Wertheimer Zeitung, 12.10.2024

 

Orthodoxe Gemeinde kauft Michaelskirche

Glaube: Dank Spendenbereitschaft erfüllt sich auf dem Reinhardshof der Traum vom eigenen Gotteshaus - Erste Rate schon beisammen

Von unserem Mitarbeiter MICHAEL GERINGHOFF

WERTHEIM-REINHARDSHOF. Eine eigene Kirche mit eigenem Priester - für die orthodoxe Gemeinde auf dem Reinhardshof erfüllt sich dieser Traum gerade. Lange habe man dafür gekämpft - und dann seien viele Teile doch wie von selbst ineinandergefallen, sagt Irina Nikolskij, die Gemeindeälteste. 290.000 Euro zahlt die orthodoxe Gemeinde der evangelischen Kirche für deren Michaelskirche an der Willy-Brandt-Straße. Saal und Bürotrakt gehören auch dazu. Die erste Rate von 100.000 Euro wird dieser Tage fällig, der Rest zum Jahresende. Alles wird ausnahmslos durch Spenden finanziert - auch über einen vielbeachteten Aufruf im Internet.

Seit den frühen 1990-er Jahren

In Wertheim gibt es Orthodoxie seit der Ankunft der Deutschen aus Russland in den frühen 1990-er Jahren. Aktuell wächst die Gemeinde, hauptsächlich durch Gläubige aus der Ukraine. Derzeit wird die Gemeinde noch durch Pfarrer Edesij Ziske aus Bischofsheim bei Fulda betreut. Ihn kennen die Wertheimer Gläubigen seit 2002, seit 2006 hält er regelmäßige Gottesdienste in Wertheim. Bis zur Coronazeit in der Michaelskirche, seither an jedem zweiten Samstag in der katholischen Stadtkirche St. Venantius.

Nikolskij betont, dass der katholische Pfarrer Jürgen Banschbach und seine evangelische Kollegin Wibke Klomp immer ausgesprochen willkommen heißend gewesen seien. Die Nähe sei immer groß gewesen.

Feste feiern, wie sie fallen

Dennoch wolle die Gemeinde mehr. Richtig wäre es, den Hauptgottesdienst generell sonntags halten zu können - dann, wenn die Katholiken ihre Kirche aber selbst brauchen. »Es sollte schon der Sonntag sein, samstags wäre eine Abendandacht wichtig«, sagt Nikolskij. Auch andere kirchliche Feste wolle man feiern, wie sie fielen. Das sei nicht nur eine Frage der Verfügbarkeit der Räumlichkeiten, sondern auch eine Frage der Ausstattung.

Die orthodoxe Gemeinde hatte 2006 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew eine mit Heiligen und Ikonen geschmückte Altarwand bestellt - sie ist liturgisch unabdingbar und trennt den allgemeinen Kirchenraum vom engeren sakralen Bereich. Die auf Maß gefertigte Wand ist seit Corona im nahen Gemeinderaum der Orthodoxen eingelagert. Auf Zusage des orthodoxen Berliner Erzbischofs Tichon von Ruza soll die Wertheimer Gemeinde, jetzt, wo der Kaufvertrag geschlossen ist, so schnell wie möglich einen eigenen Priester bekommen.

Kaufpreis: knapp 300.000 Euro

Wie kam es zu dem Kauf? Als im Frühjahr herauszuhören gewesen sei, dass die evangelische Gemeinde das Kirchengebäude verkaufen könnte, habe sie gleich bei Dekanin Klomp Interesse bekundet, sagt Nikolskij. Es habe nur dreier Treffen und eines Besuches des orthodoxen Erzbischofs bedurft, bis man sich einig gewesen sei. Schon am 15. Juli sei der Kaufvertrag vor einer Berliner Notarin geschlossen worden. Der Kaufpreis von knapp 300.000 Euro sei fair und spiegle wider, dass es der evangelischen Seite wichtig gewesen sei, die Kirche als Gotteshaus zu erhalten, sagt Nikolskij.

Erst einmal gehe es ums Weiternutzen, Sanieren komme später - wenngleich es Tichon von Ruza wichtig sei, dass der Altarraum zügig vergrößert werde, sagt die Älteste. Der neue Priester werde ein Pfarrbüro bekommen, es werde intensivierte Jugendarbeit mit Bibelschule geben und den Saal wolle man, wie schon in der Vergangenheit, für Feste und Veranstaltungen nutzen, zu denen nach wie vor alle Wertheimer und auch die Gläubigen anderer Religionen eingeladen seien. »Wir wollen unseres tun, um alle Wertheimer näher zusammenzubringen«, betont Nikolskij. Was sich auf jeden Fall ändern wird, ist der Name: Aus der Michaelskirche wird die Kirche der heiligen Großmärtyrerin Irina.