Südkurier Überlingen, 09.10.2024

 

Vorurteile sollen abgebaut werden

Merkez-Moschee öffnet ihre Türen am Feiertag Die Mitglieder geben Einblicke in ihren Glauben Barrieren brechen und Brücken bauen als Ziele

Überlingen – Entstanden ist die Idee bei den regelmäßigen Treffen des Überlinger „Runden Tischs für Vielfalt“. Eine Kirche, eine Moschee und eine Synagoge könnten doch jeweils ihre Türen öffnen, um mit Menschen anderen Glaubens in Kontakt zu kommen. Denn Religion werde derzeit zunehmend als „gesellschaftliches Gefahrenpotenzial“ wahrgenommen, sagt Pfarrerin Bettina Kommoss, Leiterin der evangelischen Erwachsenenbildung in Überlingen, aber kaum noch als „gesellschaftlicher Stabilitätsfaktor“. Die Theologin hat daher die Aktion „Zu Gast bei …“ maßgeblich mit initiiert, bei der zunächst die Überlinger Merkez-Moschee in Altbirnau ihre Türen geöffnet hat. Am Sonntag, 13. Oktober, sind dann alle zu einer christlichen Messe in die Auferstehungskirche eingeladen, am 8. November schließlich in die Konstanzer Synagoge.

Und so haben sich viele Interessierte im Gebäude der ehemaligen Kegelbahn eingefunden, das seit dem Jahr 2015 dem Türkischen Arbeitnehmerverein und dem Moscheeverein als Heimat dient. Das Freitagsgebet – es findet gegen 13 Uhr statt – war vorbei, das Abendgebet stand bevor. Es soll vor Ende der Dämmerung verrichtet werden, an diesem Tag um 19.04 Uhr.

Die Besucher erfuhren einiges über die Überlinger Moschee. Etwa, dass ihre Front, die Qibla, zufällig fast genau gen Mekka ausgerichtet ist, „zwei bis drei Grad Abweichung, das akzeptieren wir“, oder dass neben der mittigen Gebetsnische (Mihrap) die kleine Kanzel rechts (Minbar) für Freitags- und Feiertagsgebete genutzt wird. Hier geht es dann nicht nur um religiöse, sondern auch aktuelle und Alltagsthemen.

Die kleine Kanzel links hingegen, Kürsü, dient der Erläuterung von Koran-Versen. Gleich daneben findet sich eine kleine Bibliothek mit Büchern, die von Ditib zertifiziert sein müssen, dem türkischen Religionsverband, dem die Überlinger Moschee angehört. Von dort kommt auch der Imam, der immer nur für wenige Jahre in einer Gemeinde bleibt und dann häufig wieder in die Türkei zurückgeht. Seine Begrüßungsrede liest der Imam auf Deutsch, obwohl er die Sprache nicht spricht. „Meine Kinder haben sie aufgeschrieben“, sagt er.

Und ein interessantes Detail, das die Verankerung der türkischen Gemeinde in der Region verdeutlicht: Die gesamte Gebetswand habe der Uhldinger Schreiner Heinz Burkert erstellt, erzählt Genc Osman Celik, Mitglied im Moschee-Vorstand – aus feinem Mahagoni-Holz. Bereits sein Großvater habe mit Burkert zusammengearbeitet, zwischen den Familien sei eine echte Freundschaft entstanden. „Es ist ein Schmuckstück, das viel Wärme ausstrahlt“, sagt Celik. Noch heute sei Burkert regelmäßig in der Moschee zu Besuch.

Vor dem Gebet geht es zur rituellen Waschung – für Frauen und Männer getrennt. Gleiches gilt im Gebetsraum. Bis zu fünfmal am Tag wird im Islam gebetet. Die sich täglich ändernden Uhrzeiten werden an der Wand angezeigt. Manch einer hält sich penibel daran. Andere beten „eigentlich gar nicht“, wie jemand sagt: „Ich komme vor allem wegen der Geselligkeit.“

Gesellig ging es auch bei selbstgemachtem Essen vor und nach dem Gebet zu. Man kam ins Gespräch, auch OB Jan Zeitler mischte sich unter die Gäste und lobte die Offenheit der Gemeinde. Ein älterer Herr erzählt, wie es ihm jedes Mal „einen Stich ins Herz“ versetze, wenn etwa bei einem Attentat wie in Solingen von „radikalem Islamismus“ die Rede sei. „Der Islam ist friedlich, wie alle Religionen.“ War denn auch schon mal jemand, der Muslime in einer Kirche? „Natürlich“, sagt Gökhan Bahadir, der am Abend hier und da übersetzt hat, „mit Freunden. Und bei der Einschulung“.

Einen guten Teil zur Integration der türkischen Gemeinde trägt Ismihan Atmaca bei, die sich seit Jahren beim Runden Tisch und im Uhldinger Unterstützerkreis Migration engagiert. „Mir liegt daran, Brücken zu bauen und Barrieren zu überwinden“, sagt die Mitinhaberin des türkischen Lebensmittelmarktes Atmaca in Oberuhldingen. Ihr bislang schönstes Projekt sei der Frauenabend in der Sporthalle gewesen, bei dem Frauen verschiedener Nationen den ganzen Abend zu Musik verschiedener Nationen getanzt hätten. „Das müssen wir mal wieder machen.“

Eine sehr verbindende Idee hatte auch Ivo Großer, der unter anderem bereits Kurzfilme über syrische Flüchtlinge in Überlingen gedreht hatte. Die Gäste konnten ihren Namen auf „Zu-Gast-bei?“-Zettel schreiben, um jemand anderen Glaubens zu sich nach Hause einzuladen. Am Ende des Abends waren jedenfalls die meisten Zettel weg.

Das Projekt


Nach dem Besuch der Merkez-Moschee stehen am Sonntag, 13. Oktober, die Türen der Überlinger Auferstehungskirche offen, zum Gottesdienst ab 10.30 Uhr und um die Frage zu erörtern, was Muslime, Juden und Christen verbindet und „wo wir uns unterscheiden“. Parallel stellen bereits ab Freitag bosnische Frauen selbst gefertigte Stoffe in der Kirche aus. Am 8. November schließlich können Gäste in der Konstanzer Synagoge ab 18 Uhr den Kabbalat Schabbat miterleben. Informationen im Internet: www.eeb-bodensee.de