entscheidung einstimmig gefallen sei. "Mit großer Dankbarkeit nehmen wir die Botschaft von Margot Friedländer wahr, ihren Appell an die Menschlichkeit und Güte, getragen von unerschütterlicher Menschenliebe." Ihre Mission, die sie mit ihrer Rückkehr nach Berlin verband, sei es, folgende Generationen darauf vorzubereiten, selbst dafür Sorge zu tragen, dass sich nie wieder eine Katastrophe wie der Holocaust ereigne. "Die wichtigste Voraussetzung dafür ist der Kampf gegen das Vergessen", unterstrich Edel.

Diesem Engagement verpflichtet sich der vor zehn Jahren gegründete Verein Zweitzeugen, den Janika Raisch und Rebecca Reusch vorstellten: "Wir machen uns zur Aufgabe, die Geschichte von Überlebenden vor allem an junge Menschen weiterzutragen und sie auch zu Zweitzeugen zu machen." Dazu habe man bereits 38 Überlebende interviewt und ihre Geschichten auf vielfältige Weise dokumentiert.

Die Vorsitzende der Margot-Friedländer-Stiftung und ehemalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die wegen einer Erkrankung nicht kommen konnte, sprach in ihrem verlesenen Grußwort von der zentralen Botschaft der Preisträgerin: "Menschlichkeit – das ist die große Margot-Formel". Und Friedländer selbst kam in einer Videobotschaft zu Wort: "Ihr sollt die Zeitzeugen sein, die wir nicht mehr lange sein können. Ihr habt es in der Hand. Ihr müsst dafür sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht."

> Der Hermann-Maas-Preis wird alle vier Jahre von der nach ihm benannten Stiftung in Heidelberg an Persönlichkeiten und Institutionen verliehen, die sich in besonderer Weise für den christlich-jüdischen Dialog und Menschlichkeit in der Gesellschaft einsetzen. Als evangelischer Pfarrer und Prälat an Heiliggeist war Hermann Maas Vorreiter des christlich-jüdischen Dialogs. Er ist Ehrenbürger der Stadt Heidelberg und wurde vom Staat Israel als erster Deutscher mit der Yad Vashem Medaille als "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet.