Fasziniert vom kritischen Geist Luthers
Er wuchs katholisch auf, wurde evangelischer Pfarrer – und für ihn stimmig wurde es, als Stefan Braatz (50) zur evangelisch-lutherischen Ausrichtung fand. Braatz ist der neue Pfarrer der Erlöserkirche.
Anja BochtlerFreiburg-Neuburg
Gehorsam sein, ohne zu hinterfragen: Das ist nichts für Stefan Braatz. Deshalb ist er fasziniert von Martin Luther. Das begann, als er im Internat lebte, im Studienheim des katholischen Nikolausklosters in Nordrhein-Westfalen. Damals wollte er katholischer Pfarrer werden. Zu seinem Glauben hatte er, 1974 in Bayreuth geboren, nicht durch seine Familie gefunden – doch es hat ihn geprägt, dass sein Umfeld ökumenisch war: Seine Mutter und sein Stiefvater, der als Spediteur arbeitete, waren evangelisch, sein Vater und seine Oma katholisch. Alle in seiner Familie gingen nur selten in Gottesdienste. Dass Stefan Braatz früh bei der katholischen Kirche einstieg, lag an seinen Freunden. Von Anfang an gefielen ihm die Gottesdienste, die Liturgie, die feierliche Atmosphäre. Er wurde Messdiener und war in einer katholischen Kinder- und Jugendgruppe. In seiner Realschulzeit beschloss er, Priester zu werden, mit 15 Jahren zog er von daheim aus und ins Internat. Dort mussten alle mitanpacken: im Garten, in der Küche, beim Putzen und bei der Blasmusik, denn die Musikauftritte brachten dem Kloster Einnahmen.
Umso älter Stefan Braatz wurde, umso kritischer wurde er. Er spürte zwar, dass er im kirchlichen Umfeld richtig war. Doch war auch das katholische System richtig? Ihn störten die strengen Regeln und die Erwartung, dass alles einfach hinzunehmen sei. In dieser Zeit entdeckte er Martin Luther: „Es war für mich ungeheuer befreiend, dass er alles hinterfragte und auf sein Gewissen hörte“, sagt Stefan Braatz. Trotzdem blieb er erstmal katholisch. Es zog ihn vor allem zum Kontemplativen hin, zu einem Leben fürs Gebet.
Nach dem Abi ging er zu den Franziskanern. Zweieinhalb Jahre lang lebte er an drei verschiedenen Ordensorten, diskutierte kritisch mit den Ordensbrüdern und parallel mit evangelischen Pfarrern. Irgendwann war klar: Das Katholische passte nicht mehr. Er studierte evangelische Theologie in Wuppertal und Bochum und wollte Pfarrer werden. Aber wieder war vieles ernüchternd: Bei den Protestanten fehlte Stefan Braatz „die spirituelle Anbindung“. Er vermisste die Formen der Katholiken, in denen er die Verbindung zu Gott fand, er fühlte sich „wie im luftleeren Raum“. Eine Zwischenlösung fand er in Wuppertal – wo die evangelische Landeskirche genau wie in Baden-Württemberg und in den meisten anderen Bundesländern uniert ausgerichtet ist – in einer eigenständigen lutherischen Gemeinde: „Dort sind die Formen sehr ähnlich wie bei den Katholiken.“
Weil die lutherische Kirche damals aber keine Pfarrer brauchte, blieb er dennoch in der Landeskirche. Nach dem Studium folgte das Vikariat in Wetzlar und Pennsylvania, danach zog er 2009 ins Umland von Zürich in eine reformierte Gemeinde. Er blieb, bis 2018 klar war, dass durch eine Fusion die Vielfalt der Arbeit, die er schätzte, verlorengehen würde. Danach hat er bis vor kurzem in Thüringen, wo die Landeskirche evangelisch-lutherisch ist, im Kreis Sonneberg in einer kleinen Gemeinde gearbeitet. Auch hier wuchs der Druck zur Fusion – und als er erfuhr, dass in der einzigen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Freiburg die Pfarrerin aufhörte, hat er sich beworben.
Jetzt ist Stefan Braatz für rund 500 Mitglieder zuständig, die sehr verstreut in der ganzen Umgebung leben. An zwei Samstagen im Monat predigt er in Müllheim, ansonsten sind das Gemeindebüro und die Erlöserkirche in Herden sein Zentrum. Die Kirche sei „heimelig“, die Atmosphäre „sehr herzlich und familiär“. Anders als bei den Gemeinden der Landeskirche läuft die Finanzierung nicht über die Kirchensteuer, sondern über Gemeindebeiträge. Neben Freiburg gibt es in Baden noch sechs andere evangelisch-lutherische Gemeinden, die nächsten in Lörrach und Baden-Baden. Stefan Braatz aber legt sehr viel Wert auf die Ökumene – deshalb arbeitet er eng mit den katholischen und evangelischen Kolleginnen und Kollegen in Freiburg zusammen.
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