rnz.de (Rhein-Neckar-Zeitung), 23.12.2024

 

Der Geistliche mit dem grünen Daumen – Ex-Dekan Reinhard Ehmann ist tot

Sinsheim.

Ehmann starb einen Tag nach seinem Geburtstag mit 97 Jahren. Seine Predigten entstanden im Garten.

(cba) Dekan Reinhard Ehmann ist am Abend des 19. Dezember, nur einen Tag nach seinem 97. Geburtstag und im Jahr seines 70. Ordinationsjubiläums gestorben. Mit seinem Tod endet ein außergewöhnliches Leben, das durch tiefen Glauben, Hingabe und große Schaffenskraft geprägt war. An seinem Geburtstag gaben sich die Gäste in seinem Haus in Waldangelloch die Klinke in die Hand. Einen Tag später ist er friedlich eingeschlafen.

Reinhard Ehmann wurde am 18. Dezember 1927 in Pforzheim geboren. Als junger Mann wurde er mit 17 Jahren in den Krieg eingezogen, eine Erfahrung, die ihn als "Kind seiner Zeit" prägte und zu einem Leben in Verantwortung und Nächstenliebe anspornte. Nach dem Krieg studierte er Theologie in Heidelberg. Dass er Pfarrer werden wollte, lag nicht zuletzt an seiner frommen Großmutter. Aufgewachsen ist er in Pforzheim-Eutingen, dort wurde er auch konfirmiert, dort holte er nach seiner Kriegsgefangenschaft das Abitur nach und später, am 11. Mai 1954, wurde er dort ordiniert.

Von 1955 bis 1976 wirkte er als Pfarrer der Paul Gerhardt-Gemeinde in Bruchsal, wo er nicht nur die Gemeindearbeit prägte, sondern auch in der Integrationsarbeit aktiv war. Die Herausforderungen der Zeit – insbesondere die Betreuung zahlreicher Flüchtlinge – nahm er mit Mitgefühl und Tatkraft an. Seine große Liebe zur Natur zeigte sich in Bruchsal: Dort pflanzte er in seiner Freizeit gerne Obstbäume.

1976 trat er seine Stelle als Dekan in Sinsheim an. Der damalige Bischof hatte ihn in die Große Kreisstadt berufen. Eingeführt in die Gemeinde wurde er am ersten Advent. Da war er 49 Jahre alt. Bis 1990 war er Dekan. Sein Dienst war geprägt von der Einsicht, dass seine Aufgaben nicht nur administrative, sondern vor allem pastorale Verantwortung beinhalteten: "Zu einem Drittel bin ich Dekan, zu zwei Drittel Pfarrer", sagte er einmal. Vor seinem Ruhestand erfüllte er sich einen Herzenswunsch und baute ein Haus in Waldangelloch, "um die vorhandenen Möbel herum", wie sein Sohn berichtet. Schon ein Jahr vor seiner Pensionierung zog er dort ein, um seinem Nachfolger im Dekanat rechtzeitig Platz zu machen.

Reinhard Ehmann war ein Mann des Glaubens und der Tat. Konfirmanden und Konfirmandinnen kannten ihn als strengen Religionslehrer. Doch als junger Pfarrer galt er in der Adenauer-Ära als "konservativer Wilder", der immer offen für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen war. Mit seiner Frau Gisela, die ebenfalls stark in der Gemeindearbeit engagiert war, unternahm er zahlreiche Reisen, unter anderem nach Mexiko und China. Nach ihrem Tod am 26. Mai 2014 blieb Reinhard Ehmann ein Vorbild in Stärke und Bescheidenheit.

Seine Familie war für ihn immer von großer Bedeutung. Er hinterlässt seinen Sohn Johannes, geboren 1958, der als Professor für Kirchengeschichte an der Universität Heidelberg lehrt, sowie zwei Enkel, Lukas (geboren 1990) und Thore (geboren 2004). Sein Sohn Reinhard, ebenfalls Pfarrer (in Neulingen-Nußbaum), verstarb plötzlich und unerwartet am 12. Juli 2021.

Als Gärtnermeister-Sohn lebte Reinhard Ehmann auch seine Liebe zur Natur aus. Seiner Ansicht nach musste man das "Gedeihen" der Menschen ebenfalls hegen und pflegen. Den damals noch doppelstöckigen Garten des Dekanatsgebäudes in Sinsheim pflegte er liebevoll, stets beobachtet von Katzen und von den Sinsheimern, die sich Pflanzfolge und Garten-Architektur von dem Geistlichen mit dem grünen Daumen gerne abguckten. Die Grünanlage musste später jedoch einem Parkdeck weichen. Die Predigten des Dekans entstanden zum Großteil im Garten, wie sein Sohn berichtet. Der jetzt Verstorbene sagte noch im Juli dieses Jahres mit seinem so typischen Blick über den Rand seiner Brille hinweg: "Ich bin Gärtner-Sohn, ich habe das Arbeiten als Säugling gelernt."

Erst seit einem Schlaganfall im September 2024 war Reinhard Ehmann pflegebedürftig. Bis dahin erfreute er sich guter Gesundheit und eines aktiven Lebens. Er interessierte sich für Fußball, verfolgte – teils mit bedenklich hohem Puls, wie seine Betreuerin später berichtete – die Spiele der Europameisterschaft. Bis zu seinem Schlaganfall ging er noch aufrecht und ohne Gehhilfe in die Kirche – jeden Sonntag. Auch die Tageslosung vergegenwärtigte er sich mit großer Gewissenhaftigkeit. In der Tageslosung an seinem Todestag heißt es unter anderem: "Wir wollen uns umeinander kümmern und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen." (Hebräer 10,24)

Info: Die Beerdigung und Trauerfeier mit Dekanin Christiane Glöckner-Lang findet am Montag, 30. Dezember, ab 14 Uhr in der evangelischen Kirche in Waldangelloch statt.