Toter Mensch wird Grundlage für neues Leben
Georg KellerPremiere in Baden-Württemberg: Bei der Reerdigung zerfallen Leichname in 40 Tagen zu Erde
In seinem Berufsleben als Förster hat Klaus Jürgen Häcker aus Weingarten unzählige Bäume gepflanzt. Für seine eigene Bestattung hat er sich zu Lebzeiten für eine neue Bestattungsform entschieden, um schnell eins mit der Natur zu werden: die Reerdigung.
Bei der Reerdigung wird der Leichnam mit einem Pflanzensubstrat aus Heu und Stroh in einen Kokon gebettet. Bei Zuführung von Luft sorgen natürliche Mikroorganismen bei Temperaturen von bis zu 70 Grad Celsius dafür, dass der Körper in 40 Tagen zu Erde zerfällt. Der natürliche biologische Zerfallsprozess läuft also wesentlich schneller ab als in einem Sarg, der in zwei Metern Tiefe begraben wird.
Von einer Premiere in Baden-Württemberg sprach Martin Stier vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen aus Pfinztal, in dessen Räumlichkeiten in der Karlsruher Gerwigstraße die Einbettung am Mittwoch stattfand. Auf ausdrücklichen Wunsch der Witwe Ute Mahling waren neben der Familie, Freunden, Kollegen und Weggefährten des Verstorbenen auch Presse und Fernsehen mit dabei.
„Es gibt durchaus kontroverse Meinungen zu dieser neuen Bestattungsart“, sagt Martin Stier, der selbst mit dem Verstorbenen befreundet war, einleitend. Für die Bestatterbranche ist diese Bestattungsform Neuland, mehrere Vertreter informierten sich bei einem Informationsabend über den Prozess. Vorrangig sei dabei eines, betonte der Ulmer Bestatter Daniel Streidt, Vorstandsmitglied der Landesinnung Baden-Württemberg: „Die Würde der Verstorbenen steht immer an erster Stelle.“
Angeboten wird die neue Bestattungsart von dem Unternehmen „Meine Erde“ aus Berlin, vertreten durch Geschäftsführer Pablo Metz. Derzeit ist die Reerdigung nur in Schleswig-Holstein zugelassen. Der Sarg-Kokon wird deshalb von Karlsruhe nach Mölln transportiert. Nach 40 Tagen öffnet das Unternehmen zusammen mit dem Bestatter den Kokon, die zu Erde gewordenen Überreste können begraben werden – ohne Sarg. Bislang ist dies jedoch nur auf Friedhöfen in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg möglich.
Metz ging auch detailliert auf die biologischen Vorgänge ein, was für manche Teilnehmer einer Trauerfeier sicher ungewohnt zu hören war. Während des 40-tägigen Prozesses verfallen nur die Weichteile zu Erde, die Knochen müssen anschließend zermahlen werden und werden danach der Erde als mineralische Bestandteile zugegeben.
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zitierte den Gerichtsmediziner Klaus Püschel, ehemaliger Leiter des Instituts für Gerichtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, dass die Erde nach 40 Tagen „relativ viel verfaultes Fleisch“ enthalte. Püschel habe keine Proben erhalten und untersucht, es handelte sich daher um Mutmaßungen, antwortet das Berliner Unternehmen auf die Vorwürfe und verweist auf eine forensische Studie des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Leipzig. Diese habe ergeben, dass in der Erde und an den Knochen kein Humangewebe nachweisbar sei. „Wir wissen, dass dieser Prozess in 40 Tagen funktioniert“, bekräftigte Metz in Karlsruhe.
Untersucht wurde auch, ob durch Transformationsprozess im Kokon Schadstoffe entstehen oder durch die Mikroorganismen im Körper vorhandene Schadstoffe abgebaut werden können. Laboruntersuchungen von unabhängigen Testlaboren hätten bestätigt, dass etwa die Schwermetallwerte deutlich unter den jeweiligen Grenzwerten liegen, so Metz.
Von dem Unternehmen befragte Vertreter von katholischer und evangelischer Kirche äußern keine grundsätzlichen Bedenken gegen diese neue Bestattungsform. So bewertet der Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach Peter Schallenberg die Reerdigung als eine Unterform der Erdbestattung und hebt Vorzüge im Unterschied zur Kremation hervor.
Für den Weingartener Klaus Jürgen Häcker war die Wahl der Reerdigung als Bestattungsform eine ganz bewusste und konsequente Einscheidung: „Es entspringt seinem Denken als Naturmensch und bewusster Mensch, der ein ökologisch-systemisches Denken hatte“, betonte die Witwe Ute Mahling. Der Mensch komme aus der Natur und werde durch die Reerdigung wieder Grundlage für neues Leben. „Es ist eine Liebeserklärung an das Leben und die Natur.“ Die Familie des Verstorbenen hofft auf eine Ausnahmegenehmigung, so dass Ende Oktober die Beisetzung der Erde in der badischen Heimat erfolgen kann.
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