Mannheimer Morgen Stadtausgabe, 29.11.2024

 

Kirche startet Projekt mit digitaler Kollekte

Konfessionen: Ab dem ersten Advent steht in der Christuskirche ein Terminal für Kreditkartenzahlung

Mannheim. Es ist eine kleine, schmale, weiße Metallsäule mit leuchtendem Bildschirm, die eine große Bedeutung hat: Mit dem Terminal im Eingangsbereich der Christuskirche startet die Evangelische Landeskirche in Baden am Ersten Advent, Sonntag, 1. Dezember, das Pilotprojekt Digitale Kollekte. Mannheim ist damit Vorreiter nicht nur in Baden, sondern weit darüber hinaus.

„Es gab nur ein paar Versuche in touristischen Orten, aber zum Beispiel im Ulmer Münster war das Gerät meistens kaputt, wenn ich dort war“, sagt Pfarrer Sebastian Carp, Leiter der Stabs- und Servicestelle Spenden, Stiftungen, Sponsoring des Dekanats der Evangelischen Kirche in Mannheim. Er hat das Projekt vorangetrieben – mit Hilfe aus Großbritannien. Die dortige Church of England sei „da einfach wesentlich weiter“, weshalb er auf deren Erfahrung zurückgegriffen hat.

Zunächst hatte Carp für die Evangelische Kirche in Deutschland eine Studie verfasst, um die Möglichkeiten digitaler Spenden aufzuzeigen. Dabei bezog er die regelmäßigen Erhebungen der Bundesbank zum Zahlungsverhalten der Deutschen ein. Danach sind Münzen und Scheine zwar immer noch das meistgenutzte Zahlungsmittel, Karte und mobiles Bezahlen gewinnen aber Anteile hinzu. „Das gilt nicht unbedingt für unsere Kernzielgruppe“, meint Carp mit Blick auf ältere Menschen, die überdurchschnittlich oft Gottesdienste besuchen. „Aber wir kommen nicht umhin, auf Änderungen im Zahlungsverhalten zu reagieren“, meint er. Junge Leute hätten etwa „oft gar kein Geld mehr dabei“ und zahlten nur noch per Handy oder Karte. Daher wolle die Kirche einfach ein zusätzliches Angebot für die Kollekte machen.

Das passende Gerät aus Großbritannien importiert

Allerdings hat sich gezeigt, dass das gar nicht so einfach ist, wie anfangs gedacht. Lange musste sich Carp mit der angebotenen Technik und den Möglichkeiten von Dienstleistern im Bereich Zahlungsverkehr befassen. Viele seien darauf abgestellt gewesen, dass es an fast jedem Tag der Woche Umsätze gebe – aber das sei bei Kirchen mit meist einem Gottesdienst pro Woche ja nicht der Fall. „Man muss da bei uns anders rechnen“, so der Pfarrer, und daher seien viele Angebote „wirtschaftlich nicht abbildbar“ gewesen.

Fündig wurde Carp in Großbritannien. Hier hat er das Gerät für 900 Euro gekauft, zudem das entsprechende Programm für die Verbuchung. „Zum Glück sitzt die Firma in Nord-Irland, da fällt kein Zoll an“, erzählt er, und das Mannheimer Zollamt habe beim Import „total nett geholfen“. Dennoch haben die Vorbereitungen viel Zeit gekostet, denn die kirchliche Buchhaltung war zum Beispiel zunächst gar nicht darauf eingestellt, auf diesem neuen Weg Zahlungen zu erhalten.

Aber jetzt geht alles ganz einfach. Kirchenbesucher müssen nur eine Summe angeben und ihre Kreditkarte vor das Gerät halten, schon wird der Betrag abgebucht. Vorgegeben sind wahlweise 5, 10, 25 oder 50 Euro, aber mit nur einem Klick lässt sich auch jeder andere gewünschte Betrag eingeben und so spenden. Als Bearbeitungsgebühr verlangt der Dienstleister 1,69 Prozent pro Transaktion, es bleibe also genug bei der Kirche hängen, betont Carp.

„Für die Gabe mit der Karte“ lautet der Spruch auf der Metallsäule, und das Bild der goldenen Engelsstatue von der Spitze des Turms der Christuskirche soll zusätzlich signalisieren, dass diese Einnahmen ausschließlich für die ChristusFriedenGemeinde gedacht sind, nicht für andere Vorhaben, an die sonst manchmal Kollekten gehen – etwa „Brot für die Welt“ oder Projekte der Diakonie.

Ältestenkreis bleibt weiter mit Körbchen präsent

Der Vorteil der Spendensäule im Vergleich zu anderen Kollekten ist, dass man auf Wunsch eine Spendenquittung erhält – man muss dann aber zusätzlich Anschrift oder E-Mail-Adresse eingeben. Aber auch das gehe schnell, versichert Carp, so dass sich sicher keine Warteschlange bilden werde. Dabei sei ohnehin nicht daran gedacht, dass das Terminal das einzige Angebot für die Kollekte wird. „Die Mitglieder des Ältestenkreises werden weiter mit Körbchen am Ausgang stehen“, sagt Maibritt Gustrau, Pfarrerin der Christuskirche, und die historische, schmiedeeiserne Kollektensäule bleibe ebenso bestehen. Für Gustrau ist das Pilotprojekt „ein Signal, dass wir uns darum kümmern, auch neue Wege zu gehen“. Menschen, die inzwischen andere Zahlungsgewohnheiten hätten, „sollen sich auch gut bei uns aufgehoben fühlen“, so die Pfarrerin. Aber etwa an Heiligabend, wenn an mehreren Gottesdiensten zusammen 3000 bis 4000 Gläubige in die Christuskirche strömen, könne man so sicherlich mehr Menschen erreichen, etwas zu spenden.

Zunächst ist das Pilotprojekt auf ein Jahr angelegt. „Und wir werden noch eine Weile experimentieren, was und wie es am besten funktioniert“, sagt Sebastian Carp. So sei der genaue Standort des Terminals noch nicht klar und womöglich werde er je nach Erfahrung wechseln. Ihm ist ohnehin klar, dass es womöglich Diskussionen gibt: „Die Kollekte war immer schon ein Streitthema in der Kirche“, weiß er, denn manchmal werde während, manchmal nach dem Gottesdienst gesammelt, manchmal sowohl als auch. Das sei freilich jeder Gemeinde überlassen. Nun gebe es eben einen zusätzlichen Weg. „Es ist ein echtes Experiment“, so Carp. „Ich bin gespannt.“


Anmerkung der Pressespiegelredaktion: Über das Pilotprojekt digitale Kollekte berichtet auch der Südkurier vom 30.11. unter dem Titel: "Kirche testet Kartenzahlung bei Kollekte".