Kann ich als moderne Frau Pfarrerin werden?
Lena Müller arbeitet hart für ihr Mathestudium. Doch dann spürt sie, dass sie lieber etwas anderes machen möchte: Menschen Gott nahe bringen
Celine SchäferFür mich war es immer selbstverständlich, mich in meiner Kirchengemeinde zu engagieren. Als ich klein war, lebte meine Mutter mir das vor. Sie organisierte zum Beispiel den Kindergottesdienst mit, zu dem ich regelmäßig ging. Als ich dafür zu alt wurde, fing ich an, ihn selbst mitzugestalten, als ehrenamtliche Mitarbeiterin. Nach meiner Konfirmation war es ähnlich: Ich begleitete die Jüngeren und fuhr mit ihnen auf Ferienfreizeiten. Sich einbringen, wenn man die Ressourcen dafür hat – das gehörte sich für mich. Das gemeinschaftliche Engagement in der evangelischen Jugendarbeit hat meine Beziehung zur Kirchengemeinde in meinem damaligen Wohnort Koblenz geprägt.
Als ich nach dem Abitur nach Berlin zog, suchte ich mir daher schnell eine Gemeinde, in der ich wieder Kinder und Jugendliche betreuen konnte. Das nahm viel Raum in meinem Leben ein. Dabei war ich ja eigentlich nach Berlin gekommen, um Mathematik zu studieren. In dieser Zeit war mir sehr wichtig, was andere Menschen von mir dachten. Ich wusste: Wenn man als junge Frau in Mathematik erfolgreich ist, beeindruckt das viele. Außerdem sind die Berufsaussichten gut.
Das Studium lief sehr gut. Ich arbeitete hart, träumte in manchen Nächten sogar die mathematischen Beweise weiter, die ich tagsüber geführt hatte. Ich gehörte zu den Besten meines Jahrgangs. In meiner Abschlussarbeit war mir ein großer Erfolg gelungen: Ich als kleine Studentin fand in der wissenschaftlichen Arbeit eines Professors einen Fehler und widerlegte seine These. Zwar machte mich das stolz, doch gleichzeitig merkte ich: So ganz erfüllt mich mein Studium nicht. Stattdessen war es mein kirchliches Ehrenamt, das mir Glücksgefühle brachte. Besonders viel bedeuteten mir die Segelfreizeiten. Auf dem Wasser wachsen Jugendliche als Gruppe richtig zusammen – ein Segel kriegt man schließlich nur gemeinsam hochgezogen. Man muss miteinander harmonieren, um zusammenarbeiten zu können. Dieses Gemeinschaftserlebnis, die Abende am Lagerfeuer, das gemeinsame Kochen, Singen und Beten – das hat mich noch mal besonders abgeholt.
Nachdem ich meine Abschlussarbeit abgegeben hatte, begleitete ich wieder so eine Segelfreizeit. Und wieder war es wunderschön. Ich war Teil einer Gemeinschaft und fühlte mich geborgen. Ich spürte: Hier zählt nicht meine Leistung, sondern dass ich einfach so bin, wie ich bin. Als der Ausflug nach zehn Tagen zu Ende war und ich nach Hause kam, heulte ich Rotz und Wasser.
Ich suchte das Gespräch mit dem Pfarrer, der die Freizeit mit mir geleitet hatte. Dabei kristallisierte sich ein innerer Konflikt heraus: Mein Ehrenamt in der Gemeinde war mir wichtiger und machte mich glücklicher als dieses Studium, das später mein Beruf werden sollte. Der Pfarrer sagte dann zu mir: »Du bist doch noch jung, du könntest noch einmal etwas anderes studieren.« Ich war 22 und fühlte mich superalt. Auf diese Idee wäre ich selbst nie im Leben gekommen.
Der Gedanke an einen Neuanfang ließ mich nicht mehr los. Ich fasste den Entschluss, mich für ein Zweitstudium zu bewerben, um Pfarrerin zu werden. Einen Monat später saß ich also im Bewerbungsgespräch und noch einen später in meiner ersten Vorlesung. Das Studium war intensiv, ständig beschäftigte ich mich mit großen Fragen: Wie verstehe ich die Bibel? Muss ich alles wörtlich nehmen, was da steht? Kann ich als moderne, naturwissenschaftlich geprägte Frau Pfarrerin werden?
In den Kursen gab es eine Anwesenheitspflicht, und ich musste lange Pflichtpraktika absolvieren. Nebenbei arbeitete ich bis zu 30 Stunden pro Woche, meist in Kirchengemeinden, um mir das Zweitstudium zu finanzieren. Trotzdem habe ich die fünf Jahre Studium ohne Verzögerung durchgezogen.
Jetzt bin ich Pfarrerin, und ich habe meine Entscheidung keinen Tag bereut. Besonders glücklich macht mich, dass in meine Gottesdienste auch Menschen kommen, die sich das sonst vielleicht nicht trauen würden. Dazu gehören Menschen, die in der Kirche Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, vor allem Frauen und queere Menschen. Sie finden sich in meinen Gottesdiensten wieder und fühlen sich geborgen, weil ich eine geschlechtergerechte Sprache verwende und versuche, außerhalb patriarchaler Strukturen von Gott zu erzählen.
Ich achte zum Beispiel darauf, die Vielfalt an Gottesbildern in meinen Gebeten, Predigten und Andachten widerzuspiegeln. »Vater« und »Hirte« sind sicherlich schöne biblische Gottesbilder, »Mutter« und »Hebamme« oder auch »Quelle« und »Sonne« aber ebenso. Wenn wir nur männliche Gottesbilder zulassen, also nur Männern zugestehen, gottähnlich zu sein, ist das nicht nur unbiblisch. Dann brauchen wir uns über Sexismus in unserer Gesellschaft nicht zu wundern.
Ich bin schon lange politisch interessiert und engagiert. Während meines Studiums stieß ich in der Bibel immer wieder auf Dimensionen, die zu meiner aktivistischen Perspektive passen. So wird in der Bibel erzählt, dass Gott sich den Menschen zuwendet, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, etwa Frauen, Menschen fremder Herkunft, Arme, Kranke oder Menschen mit Behinderung.
Wenn Gottes Herz ganz besonders für die schlägt, die es schwer haben, dann sollten wir Christen und Christinnen uns auch ganz besonders diesen Menschen zuwenden. In der Bibel finde ich den Grund, warum ich mich für andere Leute einsetze. Gleichzeitig ziehe ich auch die Kraft für dieses Engagement aus dem Buch. Mein Glaube, meine Arbeit und mein politisches Engagement sind eng miteinander verflochten.
Im Internet bekomme ich manchmal hasserfüllte Kommentare wegen meines Aktivismus und meiner Denkweise. Im Vikariat, dem letzten Teil der Ausbildung zur Pfarrerin, erlebte ich einmal eine unangenehme Situation. Ich hatte in meiner Predigt queere Menschen erwähnt. Nach dem Gottesdienst wurde mir von einem Besucher an den Kopf geknallt, dass meinetwegen das deutsche Abendland untergehen würde.
Ich war total erschrocken, aber es war eine Ausnahme. In meiner Gemeinde merken die Leute natürlich, dass ich einiges anders mache. Die meisten nehmen das positiv auf. Manche sind auch neugierig, dann gibt es Diskussionen – etwa darüber, ob nur Männer Jesus gefolgt sind oder ob es nicht auch Jüngerinnen gab. Diesen Austausch finde ich wichtig. Es müssen ja nicht alle meiner Meinung sein. Hauptsache, wir gehen respektvoll miteinander um.
Protokoll von Celine Schäfer