Eine Kirche verliert ihren Besitzer
Das Würmer Gotteshaus hat in seiner Funktion ausgedient.
Dort ruhen die Ortsherren in einer Gruft. Wie geht es weiter?
Martina Schaefer Pforzheim-Würm
Die spätgotische Kirche im Herzen Würms ist bald kein Gotteshaus mehr in der Trägerschaft der Kirche: Bis wenigstens zum Sommer will Pfarrer Gregor Bergdolt noch evangelische Gottesdienste feiern. Zum September löst sich der Ältestenkreis auf. Die Ortsverwaltung und auch die Ortschaftsräte hätten die Nachricht mit Unverständnis entgegengenommen, sagt der Würmer Verwaltungschef Tino Schulze. „Dass die Kirche auf die Idee kommt, ihre historische Kirche aufzugeben“, müsse man erstmal verdauen. Bislang könne sich im Ort niemand vorstellen, wer eine solche Trägerschaft übernehmen wollte.
Die kleine Kirche stammt aus einer Zeit, in der die Reformation und der Dreißgjährige Krieg den Blick auf die Welt veränderten. Seit ihrem Bau um 1516 sind dort unzählige Gottesdienste und Taufen abgehalten worden. Die Ortsherren, Mitglieder der Familie Leutrum von Ertringen, sind dort in einer Gruft beigesetzt. Die Kirche hat Weltkriegen getrotzt und Umweltkatastrophen. Jetzt ist das historische Denkmal eines von 27 kirchlichen Gebäuden in Pforzheim, die die evangelische Landeskirche nicht weiter mit Steuergeldern unterstützen wird. Neun Gebäude wie die Altstadtkirche, die Heilig-Geist-Kirche oder auch das Haus der Kirche, haben hingegen eine Perspektive.
Andere Strukturen
Diese Entscheidung des Stadtkirchenrats vom Frühjahr ist Ergebnis eines äußerst komplexen Umstrukturierungsprozesses, der unter dem Namen ekiba 2032 dem massiven Verlust an Gemeindegliedern, aber auch fehlenden Einnahmen Rechnung trägt. An der immer kleiner werdenden Hoffnungsgemeinde, zu der Würm, Hohenwart, Huchenfeld und Schellbronn mit insgesamt 3341 Mitgliedern gehören, ist ablesbar, was Dekanin Christiane Quincke als „dramatische Entwicklung“ bezeichnet. Allein Würm (2800 Einwohner) habe in den vergangenen drei Jahren 100 Kirchenglieder verloren (Stand 2023: 877). Im südlichen Teil des Kirchenbezirks markieren die Kreuzkirche in Mühlhausen und das Wasserschloss einen dritten verbleibenden strategischen Standort. Personell verliert die Kirche bis zum Jahr 2032 fast ein Drittel aller Stellen. Quincke ist es aber wichtig, dass eine zusätzliche Pfarrstelle in eine Kirchenmusikstelle umgewandelt wird.
Es ist eine Kirche, die immer stärker zur Minderheit werde und sich auch strategisch neu ausrichten muss. Durch das völlige Umdenken entsteht laut Quincke aber auch eine Chance, mit Angeboten inhaltlich näher an die Menschen zu rücken, unabhängig von Gebäuden in Orts- oder Stadtteilen. Das „Café Himmelreich“ an der Altstadtkirche sei ein gutes Beispiel. Es spreche Besucher aus dem ganzen Stadtgebiet an.
Ab September 2025 soll der gesamte Kirchenbezirk nach fünf Themen wie „Leben gestalten“ oder auch „Ins Leben wachsen“ aufgeteilt werden (die PZ berichtete). Lediglich die Kirche und das Gemeindehaus in Huchenfeld bleiben erhalten. Von anderen Gebäuden der Hoffnungsgemeinde, wie das Würmer Gemeindehaus, die Kirchen in Schellbronn und Hohenwart, in denen bereits keine Gottesdienste mehr gefeiert werden, werde man sich trennen, ergänzt Pressereferentin Claudia Becker. Wie das im Einzelfall aussieht, sei ein individueller Prozess, ergänzt Quincke. „Ein Gebäude, an dem Heimat hängt, zu verlieren, ist schmerzhaft.“
Initiative gesucht
Für die Kirche in Würm hoffen die Verantwortlichen auf eine Initiative aus dem Ortsteil heraus, die sie vielleicht als Gemeindetreffpunkt, für kulturelle Veranstaltungen oder auch für ehrenamtlich gestaltete Gottesdienste übernehmen will. So suche etwa die Katholische Kirche Räume für ihre Kita. Bislang sei aber unklar, ob ein Trägerverein die noch nicht bezifferten Kosten des Betriebs und der Verkehrssicherheit tragen könnte. Denn der Vorstand haftet persönlich. Dazu soll es Treffen mit interessierten Bürgern geben, bei dem auch Zahlen auf den Tisch kommen. Je nach Nutzungsidee müsse über den Verkaufspreis und weitere Kosten für Umbauten und Beheizbarkeit nachgedacht werden. Die Kommune soll laut Quincke finanziell mit ins Boot, denn es handelte sich um ein wichtiges Denkmal. Ein Verkauf an eine Privatperson halten die Verantwortlichen schon wegen der historischen Bedeutung für unrealistisch.
„Das muss man erst einmal verdauen,
dass die historische Kirche aufgegeben wird.“
Tino Schulze, Verwaltungschef
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