Kirchenstreit geht in die nächste Runde
Evangelische Kirche: Wolfgang Stein widerspricht Dekanin Wibke Klomp im Konflikt um Dertinger Pfarrstelle
Von unserem Mitarbeiter MICHAEL GERINGHOFFWERTHEIM-DERTINGEN. Eine Lösung im Dertinger Kirchenstreit scheint im Moment unerreichbar, ganz im Gegenteil geht der Konflikt offenbar gerade in die nächste Runde. Die beiden Darstellenden - Wolfgang Stein für die Dertinger Kirchengemeinde und die Dekanin Wibke Klomp - sind so weit auseinander wie nie. Und dennoch sind sie in einem Punkt ganz nah beieinander: Wolfgang Stein geht auf Nachfrage davon aus, »dass es im Moment keine weiteren Fragen zu beantworten gibt«, und Dekanin Klomp teilt mit, dass aus ihrer Sicht zum Thema alles gesagt sei.
Bei der Frage danach, was eigentlich das Thema ist, geht zumindest vielen Beobachtern mittlerweile der Fokus etwas verloren. Der Konflikt hatte sich initial an der jüngsten Strukturreform der evangelischen Landeskirche entzündet, die sich meist mit Gebäudefragen beschäftigt: Welche Gebäude braucht das schwindende Kirchenvolk noch, und wer zahlt was? Hier hatten die Dertinger zuletzt einen recht guten Schnitt gemacht: ihre Wehrkirche ist mit dem grünen Punkt für größten Erhaltungseinsatz seitens der Landeskirche gekennzeichnet. Gerade neulich erst war auch eine neue Kirchenorgel eingeweiht worden.
Schwierige Nachbesetzung
Den Dertingern fehlt allerdings ab Januar der Pfarrer. Die Nachbesetzung der Stelle gestaltet sich schwierig, aus Sicht Dertingens könnte es sogar aussichtslos sein. Ganz generell verfolgen Dertingen und die Landeskirche - in Wertheim vertreten durch die Dekanin - sehr unterschiedliche Ansätze. Dertingen hat den bewahrenden Ansatz, der eine Pfarrerin oder einen Pfarrer in der Gemeinde als unverzichtbar für spirituelles Leben sieht. Die Landeskirche versucht vereinfacht dargestellt, das, was an Personal und Substanz da ist, so gut wie möglich zu verteilen, damit jeder Gläubige sein Stückchen Kirche abbekommt.
Aus Sicht der Dertinger repräsentiert das den Anfang des Ausstieges der evangelischen Landeskirche und das Ende alltagsbegleitender Religion - zumindest auf dem Land, wo die Gläubigen verstreut und die Wege weit sind. Während die anderen lokalen Kirchengemeinden den Kurs der Landeskirche weitestgehend unauffällig mitgehen, bleibt Dertingen laut. Redeführer Stein hat dabei den Rückhalt vieler Dertinger Protestanten, so zeigen es unsere Nachfragen.
Im ohnehin höchst angespannten Verhältnis hatten die Dertinger jüngst in einer viel beachteten Gemeindeversammlung neuerlich massive Vorwürfe erhoben, die Dekanin vergraule Kirchenpersonal und verwässere den Glauben. Angeführt wurden Formate wie die Lange Nacht der Stiftskirche mit buntem Licht und Cocktails, auch politisches Engagement bei Veranstaltungen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus. Die Dekanin hatte gegengehalten. Dabei war der Eindruck entstanden, dass die Dertinger in ihrer Kritik fast alles falsch darstellten. Letzteres sogar »wider besseres Wissen«, hatte Klomp gesagt.
Elf Seiten Gegenrede
An diesem Punkt setzt nun Wolfgang Stein neuerlich an. Am Mittwochabend ließ er der Redaktion ein elfseitiges Schreiben übermitteln, das Punkt für Punkt neuerliche Gegenrede leistet. Im Zentrum steht dabei die für Dertingen drängende Nachbesetzung der demnächst vakanten Pfarrstelle. Entgegen der Darstellung Wibke Klomps sei die nicht schnellstmöglich eingeleitet worden. Das Dekanat habe sie um einen Monat verzögert. Dass die Stelle auch für Pfarrvikare angeboten werde, sei kein besonderes Entgegenkommen, sondern lediglich eine automatische Folge dramatischen Mangels.
Auf die Ausschreibung hin habe es »nicht einmal eine Interessensbekundung« gegeben, betont Stein. Im Bereich der Landeskirche gebe es derzeit 47 offene Stellen, die mit Blick auf die Örtlichkeiten im Rheintal, aber auch bei den geforderten Arbeitsleistungen der Stelleninhaber attraktiver seien. Die nun ausgeschriebenen Anforderungen seien gegenüber denen des noch amtierenden Pfarrers gewachsen. Es werde die Ableistung zusätzlicher Schulstunden gefordert und das Leistungsverzeichnis um »25 Prozent Arbeitszeit für den Kooperationsraum erweitert«, heißt es.
Bedenken nicht angehört
So bringe man keinen neuen Pfarrer her, Bedenken seien nicht angehört worden, sagt Stein. Sinngemäß fragt er auch, ob das überhaupt rechtens sei. Ein angeforderter Beschluss zur kritisierten Stellenerweiterung stehe bis heute aus. Kritisiert wird zudem auch, dass Dekanat und Bezirkskirchenrat massiv in das Gemeindeleben vor Ort eingriffen. So sei der Konfirmandenunterricht ohne Not zentralisiert worden. Und: »Taufen sollen zentral an mystischen Orten wie einem See stattfinden und nicht mehr am jahrhundertealten Taufstein der Heimatkirche.«