Weihnachten als Ermutigung verstehen
Für viele Gläubige gehört der Gottesdienst dazu Feiern in Kirchen und unter freiem Himmel Geistliche blicken auch auf das WeltgeschehenÜberlingen – Zahlreiche Besucher strömten an den Feiertagen in die Kirchen der Stadt, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Ob beim Stationengottesdienst für Familien, unter freiem Himmel oder in der traditionellen Christmette: Überall kamen sie zusammen, um sich auf das Fest einzustimmen. Zudem entstand Raum für Besinnung in einer von Unsicherheiten geprägten Welt.
Von der Auferstehungskirche auf den Weg zum Bethlehem im Gallergraben machte sich eine große Schar von Familien mit Kindern schon am Nachmittag des Heiligabends beim Stationengottesdienst der Evangelischen Gemeinde. Hier wurden Szenen der Weihnachtsnacht nachgespielt. Bei einsetzender Dämmerung machten sich die Besucher mit brennenden Kerzen wieder auf den Heimweg.
Begleitet vom Musikverein Nußdorf
„Viel Dunkles gibt es in der Welt, viel Angst und Einsamkeit, doch sanft ein Licht die Welt erhellt, es schenkt Geborgenheit“, begrüßte Pfarrer Kai Tilgner die Besucher beim Open-Air-Gottesdienst in Nußdorf. Dieses Format hat sich während der Pandemie unter Begleitung durch den Musikverein zu einer Tradition entwickelt. In seiner Predigt warf Tilgner einen Blick auf die Rolle der Hirten in der Weihnachtsgeschichte.
„Ohne die Hirten gäbe es das alles nicht“, sagte Tilgner. Ohne die Hirten wäre Weihnachten nicht Weihnachten“, war er sich sicher. Jesus würde zwar auch ohne sie geboren werden und später von Gott erzählen. „Aber die Hoffnung würde fehlen“, so Tilgner. „Die Hoffnung, die Weihnachten für sie und uns heutige bedeutet. Lassen wir uns heute auf die Spur der Hirten setzen. Suchen wir uns unseren Platz an der Krippe, feiern das Fest und kehren dann zurück in unseren Alltag, hoffnungsvoller, ermutigt, gestärkt und mit offenem Ohr für die weitere Geschichte dieses Kindes.“
Als Ermutigung wollte auch Dekanin Regine Klusmann die Predigt bei der Christvesper in der Franziskanerkirche verstanden wissen. „Das Volk, das noch im Finstern wandelt – bald sieht es Licht, ein großes Licht“, begann sie und malte die Vorstellung konkret aus: „Der Bundeskanzler unterbricht seine Rede und geht zusammen mit dem Oppositionsführer und allen Abgeordneten auf die Kuppel des Reichstagsgebäudes. In der Ukraine kommen russische und ukrainische Soldaten aus den Schützengräben, stehen zusammen und können es nicht fassen, was da geschieht. In Syrien, dem Libanon, Israel und Palästina lassen die Kämpfer die Maschinengewehre liegen, gehen raus vor die Mauern der Stadt, schweigen und staunen. In Peking verlässt Xi Jinping seinen Schreibtisch, um erstaunt zu sehen, was vor sich geht.“ Nicht nur an Weihnachten komme es darauf an, ein solches Bild im Herzen zu behalten, sondern jeden Tag. Klusmann: „Und nein, allein werden wir es nicht schaffen gegen all die Dunkelheiten, gegen die Krisenzeiten, gegen die machtlüsternen Narzissten, gegen den zusehends verloren gehenden Respekt, gegen die Demokratieumstürzler und all die anderen Finsternisse anzugehen.“ Aber mit dieser Hoffnung im Herzen könne man weiter den Frieden suchen, die Mitmenschlichkeit und die Liebe.
Beim Festgottesdienst am Weihnachtstag warf Stadtpfarrer Kai Tilgner im Paul-Gerhardt-Haus unter anderem einen Blick auf die Ungewissheit, in der die Christen seit einigen Wochen in Syrien leben. Aus Sorge hätten sie dort auf große Weihnachtsfeiern ganz verzichtet. Am zweiten Weihnachtstag gingen die Veranstaltungen mit zwei Aufführungen der Weihnachtsmusik unter Leitung von Kantor Thomas Rink in der Auferstehungskirche zu Ende.
Weihnachtsliturgie im Münster
Auf traditionelle Weise feierten die Katholiken im Münster mit Stadtpfarrer Bernd Walter die Weihnachtsgottesdienste. Zur Christmette an Heiligabend versammelte sich die Gemeinde schon vor Beginn um 22 Uhr im Kirchenschiff. Zur Einstimmung ließ das Frauenensemble des Münsterchors unter der Leitung von Kirchenmusikdirektorin Melanie Jäger-Waldau dreistimmige Weihnachtlieder erklingen. Die von der Orgelempore herab a cappella gesungenen Lieder setzten anrührende musikalische Lichtpunkte im Dunkel der heiligen Nacht. Wolfram Asshoff gestaltete auf der Querflöte die Zwischenspiele mit pastoralen Weisen der Barockzeit. Mit Beginn der Christmette wurde der Kirchenraum erhellt.
In seiner Predigt stellte Bernd Walter die Frage: „Was bringt Weihnachten? Lego Technik, Baby Born, Schmuck, Krawatten oder Schlafanzüge?“ Ob die Weihnachtsgeschichte denn nur eine schöne Geschichte sei, ein Märchen, das mit der Realität nicht viel zu tun habe, fragte Walter weiter und stellte fest, die Deutschen hätten aus dem Weihnachtsfest eine Insel gemacht, auf die sie sich alljährlich für nur ein paar Tage zurückziehen würden. Doch hätte die Weihnachtserzählung das Zeug, das ganze Leben zu verändern. In dem Kind im Stall von Bethlehem sei Gott den Menschen nahegekommen. „Jesus ist Gottes Nähe in Person“, sagte Walter. Weihnachten bringe die Nähe, nach der alle Menschen sich sehnten.
Daran knüpfte Walter auch in seiner Ansprache im Festgottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag an, der von Münsterchor und -orchester sowie von Jugend- und Münsterkantorei musikalisch umrahmt wurde. „Fürchtet euch nicht“, hätten die Engel zu den Hirten gesagt. Walter sprach die weltweiten Krisen und den Strukturwandel in der Erzdiözese Freiburg an. In all diesen Unsicherheiten sei die Heilige Familie Sinnbild für Nähe und Geborgenheit. „Gott schenkt zu Weihnachten eine große Portion Entängstigung“, formulierte Walter wortschöpferisch.
Christmette
Die Christmette ist ein Gottesdienst, der traditionell am 24. Dezember, Heiligabend, gefeiert wird. Der Begriff „Mette“ stammt aus dem Lateinischen („matutinus“) und bedeutet „zum Morgen gehörig“. Sie erinnert an die Geburt Jesu und wird in katholischen und evangelischen Gemeinden mit Musik, Kerzenschein und der Weihnachtsgeschichte gefeiert.
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