BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN Ettlingen, 28.12.2024

 

Suchtberatungsstellen schlagen Alarm

Jürgen Hotz

Die drei Suchtberatungsstellen im Landkreis Karlsruhe schlagen Alarm. Sie könnten demnächst aus ihrer Sicht in eine prekäre finanzielle Lage kommen – zum Nachteil der von problematischem Konsum und Sucht Betroffenen. Aufgrund der Haushaltssperre seien die Verhandlungen vom Landratsamt mit allen Suchthilfeträgern für die kommunale Förderung abgebrochen worden. Bleibe es bei der „geringen Summe des Zuschusses des Landkreises“, drohe Stellenbau oder gar eine Schließung der Beratungsstellen.

Die defizitäre Finanzierung hänge wie ein Damoklesschwert über sie, sagen Nina Gerich, Sozialtherapeutin Sucht, Leiterin der Ettlinger Suchtberatungsstelle, vom AGJ-Fachverband, der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe in der Erzdiözese Freiburg für den Süden des Landkreises zuständig, und ihre Kolleginnen Kirsten Lechner vom Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv) in Bruchsal, die den Norden abdeckt sowie für den Osten in Sinsheim Martina Kirsch von der Heidelberger Suchtberatung der Evangelischen Stadtmission.

Zu den Süchten der gesellschaftlich anerkannten Nervengifte Alkohol und Nikotin, kämen weitere Drogen, Medikamente, Glücksspiel und exzessive Internetnutzung hinzu. Die Freigabe von Cannabis habe ein weiteres Feld eröffnet. Eine Kindergruppe in ihrem Beratungsspektrum wende sich an Kinder aus suchtbelasteten Elternhäusern, so Gerich.

Der Haushalt soll Ende Januar 2025 verabschiedet werden. Deshalb suchen die drei Leiterinnen die Öffentlichkeit und haben Brandbriefe an Kommunalpolitiker versandt. Die Finanzierung stehe mit der kommunalen Förderung, der Zuwendung vom Land Baden-Württemberg und der Eigenerwirtschaftung auf drei Säulen, so Gerich. Die Beratung für die Klienten ist gratis.

„Abgebrochen haben wir diese Gespräche nicht“, sagt Martin Zawichowski, der Sprecher des Landratsamtes. Zur Vorbereitung der Haushaltsberatungen seien von der Landkreisverwaltung Gespräche über bestehende Leistungsvereinbarungen und sich daraus ergebende Förderstrukturen geführt worden. Die Träger der Suchtberatungsstellen hätten zusätzlichen Finanzierungsbedarf geltend gemacht. Jedoch habe die Verwaltung klar kommuniziert, über die bestehenden Förderungen hinaus „momentan keinen weiteren Spielraum“ zu sehen und dass der Kreistag über diese Anträge entscheide, so Zawichowski.

„Acht Berater sind in Ettlingen auf 4,5 Vollkraftstellen verteilt. Im Jahr beraten wir zwischen 550 und 600 Klienten. Durch die finanzielle Kürzung und drohendem Stellenabbau würden die Wartezeiten länger, um einen Termin zu bekommen“, sagt Gerich. 2023 wurden rund 170 Veranstaltungen für Suchtbetroffene abgehalten.

Gerade Präventionsveranstaltungen seien wichtig, denn die Schwellenangst, in die Beratungsstelle zu kommen, werde dadurch genommen. Auch sei in Baden-Württemberg die Zahl von Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen zurückgegangen. „Der Landkreis schmückt sich mit uns, wir sind ein Vorzeigeprojekt“, so Gerich.

Zawichowski bestätigt „den hohen Stellenwert, den die Suchtberatung genießt“, wofür allein die Höhe der Fördersumme der kontinuierlich angepassten Freiwilligkeitsleistung spräche, räumt aber die schwierige Lage der Suchtberatungsstellen ein. Im Haushaltsentwurf 2025 sollen keine Einschnitte bei der Förderung von Beratungs- und Betreuungsangeboten erfolgen. Aber so wie der Landkreis seine Strukturen prüfe, werde das umgekehrt auch von den Trägern erwartet. Allerdings sähe er „keinen Automatismus, wonach Kostensteigerungen ausnahmslos vom Landkreis zu tragen“ seien.

Die Verwaltung schlage vor, die bisherige Förderung, die 2024 knapp 1,2 Millionen Euro betrug, beizubehalten und zusätzlich noch einmal mit einer Dynamisierung um drei Prozent zu erhöhen. „Wenn der Kreistag diesem Vorschlag folgt, wird die Förderung 1.544.787 Euro im Jahr 2025 betragen“, so der Pressesprecher. Darin enthalten sei die vom Land Baden-Württemberg erhöhte Förderung um 7.000 Euro pro Fachstelle, was erstmalig seit 1998 erfolge. Diese Förderung werde an die Suchtberatungsstelle im vollen Umfang weitergegeben.

Nina Gerich versieht die Höhe der Fördersumme mit einem Fragezeichen, und weiter: „Allein in Ettlingen haben wir 2024 ein Defizit von 150.000 Euro, die unser Fachverband drauflegen muss.“