„Sie starben keinen sinnlosen Tod“
Die Polizei gedenkt am Sonntag ihrer im Dienst gestorbenen Kolleginnen und Kollegen. In diesem Jahr aber ist alles anders. Denn mit Thomas Hohn in Stuttgart und Rouven Laur in Mannheim hat die Polizei innerhalb kurzer Zeit zwei Kollegen verloren. Christine Bilger (ceb) Christine Bilger
22.11.2024 - 15:23 Uhr
Die Polizei soll die Menschen im Land schützen. Was aber, wenn sie dabei selbst in Gefahr gerät? Zwei Beamte starben in diesem Jahr bei Einsätzen: Rouven Laur bei einer Messerattacke in Mannheim und Thomas Hohn bei einem Unfall im Einsatz auf dem Polizeimotorrad. Eine Gedenkfeier für sie und alle anderen im Dienst gestorbenen Beamtinnen und Beamten findet am Sonntag in Mannheim statt. Der Polizeiseelsorger Friedel Goetz spricht über die Feier im besonders traurigen Jahr 2024.
Herr Goetz, die Gedenkfeier findet jedes Jahr statt. In diesem Jahr hat die Polizei im Land mit dem Tod von Rouven Laur in Mannheim und Tom Hohn in Stuttgart zwei extrem belastende Todesfälle erlebt. Ist die Situation für Sie als Seelsorger da eine andere als in den anderen Jahren?
Selbstverständlich. Das war ein außergewöhnliches Jahr. Ich kann über Stuttgart nicht so viel sagen wie über Mannheim, da ich für Mannheim zuständig bin. Der Tod von Rouven Laur hat mit der Grausamkeit der Tat die ganze Stadt erfasst. Ich war nicht nur für die Polizei zuständig, sondern auch für die Bürgerinnen und Bürger. Das Mitgefühl für die Polizei hatte die ganze Bevölkerung ergriffen. Das war in Stuttgart vermutlich ähnlich.
Wie bereiten Sie sich auf einen solche Gedenkfeier vor?
Es ist kein klassischer Gottesdienst, sondern ein Staatsakt des Landes Baden-Württemberg. Da wir aber nicht nur Bürgerinnen und Bürger sind, sondern auch Menschen vor Gott, ist es auch eine spirituelle Feier. Es sprechen der Innenminister Thomas Strobl und ich als Polizeiseelsorger. Und die Feier hat eine große Reichweite, da wir auch der Toten seit dem zweiten Weltkrieg gedenken. Diese Würdigung für den gefährlichen Beruf der Polizei ist wichtig für die Polizeifamilie und als Zeichen in unserer Gesellschaft. Bei vielen sind die Wunden noch offen nach den jüngsten Fällen. Da der unerwartete Tod von Rouven Laur und Tom Hohn den Verlust besonders schlimm machen. Es waren ja keine gezielten Taten. Es hätte auch jeden Kollegen daneben treffen können. Auch das macht es so belastend für die Polizeifamilie und deren Angehörige.
Führen Sie Gespräche mit direkt betroffenen Kolleginnen und Kollegen der im Dienst ums Leben gekommenen Beamten und mit den Angehörigen?
Vor der Trauerfeier im Juni habe ich mich mit Angehörigen unterhalten und mit Kolleginnen und Kollegen von Rouven Laur. Auch jetzt gab es Gespräche. Es gibt eine enge Abstimmung.
Die Anteilnahme war enorm – in Stuttgart wie in Mannheim. Die Gedenkformen hat es zum Teil so noch nicht gegeben – auch, weil sich die eindrucksvollen Bilder schnell in den sozialen Medien verbreiten und somit viel mehr Menschen erreichen: Man konnte von überall am Handy teilhaben daran. Was macht das mit der Polizei und mit den Familien?
Ich habe das auch so erlebt. Die Anteilnahme war außergewöhnlich groß. Ich bin kürzlich wieder über den Mannheimer Marktplatz geradelt. Da brennen noch Kerzen. Die große Anteilnahme wurde als wohltuend empfunden bei den Polizistinnen und Polizisten. Die Polizei steht immer wieder mal in der Kritik – manchmal zurecht, mal zu unrecht. Gerade in Mannheim gab es letztes Jahr viele Diskussionen um Schusswaffengebrauch. Die Anerkennung hat den Polizistinnen und Polizisten gutgetan. Sie haben die Solidarität der Bevölkerung gespürt – und den Zusammenhalt. Und den Respekt für ihre wichtige und gefährliche Aufgabe. Diesbezüglich sagte ein Kripobeamter zu mir: „Ich trage selten Uniform. Aber als ich sie nun bei der Trauerfeier und dem Gedenkmarsch anhatte, habe ich mich sehr gut aufgehoben gefühlt.“Hoffentlich wird diese Wertschätzung nicht allzu schnell in Vergessenheit geraten.
Bei den Blaulichtgottesdiensten sind die Bänke voll. Nicht alle sind gläubig. Wie richtet man den spirituellen Teil der Feier darauf aus?
Ich sehe das gerade als Stärke der Feier und deswegen hat die christliche Ausrichtung der Veranstaltung auch ihre Wichtigkeit. Wir können alle vor Gott kommen. Egal welcher Herkunft oder Status. In unserer Trauer kommen wir zusammen und die christliche Kirche bietet die Plattform. Da habe ich auch keinerlei Probleme, wenn sich verschiedene Glaubensrichtungen oder Weltanschauungen treffen. Denn in dieser Trauer sind wir Menschen verbunden – wenn nicht sogar gleich. Der Ablauf haben darauf angepasst – es ist kein klassischer Gottesdienst.
Warum sehnt man sich bei Trauer und Fassungslosigkeit so sehr nach kirchlichem Beistand – auch wenn manche das ganze Jahr über nicht in die Kirche gehen?
Ich sehe in den Religionen, in den Traditionen unserer Vorfahren, eine große Weisheit, sich mit den existenziellen Lebensfragen zu befassen – wie dem Tod. Die Religionen haben es sich zur Aufgabe gemacht, dafür Begegnungsformen zu schaffen. Diese Welt kennt leider immer wieder grausame Momente. Wie unsere Vorfahren schon nach Hoffnung gesucht haben und Antworten finden mussten, können wir das auch wieder erleben. Es gibt viele Psalmen in der Bibel, die sagen, jetzt lasst uns zusammenstehen und Kraft schöpfen. Dies in Gemeinschaft zu erleben hilft.
Warum gerade die christliche Lehre?
Eine Kernbotschaft Jesu ist, dass man auch durch großes Leid gehen kann, aber nicht daran zerbricht, und das Leben weitergeht. Man kann bei großen Krisen und in tiefer Trauer auch von einer Auferstehung im Leben sprechen. Ich bezeichne Jesus gerne als die Liebe, die auch durch den Tod gegangen ist – eine Hoffnung, die nicht stirbt. Eine Kraft, die mir hilft wieder aufzustehen und dem Tod nicht das letzte Wort lässt. Auch durch die Nächstenliebe, die Enttäuschte und Hoffnungslose nicht aufgibt, sondern in ihre Mitte nimmt. Wie wir am Ewigkeitssonntag.
Gab es bei den Todesfällen, die sie bei der Polizei erlebt haben, Momente, die auch Sie sprachlos machen – während man von einem Pfarrer doch immer erwartet, dass ihm etwas Tröstendes einfällt?
Natürlich. Aber die Sprachlosigkeit habe ich nicht als Hilflosigkeit empfunden. Sie ist vielleicht auch die richtige Antwort. Denn sonst würde es ja heißen, ich kann das erklären – das kann ich nicht. Willkürliche Gewalt hat die Menschen ergriffen. Da erklärende Worte zu finden, war auch mir nicht möglich nach dem Tod von Rouven Laur. Das Aushalten ist wichtig. Und gleichzeitig nicht in die Sinnlosigkeit zu fallen. Keiner von den beiden hat es verdient, so zu sterben. Das ist auch die Schwere für das menschliche Herz. Beide haben einen sinnvollen Dienst getan – und starben deswegen auch keinen sinnlosen Tod. Auch wenn es für uns ungerecht ist und ungewollt. Die schwere Frage ist, wie kann ich als Mensch etwas annehmen, was ich gar nicht will – ohne es erklären zu können.
Was kann da eine Antwort sein?
Die Dankbarkeit kann helfen – wenn man sagt: Das ist deren Leben gewesen. Auch wenn das Ende schrecklich war: Wir sind von viel Dankbarkeit erfüllt, für all das was wir gemeinsam erleben durften. Und bei der Gedenkfeier werde ich dafür beten, dass trotz Wut auf Ungerechtigkeit und Schmerz bei den Trauernden die Lebensfreude nicht erlischt. Wir wollen vor Gott ablegen, was zu schwer ist, um Kraft für die nächsten Schritte ins Leben zu sammeln.
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