Rhein-Neckar-Zeitung - Heidelberger Nachrichten, 21.10.2024

 

Live aus der Kreuzkirche

Evangelische Gemeinde in Wieblingen gestaltete ZDF-Fernsehgottesdienst – Familienleben aus vielen Perspektiven

Von Daniel Bräuer

Drei Witwen laufen durch die Wüste. Noomi und ihre Schwiegertöchter Orpa und Rut. Sie sind sie auf dem Weg in Noomis alte Heimat Bethlehem. Die alte will die beiden jungen Frauen wegschicken – sie sollen sich ein eigenes Leben, eine neue Familie aufbauen. Orpa geht unter Tränen ihrer Wege, zurück, wo sie herkamen. Rut widersetzt sich der Schwiegermutter – und bleibt bei ihr, komme, was wolle.

„Rut und Orpa, das sind zwei Seiten in uns“, sagt Verena Schlarb, Pfarrerin der evangelischen Kreuzgemeinde. Die biblische Geschichte von Rut und Orpa stand am Sonntag im Zentrum ihrer Predigt – ausgestrahlt live im ZDF als Fernsehgottesdienst. Thema: „Familienbande, vom Halten und Loslassen.“

„Manchmal kann ich nicht beides haben“, sagt Schlarb über die gegensätzlichen Schwiegertöchter. „Die kommen zu unterschiedlichen Zeit im Leben zu tragen.“ Denn wie man sich auch entscheide: Es bleibe die Sehnsucht, es so zu tun wie die andere. „Die Frage ist nicht, wer handelt richtig? Die Frage ist: Welcher Weg ist stimmig?“ Vor über 2000 Jahren sei die Bibel an dieser Stelle „kreativ und weit“ gewesen, sagt Schlarb. „Das Rut-Buch bewertet beide gleich.“

In sehr persönlichen Einblicken schildern Mitglieder der Gemeinde, auf wie vielfältige Weise Familienleben einen Spagat bedeuten kann: zwischen der Fürsorge für kleine Kinder, der Pflege der Bedürftigen Eltern, dem eigenen Berufsleben und der Partnerschaft.

Inge Junkert berichtet davon, wie sie ihren Mann verlor. Einst sah sie sich in der Rolle ihrer eigenen Mutter, der Dreh- und Angelpunkt einer großen Familie an einem Ort. Und nun leben ihre Kinder mit ihren Familien ganz woanders. „Und das ist auch gut so“, sagt sie heute. „Wir haben einen sehr guten Draht.“ Facetime statt Küchentisch. „Ich musste lernen, was ich mitbringe: Stärke, Zuversicht und Gottvertrauen, das hat mir geholfen.“

Kinderchorleiterin Maike Moreau berichtet von der umgekehrten Erfahrung. Wie sie, die es ganz anders machen wollte, schließlich doch Lehrerin wurde, wie ihre Mutter. Weil sie spürte, dass sie das mehr erfüllte als ihr eigentlicher Traumberuf als Schauspielerin. „Was meine Eltern mir vorgelebt haben, war ziemlich gut.“

Musikalisch umrahmt wird die Dreiviertelstunde unter der Gesamtleitung von Lars Quincke mit Kirchenklassikern wie „Lobe den Herrn“ und modernen Stücken wie etwa dem schmissig arrangierten „Weite Räume meinen Füßen“.

Für die Wieblinger Gemeinde ist es der dritte Auftritt auf großer Bühne. 2019 übertrug der Deutschlandfunk im Radio aus der Kreuzkirche, vor einem Jahr erstmals das ZDF. Koordinatorin Simone Hahn, selbst Pfarrerin, lobt die lebendige Arbeit der Gemeinde – von Moreaus Kinderkantorei über den CrossOverChor bis zum Posaunenchor, die alleine auf fast 60 Mitwirkende kommen, bis zu den vielen Helfern im Umfeld. 20 von ihnen besetzten nach der Live-Ausstrahlung bis in den Abend das Zuschauertelefon. „Wir sind sehr gerne wieder hergekommen“, so Hahn. Auch Redakteurin Charlotte Magin lobt die Professionalität des Teams um Schlarb. Obwohl der Ablauf zwischenzeitlich um eine Minute hängt, gelingt am Ende eine Punktlandung: Nach 44 Minuten und drei Sekunden läuft der Abspann, durch die Kirche hallt tosender Applaus. Hahn verspricht: „Wir kommen sicher irgendwann wieder.“ Schlarb schmunzelt, das sie es sich überlegen wird – wenn der Ältestenkreis zustimmt.

Info: Der Gottesdienst ist online in der ZDF-Mediathek.