Frauen sollen keine Gewalt ertragen
Problem wird am Aktionstag sichtbar gemacht Das Rathaus leuchtet am 25. November orangeVON LAURA MARINOVIC LAURA.MARINOVIC@SUEDKURIER.DE
Radolfzell – Dass das Thema Gewalt gegen Frauen auch hierzulande aktuell ist, zeigen die Zahlen deutlich: Laut dem Bundesministerium des Innern und für Heimat wurden im vergangenen Jahr 938 Mädchen und Frauen in Deutschland Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten. Die meisten davon wurden im Zusammenhang mit partnerschaftlichen Beziehungen zu Opfern, nämlich 80,6 Prozent. Zudem sind 70,5 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt weiblich.
Zuletzt erschütterten auch immer wieder Femizide die Bodenseeregion: Im Oktober wurde zum Beispiel Marcel K. für den Mord an seiner Freundin Sabrina P. in Stockach verurteilt, Anfang des Jahres stand Robert S., der seine frühere Partnerin Jasmin M. getötet haben soll, vor Gericht. Und im März wurde das Urteil gegen einen Mann gesprochen, der seine Ehefrau erschoss, die zuvor zeitweise Schutz im Singener Frauenhaus suchte.
Zeichen erkennen und Hilfe erhalten
Es sind Fälle wie diese und die generelle Gewalt gegen Frauen, auf die jährlich der Aktionstag „Nein zu Gewalt an Frauen“ am Montag, 25. November, aufmerksam machen will. Gleichzeitig sollen Betroffene die Gefahren im eigenen Umfeld bemerken und Hilfsmöglichkeiten aufgezeigt bekommen. Außerdem sollen Außenstehende mögliche Warnhinweise erkennen.
Eva Wernert von der Frauenrechte-Organisation Terre des Femmes weist zudem auf Probleme in der Unterbringung von Frauen, die aus gewalttätigen Beziehungen geflüchtet sind, hin. So sei es dringend nötig, die Finanzierung von Frauenhäusern zu sichern – und damit auch hilfsbedürftige Frauen zu unterstützen. „Frauen, die auf eigenen Beinen stehen, müssen im Frauenhaus einen eigenen Beitrag zahlen“, beklagt Annette Oepen von der Diakonie. Das könne die Betroffenen unter Umständen in Schulden führen. Auch gebe es generell zu wenig Plätze in Frauenhäusern. In Radolfzell seien im Frauenhaus aktuell 14 Personen – also Frauen und deren Kinder – untergebracht. „Und eigentlich gibt es zehn Plätze“, so Oepen.
Hinzu komme, dass es für Frauen nach der Zeit im Frauenhaus oft schwer sei, eine Wohnung zu finden, gerade wenn sie Kinder haben. Auch hier müsse geholfen werden – denn im schlimmsten Fall bestehe die Gefahr, dass die Frauen aus Mangel an Alternativen wieder zum gewalttätigen Partner zurückkehren.
Das Augenmerk der Öffentlichkeit auf all diese Probleme lenken, das sollen nun mehrere Aktionen und Veranstaltungen, die von Terre des Femmes, der Diakonie und der Beratungsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen an und um den 25. November organisiert werden. So wird am Freitag, 22. November sowie am Sonntag, 24. November um 20 Uhr der Film „Marinette“ im Universum-Kino gezeigt. Darin geht es um die achtjährige Marinette, die in den 1980er-Jahren Fußball spielen will und sich dafür gegen ihren gewalttätigen Vater durchsetzen muss.
Außerdem werden am Rathaus in Radolfzell, an der Diakonie, an der Beratungsstelle am Gerberplatz, am evangelischen Kindergarten, am katholischen Pfarrhaus am Münster, bei der katholischen Kirchengemeinde St. Meinrad und am Bio-Bistro Safran die Terre-des-Femmes-Fahnen gehisst. Das Bio-Bistro bietet außerdem eine Solidaritätssuppe an: Pro Portion soll 1 Euro an das Radolfzeller Frauen- und Kinderschutzhaus gespendet werden. Ebenfalls auf den Aktionstag aufmerksam machen sollen Plakate, die in den Stadtbussen angebracht werden und Kontaktdaten mehrerer Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt tragen. Neu ist, dass sich Radolfzell in diesem Jahr an der „Orange your City“-Kampagne beteiligt. Wie Eva Wernert erklärt, sei diese 2016 von den Vereinten Nationen angeregt worden und habe seit 2018 auch für Aktionen in Europa gesorgt. Dabei werden Gebäude in Städten orange angestrahlt, in Radolfzell das Rathaus. „Ziel ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass Gewalt gegen Frauen eines der häufigsten Gewaltverbrechen der Menschheit sind“, so Wernert.
Angestrahlt wird das Rathaus von Montag, 25. November bis Freitag, 29. November jeweils von 17 bis 23 Uhr. Außerdem werde ein Emblem auf die Hauswand projiziert, das die Umrisse einer Frau und die Worte „Frauen – Leben – frei und ohne Gewalt“ zeigt – „weil die Aktion nicht selbstverständlich ist“, erklärt Eva Wernert.
Auch die Stadt steht hinter der Kampagne: „Eva Wernert von Terres des Femmes gab den Impuls für diese wichtige Aktion, an der wir uns sehr gerne beteiligen. Das Thema muss stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Hierfür möchten auch wir unseren Beitrag leisten“, erläutert Oberbürgermeister Simon Gröger.
Rückmeldungen
Wie die Verantwortlichen von Terre des Femmes, der Diakonie und der Beratungsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen berichten, sei es in der Vergangenheit nach Aktionen rund um den Aktionstag „Nein zu Gewalt an Frauen“ tatsächlich vorgekommen, dass sich mehr betroffene Frauen bei Anlaufstellen gemeldet haben. Auch habe es punktuell positive Rückmeldungen zu den Aktionen gegeben. „Es wird wahrgenommen“, sagt Anita Maurer von der Beratungsstelle – und das sei wichtig.
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