Badisches Tagblatt Murgtal, 19.10.2024

 

Sie will ein Beistand in Krisen sein

Johanna Wilhelm-Lang ist die einzige ausgebildete Schulseelsorgerin in Gernsbach Veronika Gareus-Kugel

Es sind nicht immer nur die ganz großen Krisen, die einen jungen Menschen aus der Bahn werfen können. Diese Feststellung trifft Johanna Wilhelm-Lang. Sie ist unter anderem Lehrerin für evangelische Religionslehre, Englisch und Gemeinschaftskunde an der Realschule und Gernsbachs bisher einzige ausgebildete Schulseelsorgerin. Im vergangenen Jahr, kurz nach der großen Brandkatastrophe in Reichental mit Toten und Verletzten, beauftragte sie Schuldekan Helmut Mödritzer mit diesem Amt. Dieser Qualifikation ging ein einjähriges Zusatzstudium im Rahmen eines achtteiligen Modulkurses der Badischen Landeskirche voraus. Das Amt ist an die Schule gebunden. Dennoch bestätigt im Gespräch die 45-jährige Mutter von zwei Kindern, dass sie mit den anderen Schulen in der Stadt in Kontakt steht. Eine Stunde pro Woche wird Wilhelm-Lang von der Realschule für ihre Arbeit zugestanden. Um diese eine wurden ihre Unterrichtsstunden an der Schule gekürzt. Für die Finanzierung dieser einen Stunde kommt die badische Landeskirche auf.

Doch woraus besteht Schulseelsorge? „Es ist ein begleitendes Programm, das Schülerinnen und Schüler in ihrem schulischen und persönlichen Leben berät und unterstützt“, führt die Realschullehrerin auf diese Frage aus. Der Bedarf steige stetig. Die Kooperation mit der Schulsozialarbeit und dem Lehrer für Beratung ist eng. Zudem unterliegt Wilhelm-Lang ebenfalls wie Ärzte und Pfarrer der großen Schweigepflicht. Sie ist elementar und bedeutet, dass keine Gespräche ohne Zustimmung des Betroffenen, mit anderen Personen, auch nicht von der Schulsozialarbeit, geführt werden dürfen.

Ein Hauptziel der Schulseelsorge sei es, Schülerinnen und Schülern in schwierigen Lebenssituationen beizustehen. Das können persönliche Krisen, familiäre Probleme, psychische Belastungen oder existenzielle Fragen sein. Doch auch die Gestaltung von Gottesdiensten und spirituellen Angeboten zählt zu den Aufgaben einer Schulseelsorgerin, ebenso wie die Förderung des interreligiösen Dialogs und der Toleranz. Außerdem zielt die Schulseelsorge darauf ab, die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder zu unterstützen. Ein Hauptanliegen ist die Förderung wichtiger sozialer Kompetenzen wie Empathie, Konfliktlösung und Selbstreflexion. Ein zweiter Baustein für die Schulseelsorgerin sei es, zu signalisieren: „Ich bin für dich da“, sagt Wilhelm-Lang. Und weiter: „Ich sehe dich! Ich höre dir zu! Ich begleite dich!“ Das seien die drei Aussagen, die das Motto der Schulseelsorge bilden. Bei besonders schwerwiegenden Problem bekommt die Schule Unterstützung vom Krisen-Interventionsteam, dem Notfallseelsorgeteam aus Karlsruhe und der schulpsychologischen Beratungsstelle, angesiedelt beim Schulamt in Rastatt.

Johanna Wilhelm-Lang berichtet weiter, dass die Schulseelsorge in das Krisenteam der Schule eingebunden ist. In den Schubladen der Schule befinden sich vorbereitete Ablaufpläne, um in der akuten Phase eines Krisenereignisses schnell reagieren zu können. Ein Beispiel dafür ist die Informationskette, die im Falle eines schlimmen Vorfalls in Gang gesetzt wird. Sie beinhaltet ein schnelles Informieren des Kollegiums und der Eltern, damit das Kind zu Hause nicht mit seinen Sorgen alleine bleibt. Zudem ist darüber zu beraten, was als Nächstes zu tun ist. Das schuleigene Krisenteam tritt zusammen, auf Wunsch wird gebetet. Auch das Spazierengehen wird als adäquates Mittel gesehen, um eine akute Krisensituation zunächst zu beruhigen. Trauerräume sind einzurichten. Ein schöner Aspekt ist die Ausrüstung der Räume mit Keksen und Getränken, um den Schockmoment bei den Kindern etwas zu dämpfen. Wilhelm-Lang sagt dazu: „Alles, was den Kindern guttut, ist erlaubt.“

Doch nicht nur die großen Krisen fordern die Schulseelsorgerin. Oftmals sind es alltägliche, banale Dinge, die plötzlich ein Auslöser dafür sein können, dass Bedarf für eine Beratung besteht. Das kann ein Post auf einer Plattform der sozialen Medien sein, die Aussage einer anderen Schülerin oder eines anderen Schülers, eine schlechte Bewertung oder auch ein häuslicher Streit. Schulseelsorgerin Johanna Wilhelm-Lang fällt im Unterrichtsbetrieb immer eine Doppelrolle zu: die der Lehrerin die Noten vergibt und die der Kollegin. Denn wie die Schülerinnen und Schüler dürfen sich auch alle an der Schule tätigen Personen an sie wenden.