„Assad hat mir mein Leben geklaut“
Das bedeutet der Machtwechsel für Syrer in der Region Sabbagh Obada und Ahmed Al Hamidi beziehen Stellung In ihre Freude mischt sich aber Sorge um die Zukunft VON KATY CUKOFriedrichshafen – „Endlich!“ Für Sabbagh Obada ist der Sturz des Assad-Regimes in Syrien mehr als eine befreiende Nachricht. Nach zehn Jahren könne er endlich wieder in sein Heimatland reisen und seine Familie besuchen, was ihm bisher verwehrt war. Der Anruf seiner Mutter am Sonntag geht ihm immer noch nahe. Endlich könne sie ihren Sohn wiedersehen. „Das ist für mich das Wichtigste“, sagt der 34-Jährige, der am Bodensee seine zweite Heimat gefunden hat.
Als er vor zehn Jahren aus Syrien floh, stand er kurz davor, seine Ausbildung als Rechtsanwalt abzuschließen. Daraus wurde nichts. Der am Sonntag gestürzte Staatschef Assad habe nicht nur ihr Land kaputtgemacht, ausgebeutet und verkauft, sondern sein eigenes Volk. „Ich bin immer noch so verletzt. Assad hat mir mein Leben geklaut“, sagt Sabbagh Obada, der wie Millionen seiner Landsleute der Heimat den Rücken kehren musste, um zu überleben. Er hat es geschafft, sich am Bodensee eine Existenz aufzubauen. Auch wenn es für Menschen seiner Herkunft Kraft brauche, hier klarzukommen. „Das Leben, die Kultur, die Mentalität der Leute, das ist alles komplett anders.“
Sabbagh Obada ist dankbar dafür, dass Deutschland ihn aufgenommen hat. Deshalb steht er jede Woche drei Stunden ehrenamtlich im DRK-Kleiderladen in Friedrichshafen und versorgt Hilfsbedürftige. Der 34-Jährige hat eine Familie gegründet und seinen eigenen Betrieb für Gebäude- und Hausmeisterservice aufgebaut. „Ich kann nicht warten, bis man in Syrien wieder leben kann. Ich muss arbeiten“, erklärt er.
Inzwischen ist er deutscher Staatsbürger, eine Rückkehr nach Syrien ist für ihn kein Thema. Auch wenn die Freude groß sei, dass der Machthaber nun selbst fliehen musste: „Das braucht richtig Zeit, um das Land wieder aufzubauen. Das geht nicht von heute auf morgen. Egal, wer jetzt kommt“, erklärt er im Gespräch. Er könne nur hoffen, dass die Weltgemeinschaft die Syrer nicht wieder allein lasse wie in den vielen Jahren des Bürgerkriegs, wo die meisten Länder weggeschaut hätten, was da passiere, sagt er.
Ähnlich sieht das Ahmad Al Hamidi. Er ist Jurist und arbeitet als Experte für Migration und Asylrecht im Landratsamt. Al Hamidi flüchtete 2015 mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern aus Aleppo und landete nach wochenlangen Strapazen in einer Notunterkunft in Friedrichshafen. Inzwischen ist er mit seiner Familie nicht nur integriert, sondern gesellschaftlich aktiv. „Der plötzliche Sturz des Regimes hat viele von uns überrascht und eine Vielzahl von Emotionen ausgelöst, von Freude über das Ende einer langen Diktatur bis hin zu Besorgnis über die Zukunft des Landes“, sagt der 42-Jährige.
Der Sturz des Regimes markiert für ihn das Ende einer Ära, die von Unterdrückung und Gewalt gegen das eigene Volk geprägt war. „Doch die Herausforderungen, die vor uns liegen, sind nicht zu unterschätzen“, warnt Al Hamidi, der inzwischen ebenfalls die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Mehr noch: Er kandidiert bei der Bundestagswahl im Februar für die Grünen im Wahlkreis Bodensee. Welche politische Ausrichtung in Syrien künftig den Ton angibt, sei längst noch nicht klar. Die internationale Gemeinschaft werde eine wichtige Rolle spielen, um sicherzustellen, dass der Übergang zu einer neuen Regierung friedlich verläuft.
Vor diesem Hintergrund hält Al Hamidi die Diskussion über die Rückkehr syrischer Asylbewerber für ein sensibles Thema. Er könne verstehen, dass viele Menschen in diesem Machtvakuum zögern, darüber nachzudenken. Die Lage sei von Unsicherheit und Instabilität geprägt. Es bleibe abzuwarten, ob es nicht zu weiterem Chaos, Interessenkonflikten oder gar gewalttätigen Auseinandersetzungen in Syrien kommt. „Die Forderung, in dieser Situation schutzsuchende Menschen zu zwingen, dorthin zurückzukehren, halte ich für ethisch und moralisch fragwürdig“, bezieht Ahmed Al Hamidi klar Position.
„Die Forderung, schutzsuchende Menschen zu zwingen, dorthin zurückzukehren, halte ich für ethisch und moralisch fragwürdig.“
Ahmad Al Hamidi, gebürtiger Syrer
Kritik einer Bischöfin
Die evangelische Bischöfin in Baden, Heike Springhart, hat die Migrationsdebatte und die Rufe nach einer schnellen Rückführung von Syrern aus Deutschland kritisiert. „Polemik und Zuspitzungen sind in der aktuellen Situation unangebracht. Es ist politisch höchst unklug, diese Fragen jetzt zum emotional aufgeheizten Wahlkampfthema zu machen“, sagte die Bischöfin am Dienstag in Karlsruhe. Dass die politischen Parteien in Deutschland nun nach dem Sturz von Machthaber Baschar al-Assad als erstes über Abschiebung, Rückführung oder 1000-Euro-Prämien für Rückkehrer sprächen, sei in der aktuellen Situation unangebracht, mahnte Springhart. (kna)