Südkurier Konstanz, 27.09.2024

 

Das „Heiligs Blechle“ feiert Geburtstag

Evangelische Petruskirche besteht seit 50 Jahren Neubau entstand in Zeit wachsender Gemeinden Gotteshaus bis heute ein Ort für vielfältige Begegnungen VON NIKOLAJ SCHUTZBACH KONSTANZ.REDAKTION@SUEDKURIER.DE

Konstanz – „Heiligs Blechle“ ist der liebevolle Spitzname, den ihr die Gemeindeglieder geben, als „Blechkirche“ ist sie im Konstanzer Volksmund bekannt. Beiden Namen bezeichnen die evangelische Petruskirche an der Wollmatinger Straße beim Hauptfriedhof. Sie und das angeschlossene Gemeindezentrum werden 50 Jahre alt.

In den 1950er Jahren war die einstige Paulusgemeinde stark gewachsen. Anfang der 1960er Jahre wurden daher die Ideen für eine personelle Verstärkung und den Bau eines weiteren Gemeindezentrums, also einer Kirche mit Gemeinderäumen und Pfarrwohnung, konkreter. Die Suche nach einem Bauplatz begann. In Frage kam ein Grundstück an der Straße Am Briel/Ecke Bismarcksteig, wo heute die Friedenskirche der evangelisch-methodistischen Gemeinde steht. Schlussendlich ausgewählt wurde ein Gelände der Gärtnerei Leirer, das die Kirche kaufte.

Doch bevor es so weit war, erfolgte 1964 die Teilung der Pauluspfarrei in Paulus-Ost mit dem bisherigen Pfarrer Manfred Bücklein und in Paulus-West. „Diese neue Pfarrstelle konnte 1965 mit Pfarrer Fritz-Peter Bung besetzt werden. Schließlich dehnte sich das Gebiet von Paulus-West bis an die Chérisy-Kaserne aus“, berichtet Pfarrerin Christine Holtzhausen.

Ein Schreiben an den Oberkirchenrat in Karlsruhe im Jahr 1967 beschrieb ein Bauvorhaben in zwei Abschnitten, eine Kirche samt Pfarrhaus sowie ein Gemeindehaus mit einem Kindergarten. „Die Pauluspfarrei West ist die einzige Pfarrei in Konstanz ohne eigene Räumlichkeiten. Selbst der Pfarrer wohnt außerhalb seines Gemeindebezirks“, hieß es darin. Gebaut wurde schließlich in anderer Reihenfolge: Kirche mit Gemeindezentrum, Pfarrhaus und Hausmeisterwohnung gemeinsam. Der Bau des Kindergartens erfolgte erst später.

In dem ausgelobten Architektenwettbewerb gab es zwei bemerkenswerte Vorgaben. „Weder bloße Anpassung noch falsche sakrale Überhöhung“ und „Die Funktionen sollen die bauliche Gestaltung prägen, frei von festen Überlieferungsformen wie von willkürlichen Besonderheiten.“ Ergänzend sollte sich „ein baulicher Ausdruck der heutigen christlichen Gemeinde [] in der vielgestaltigen Gliederung ihrer Gemeinschaft“ zeigen. „Der Treffpunkt der Gemeinde sollte danach nicht allein Kirche im herkömmlichen Sinne, sondern ein vielfältig verwendbares Gebäude für die verschiedensten Aktivitäten der Gemeindemitglieder sein“, erläutert Holtzhausen.

Den Wettbewerb gewann Architekt Manfred Heier. Die Bauleitung lag bei Architekt Johannes Hartwich. „Die veranschlagten Gesamtkosten für den ersten Bauabschnitt beliefen sich auf knapp unter 1,5 Millionen Mark. Herr Heier nahm im Auftrag des Kirchengemeinderates noch ein paar Anpassungen vor, so dass die Kosten noch gesenkt werden konnten und am Schluss bei 1,1 Millionen Mark lagen“, berichtet Christine Holtzhausen. Auf alle Einsparwünsche gingen Heier und Hartwich nicht ein. So sollte nur das Fundament für den Glockenturm ohne die Holzkonstruktion vorbereitet werden. Die Architekten waren sich jedoch einig, dass bei einem kostengünstigen Angebot besser gleich gebaut werden sollte. „Wenn wir das nicht gleich gemacht hätten, wäre das so nie mehr gekommen. Geld war ja da“, betont Manfred Heier. Die Glocken kamen erst später hinzu. Den Glockenturm zeichnet übrigens eine ungewöhnliche Besonderheit aus. Ein Buswartehäuschen ist direkt in die Holzkonstruktion eingefügt. „Das hat sich einfach so ergeben“, sagt Hartwich trocken. Auch bei der Farbgebung setzten sich beide durch. Aus dem Bauausschuss gab es wegen der Blechverkleidung „bösartige Kommentare. Das Gebäude sollte daher nicht noch mit Farbe hervorgehoben werden. Aber wir haben es doch gemacht“, erzählt Manfred Heier.

Einweihung im Februar 1974

Fritz-Peter Bung übernahm die neu gegründete Petruspfarrei. Am Wochenende, 16. und 17. Februar 1974, erfolgte die feierliche Einweihung des Neubaus. Er schrieb darüber: „Die hellen, vielseitig benutzbaren Räume kamen der befreienden Idee entgegen: Das Petrus-Gemeindezentrum wurde ein Haus der offenen Tür. Und so kamen denn auch viele, Einzelne und Gruppen“. Von Anfang an gehörten Ausstellungen und Konzerte zum Programm. Pfarrerin Christine Holtzhausen ergänzt: „Dies zeigte sich auch früh in der interreligiösen Zusammenarbeit. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit wie auch die Deutsch-Israelische Vereinigung hatten im Gemeindezentrum ihre Zusammenkünfte.“

Zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit erläutern, in welcher Vielfalt es genutzt wird. Seit der Corona-Pandemie hat im Petrusgemeindezentrum die Rumänisch-Orthodoxe Gemeinde eine neue Heimat gefunden. Anlässlich der Flüchtlingskrise von 2015 richtete Save me im großen Saal seine Kleiderkammer bis 2017 ein. Der Save-me-Treff findet jedoch nach wie vor jeden Montagnachmittag statt.

Die Einweihung des Kinderhauses Löwenzahn erfolgte erst 1994. Da erneut Heier und Hartwich verantwortlich waren, passte sich das neue Gebäude samt Turnhalle dem bestehenden Ensemble an. So entstand ein weitgehend geschlossener Innenhof, geeignet als Veranstaltungsraum und als geschützter Bereich für Kinder. „Als ich 2023 das erste Mal hierherkam, habe ich als wohltuend empfunden, welche Ruhe der Ort ausstrahlt. Das ist ein Ort der Begegnung. Hier findet ein sehr vielfältiges Leben statt“, berichtet Pfarrer Jann Weinrich.

Die Selbstständigkeit der Petruspfarrei dauerte rund drei Jahrzehnte. Im Jahr 2006 wurde sie mit der Pauluspfarrei zur Petrus- und Paulusgemeinde zwangsvereinigt. In den 1960er Jahren zählte die Gemeinde über 7000 Mitglieder, 2014 waren es rund 6300, heute sind es noch 5200.

Festprogramm

Das 50. Jubiläum der Petruskirche wird am Sonntag, 29. September, gefeiert. Los geht es um 11 Uhr mit einem Familiengottesdienst unter musikalischer Begleitung des Kirchenchors. Anschließend beginnt das Unterhaltungsprogramm. Für die Kinder gibt es unter anderem eine Rollenrutsche, Schminken und Bastelmöglichkeiten. Das Kinderhaus veranstaltet in der Turnhalle einen Flohmarkt. Der Chor Gospelbridge tritt um 14 Uhr auf. Anschließend gibt es einen Rückblick auf die Geschichte der Petruspfarrei und Grußworte. Das Festende ist gegen 16.30 Uhr angedacht. Für das leibliche Wohl der Feiernden ist gesorgt durch ein Grillangebot sowie Salat- und Kuchenspenden.