Stuttgarter Zeitung Stadtausgabe, 16.10.2024

 

Unterwegs im Gottesmobil

Zukunft der Kirche (2 ) Die Pfarrerin Ulrike Bruinings fährt mit einem umgebauten Schäferwagen durch den Südschwarzwald und weckt die Neugier der Menschen. Jannik Jürgens

An diesem Sonntag zieht Nebel über den Parkplatz der Feldbergbahn, er verschlingt die Tannen, die Wiese und die Steine. Vielleicht sieht es so im Himmel aus, denkt man, aber hoffentlich nieselt es dort nicht, und ein bisschen wärmer könnte es auch sein. Oben am Gipfel Seebuck, wo Pfarrerin Ulrike Bruinings einen Gottesdienst feiern will, soll bei neun Grad auch noch der Wind wehen.

Die Pfarrerin trägt Schäferhut und Softshelljacke. Ulrike Bruinings leitet mit dem Kirchengemeinderat die evangelische Kirchengemeinde Hinterzarten. Die 50-Jährige hat mit ihrem Bus am Vortag die Schäferwagenkirche auf den Parkplatz gezogen, nun wuselt sie um den Wagen, die nackten Knöchel schauen aus den Schuhen. Ein Blick aufs Smartphone stimmt sie optimistisch: „Um 10.30 Uhr kommt die Sonne raus.“ Der Mitarbeiter der Feldbergbahnen, der die Kirche mit seinem Pick-up auf den Gipfel ziehen soll, schüttelt den Kopf. Auch er hat sich die Wettervorhersage angesehen. „Bei mir regnet’s den ganzen Tag durch“, sagt er. Ulrike Bruinings muss entscheiden. Feiert die Gemeinde auf dem Gipfel Gottesdienst, wie angekündigt, oder weicht sie in die trockene, katholische Kirche aus?

Seit einem Jahr fährt die Pfarrerin mit dem hölzernen Wagen durch die Gemeinde, eine Mischung aus Tiny House und Schäferwagen. Von außen erinnern ein Kreuz und der Glockenturm, 50 Zentimeter hoch, an eine Kirche. Um die Glocke zu läuten, muss man vorsichtig an einem Seil ziehen.

Die Idee dazu entstand aus der Not heraus. Die Kirchengemeinde Hinterzarten gehört flächenmäßig zu den größten des Bundeslandes. Auf Täler, Schluchten und eine Hochebene verteilen sich die etwa 1500 Gemeindemitglieder. Es ist eine evangelische Diaspora, im Hochschwarzwald sind die meisten Christen katholisch.

Gemeindezentren werden verkauft

Vor sieben Jahren verschmolzen Hinterzarten und Feldberg-Titisee zu einer Pfarrgemeinde. Ein Schicksal, das viele Kirchengemeinden kennen, seitdem sie immer stärker schrumpfen. Ende der 1960er Jahre hatte die Evangelische Landeskirche in Baden noch 1,4 Millionen Mitglieder, heute sind es nur noch eine Million.

Nach der Fusion stand die evangelische Gemeinde Hinterzarten-Titisee-Feldberg plötzlich mit zwei Gemeindezentren da. Und weil in Feldberg nur wenige Menschen zum Gottesdienst kamen, entschied man sich aus Kostengründen, das Gebäude zu verkaufen. Doch wie sollte das Gemeindeleben dort nun weitergehen?

Eine Pfarrgemeinderätin schlug vor, einen Bus zu kaufen und damit in Feldberg und der riesigen Gemeinde herumzufahren. Bruinings erinnerte sich an eine Schäferwagenkirche, die sie im fränkischen Altmühltal kennengelernt hatte. Sie schlug vor, ebenfalls eine Tiny Church anzuschaffen. Und so kaufte die Gemeinde einen zweiachsigen Schäferwagen mit Mini-Glockenturm und einem roten Blechdach. Sechs Menschen finden auf den Bänken im Innern Platz. Könnte so die Zukunft der Kirche aussehen?

Eine Sprecherin der Evangelischen Kirche in Deutschland schreibt auf Anfrage: „Kirche muss flexibler und an wechselnden Orten präsent sein. Hier sind Schäferwagenkirchen oder Tiny Churches – in guter Tradition der Bauwagenkirchen – eine gelungene Möglichkeit, um sich auf den Weg zu den Menschen zu machen.“

Heute, beim Gottesdienst auf dem Seebuck, soll ein Junge getauft werden, fast acht Monate alt. Bruinings sagt, die Taufgemeinde wisse, dass es einen Wettereinbruch geben könne. „Ein bisschen Nieselregen ist nicht schlimm, haben sie mir gesagt.“ Der Mann von der Feldbergbahn macht große Augen. Wenn sich Wanderer im Nebel verirrten, könne dort oben schnell gefährlich werden, sagt er. „Aber ich glaube nicht, dass bei dem Wetter überhaupt jemand kommt.“

Nach einem Telefonat mit der Tauffamilie ist Ulrike Bruinings unschlüssig, wo der Gottesdienst stattfinden soll. Sabine Daumüller, die Vorsitzende des Kirchengemeinderats, nimmt ihr die Entscheidung ab. „Ich finde, der Regen gehört dazu. Wir haben ja keine Sonnenwagenkirche“, sagt Daumüller, die einen Cowboyhut trägt. Bruinings grinst. „Dann machen wir das jetzt.“

Zusammen mit zwei Helfern schieben die beiden Frauen den 2,1 Tonnen schweren Wagen zurück, damit der Pick-up heranfahren kann. Bruinings zückt eine Dose mit Multifunktionsöl und sprüht noch schnell die Anhängerkupplung ein. Im vergangenen Jahr hatte sich die Kupplung nicht mehr von ihrem Auto lösen lassen, und die Pfarrerin musste den Wagen mit nach Hause nehmen.

Der Pick-up zieht die Kirche auf den Berg. Gebaut hat sie die Firma Müller Schäfer- und Zirkuswagenbau aus Aldingen, etwa 70 Kilometer vom Feldberg entfernt. „Wir wollten etwas Hochwertiges und Langlebiges“, sagt Bruinings. 46 000 Euro gab die Pfarrgemeinde dafür aus. Eine Summe, die fast jede Gemeinde aufbringen könnte, sagt Bruinings. Ihrer Erfahrung nach ließen sich Spender schnell dafür motivieren. Auch an Kleinigkeiten hat Bruinings gedacht. Das Nummernschild des Wagens lautet FR-JO-1014. Es ist die Bibelstelle Johannes 10, Vers 14: „Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich“.

Bierbänke statt Kirchenbänke

Mittlerweile ist der Organist Dieter Martin zu Bruinings und ihrem Team gestoßen. Er schiebt seine 86-jährige Frau durch den Nieselregen, sie sitzt im Rollstuhl, und fragt die Pfarrerin, ob der Gottesdienst nun wirklich auf dem Berg stattfinde. „Ja“, sagt Bruinings. „Wir sind ja keine Schönewetterchristen.“ Martin nickt und zuckelt mit seiner Frau zur Talstation der Bergbahn. „So ein mächtiger Nebel“, sagt sie. Das Abenteuer scheint ihr Spaß zu machen.

Oben bläst ein zugiger Wind, es nieselt weiterhin. Frau Martin wird in Decken gewickelt, und mit ihrem Rollstuhl etwas windgeschützt an die Seite des Wagens gestellt. Bruinings geht zur Deichsel, öffnet einen Schrank und zieht eine Bierbank heraus.

Als die Pfarrerin vor vier Jahren nach Hinterzarten kam, schloss sie sich der Bergwacht an. Drei Jahre dauerte die Ausbildung. Bruinings musste zeigen, dass sie Klettern und Skifahren kann und darf nun offiziell Menschen in den Bergen des Schwarzwaldes retten. Das Motto der Bergwacht („Bei jedem Wetter, in jedem Gelände“) scheint sie auf die Kirchengemeinde zu übertragen.

Als die Taufgemeinde eintrifft, stehen 14 Bierbänke und ein Altar bereit. Viele der Hergekommenen sind in Tracht gekleidet, einige Männer tragen kurze Lederhose. Die Menschen spannen Regenschirme auf.

Auf dem Altar steht eine Vase mit Sonnenblumen. Bruinings hat ein paar Steine hineingelegt, damit der Wind sie nicht umbläst. „Zum Glück haben wir eine wetterfeste Kabeltrommel gekauft“, sagt sie. Der Strom treibt die Lautsprecher und ein Keyboard an.

Die Taufgesellschaft friert

Als Bruinings den Gottesdienst beginnt, sind tatsächlich alle Bierbänke belegt. 45 Menschen sitzen und bibbern inmitten einer Nebelwolke, die hartnäckig am Gipfel klebt.

Die Pfarrerin trägt einen Schäferhut und zitiert Psalm 36 Vers 6 („Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, / deine Treue, so weit die Wolken ziehn.“). Dann predigt Bruinings über die Wolken, ein Symbol, das eng mit Gott verbunden ist. „Wolken verbinden die Welt. Sie bringen die Meere aufs Land und versorgen die Pflanzen, die Menschen und die Tiere mit Wasser“, sagt sie.

Birte Braun kann sich über das Wasser nicht recht freuen, das unaufhörlich vom Himmel kommt. Die junge Frau wiegt ihren Sohn in den Armen. Er soll heute getauft werden, doch Braun hat Mühe, den Jungen zu beruhigen. Der Regen und die Kälte gefallen ihm nicht. Braun gefällt die Idee der mobilen Kirche, bei ihrer Trauung hatte sie die Kollekte der Schäferwagenkirche gewidmet. Doch heute hätte sie lieber in einer trockenen Kirche gefeiert. Als das Kind nach der Taufe wieder schreit, geht Braun mit ihm in den Wagen. Dort sitzt auch Dieter Martin, der Organist, am Keyboard. Nachdem der Gottesdienst vorbei ist, macht die Taufgemeinde noch Fotos im Nebel und zieht ab. Unten an der Talstation, der Wind ist nicht so stark, öffnen sie eine Flasche Sekt. Erleichterung macht sich breit.

Am nächsten Tag sitzt die Pfarrerin auf einer Bierbank neben der Schäferwagenkirche, die mittlerweile an einem Minigolfplatz in Feldberg steht. Bruinings kommt gerade von einem Seelsorgeeinsatz zurück und atmet durch. Zeit für ein Fazit nach einem Jahr Schäferwagenkirche.

„Es ist manchmal tatsächlich komplizierter geworden, einen Gottesdienst zu halten“, sagt sie. Sie braucht ein Team, das beim Aufbau der Kirche hilft. Doch das Angewiesensein auf die Hilfe anderer sei auch eine Chance. Ein Teil der Gemeinde bringe sich nun stärker ein. Und dass gestern etwa 50 Menschen zum verregneten Gottesdienst auf dem Seebuck kamen, verbucht sie als großen Erfolg. Und was ist mit der Taufgemeinde, die lieber in der trockenen Kirche gefeiert hätte? „Die Information kam für mich zu spät. Und ich habe von vielen anderen gehört, dass sie den Gottesdienst auf dem Berg besonders fanden“, sagt Bruinings. Wer die Dinge anders macht, muss eben damit leben, dass nicht immer alle einverstanden sind.

Bruinings sieht die Vorteile des Outdoor-Konzepts: Die Gemeinde feiert an Orten, wo nie eine Kirche stand. Als sie mit der Kirche in Breitnau, einem Dorf nördlich von Feldberg, auf einem Waldfestplatz waren, seien Bewohner des benachbarten Altersheimes in ihren Rollstühlen dazugekommen.

Sobald die mobile Kirche an touristischen Orten im Schwarzwald steht, etwa wie am Minigolfplatz, versammeln sich Menschen und begutachten den Wagen. Man könnte sagen: Wenn die Menschen nicht in die Kirche kommen, muss die Kirche eben zu den Menschen kommen.

Bruinings hat den Willen zur Veränderung. Als sie ihre erste Stelle als Pfarrerin antrat, machte sie die Markuskirche in Karlsruhe zu einer Gospelkirche. Die Musik führte Menschen in das Gotteshaus, die sonst nicht gekommen wären. Ulrike Bruinings ist überzeugt, dass die Gesellschaft nach wie vor einen großen Bedarf an Spiritualität hat. Die Tatsache, dass immer weniger Menschen dafür die Angebote der Kirche nutzen, findet sie schade. Aber sie nimmt die Herausforderung an. Die Schäferwagenkirche ist ihr Versuch, Menschen zu erreichen und Gemeinschaft zu stiften.