Badische Zeitung Ortenau, 30.09.2024

 

Ein schlichtes Pfarrhaus ohne Verzierungen

Das von Hans Voß entworfene Pfarrhaus an der Stiftskirche ist im Stil seines Lehrmeisters Friedrich Weinbrenner gebaut. Das Gebäude wurde 1817 fertiggestellt.

Nach dem Grundsatz „cuis regio eius religio“ (wessen Gebiet, dessen Religion) war das nassauische Lahr seit der Reformation eine rein evangelische Stadt. Dies hielt auch in der badischen Zeit nach 1803 noch jahrelang an. 1825 gehörten von den 5859 Lahrerinnen und Lahrern 95,6 Prozent dem evangelischen Glauben an. Bis zum Jahr 1900 stieg dann der Anteil der Katholiken auf 39,1 Prozent, während nur noch 59,4 Prozent evangelisch waren.
Das alte Lahrer Pfarrhaus, das noch zu Beginn des Dreißigjährigen Kriegs an der Ecke Vogtstraße/Bei der Stiftskirche stand, wurde im Laufe dieses Kriegs ruiniert. Pfarrer Christoph Caroli (1608 bis 1673) arbeitete zwar im Pfarrhaus in der Rappengasse (heute Friedrichstraße 15, links neben dem Polizeirevier), besaß aber ein eigenes Haus am Urteilsplatz. Bis zum sogenannten „Großen Brand“ im Jahr 1677 wohnte der Heiligenschaffner im Pfarrhaus und hier befanden sich auch die Amtsräume der kirchlichen Verwaltung. Das Haus brannte 1677 ab. Da nun keine Wohnung vorhanden war, gab es auch bis 1684 keinen Pfarrer. Als das Pfarrhaus in der Rappengasse an gleicher Stelle neu errichtet worden war, zog der nach Lahr berufene Superintendent und Stadtpfarrer Johann Morstadt (1647 bis 1719) ein.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Wohnung des Pfarrers in der Rappengasse in schlechtem Zustand. Wie einer Akte im Staatsarchiv Freiburg zu entnehmen ist, riet man dem zuletzt mit seiner Haushälterin darin wohnenden Dekan Johann Adam Koch (1739 bis 1814), einem Neubau des Pfarrhauses zuzustimmen und die „elende Spelunke“ zu verlassen. Wegen der damit verbundenen Unbequemlichkeiten verbat sich aber der mit über 70 Jahren deutlich gealterte Pfarrer diese geplante Veränderung und wollte sich in der gewohnten Umgebung für den Rest seines Lebens weiter behelfen. Koch starb im Dezember 1814.
Zunächst wurde aus Sparsamkeitsgründen überlegt, ob man in Lahr künftig nur mit einem Pfarrer und einem Diakon auskommen könne, verwarf aber diese Idee und war sich sicher, dass dem Nachfolger Kochs die Wohnverhältnisse seines Vorgängers nicht zugemutet werden könnten. Als idealer Standort für einen Neubau des Dekanats bot sich der Dekanatsgarten neben der Stiftskirche an. In ganz so schlechtem Zustand konnte das alte Pfarrhaus in der Rappengasse nicht gewesen sein, denn im Juli 1815 konnte es zur finanziellen Unterstützung des Neubaus für die stattliche Summe von 5001 Gulden verkauft werden.
Architekt Hans Voß (1783 bis 1849), ein Weinbrenner-Schüler, hat das evangelische Pfarrhaus an der Lahrer Stiftskirche entworfen. Johann Wolfgang von Goethe soll dem Vater des Architekten, dem durch seine „Homer“-Übersetzungen bekannt gewordenen Johann Heinrich Voß (1751 bis 1826), die Ausbildung seines Sohnes Hans bei Friedrich Weinbrenner (1766 bis 1826) in Karlsruhe angeraten haben. In Lahr und Umgebung hat Voß mehrfach seine Handschrift hinterlassen: Genannt seien die Lotzbeckvilla (heute Neues Rathaus in Lahr) und die Kirchen in Kürzell und Münchweier.
Im Juni 1816 waren die Bauarbeiten in vollem Gang. Der Keller war bereits gewölbt und der erste Stock stieg allmählich in die Höhe. Wenn die Witterung nicht weiter so unfreundlich bleibe, schrieb Stiftsschaffner Gläser, könne das Hauptgebäude in zwei Monaten „unter Dach“ stehen. Der Bau wurde 1817 fertiggestellt.
Die Architektur des Pfarrhauses (Dekanatsgebäudes) spiegelt die typischen Merkmale des Weinbrennerstils, formale Reduktion und Detailkargheit, wider. Für die Beheizung waren drei eiserne Öfen vorgesehen. Kurz vor seinem Einzug bat der erste Bewohner des Hauses, Dekan Christian Heinrich Müller (1760 bis 1835), darum, in seinem Schlafzimmer einen dieser Öfen durch einen Porzellanofen ersetzen zu dürfen, weil dieser „eine weit gesündere und angenehmere Wärme“ verbreite.
Aus der Abschlussrechnung des Stiftsschaffners Gläser vom 6. Mai 1818 geht hervor, dass sich die Gesamtkosten des Baus auf 11.424,44 Gulden errechneten. Den Hauptanteil daran hatten die Maurer- und Steinhauerarbeiten (rund 5800 Gulden), die Zimmermannsarbeit (etwa 1600 Gulden), die Schreinerarbeit (rund 3000 Gulden), die Schlosserarbeit (etwa 665 Gulden) und die Glaser- und Malerarbeiten (ca. 580 Gulden).
Das Pfarrhaus wirkt schlicht und unauffällig, weil Voß, fast übertrieben – ausgenommen eine Verdachung auf Konsolen über dem Eingang – auf jede Verzierung der Fassade verzichtete. Erfreulicherweise haben Renovierungen, bis auf einen in den 1950er-Jahren erfolgten südlichen Anbau, nichts an der kühlen Strenge der klassizistischen Architektur des Gebäudes geändert. Die wenigen Merkmale, wie die Klappläden, das Dachgesims, die Dachgaube, die Fenstersprossen und die aus dem Walmdach aufsteigenden Kaminzüge, sind alle erhalten geblieben. Im Inneren erschließt eine rückwärtig mittige Treppe die einzelnen Räume. Arbeits- und Repräsentationsräume sind vorne platziert, die Nebenräume nach Süden zur Gartenseite hin.
Dekan Christian Ludwig Fecht (1778 bis 1858) schrieb über den Bezug des neuen Hauses durch seinen Vorgänger Christian Heinrich Müller: „Ein schönes neugebautes, geschmackvolles Pfarrhaus mit einem schönen Garten nahm ihn auf.“ Im Pfarrgarten pflegte dieser Dekan Christian Heinrich Müller, Sohn des Superintendenten Georg Jakob Müller und seine Ehefrau Sophie (geborene Dreyspring), zu sitzen, um dem Gesang der Nachtigallen zu lauschen. Dies inspirierte ihn zu poetischen Ergüssen. Eine Fülle von Gedichten, gereimten Reden und Epigrammen hat er hinterlassen, die sein Nachfolger Christian Ludwig Fecht im Jahr 1838 herausgab.
Mit den gereimten Reden, die gewöhnlich etwas lang gerieten, mag er seine Zeitgenossen zuweilen genervt haben, aber seine kritischen und witzigen Epigramme wissen bis heute zu gefallen. Müller sei überall die „Würze der Gesellschaft“ gewesen, meinte Fecht, aber sein „Witzstachel“ habe zum Schrecken all derer, die sich eine Blöße gegeben hätten, werden können. „Es war am Karfreitag früh, dass ich eine Blume auf das Grab dessen streute, der als Dichter, Redner, Gesellschafter, Menschenfreund und Armenfreund so manche Blume in das Leben seiner Brüder gestreut hatte“, schrieb Fecht im August 1837. Einige Beispiele von Müllers Epigrammen:

„Der Pfarrer, der sich rühmt, / die Predigt selbst zu machen /Gibt man auf seine Predigten recht acht, / So hört man’s wohl, dass er sie selber macht.“

„Der Blitzableiter auf einem Amtshaus / Wozu der Blitzableiter möchte ich fragen? /Denn hier pflegt selten etwas einzuschlagen.“

„Ist in dem Wein die Wahrheit zu ergründen, / So wird sie sicherlich ein Deutscher finden.“

Auch Müllers Nachfolger Fecht betätigte sich schriftstellerisch. Seine Beschreibung der Stadt Lahr und Umgebung wurde damals viel gelesen. Nach Fecht haben viele Pfarrersfamilien in dem Haus gewohnt. Aktuell ist es die Familie des Pfarrerehepaars der Kreuzgemeinde, Friederike Bornkamm-Maaßen und Thorsten Maaßen.
Der zum Haus gehörende Garten war ursprünglich viel größer gewesen und ist heute auf der Südseite an der Max-Planck-Straße verbaut. Die Evangelische Stiftung Pflege Schönau, neuerdings Stiftung Schönau genannt, der das Grundstück gehört, hatte einen Teil auf der Südseite in den Jahren nach 2000 verkauft, nachdem sich Pläne, dort ein Gemeindehaus zu errichten, nicht verwirklichen ließen.
Ein BZ-Dossier mit allen Teilen der Serie „Gebäude und ihre Geschichte“ steht unter www.badische-zeitung.de/gebaeude-und-ihre-geschichte