Rhein-Neckar-Zeitung - Heidelberger Nachrichten, 25.11.2024

 

Verbundenheit als Kraftspender für Angehörige

Gedenkfeier für im Dienst getötete und gestorbene Polizisten in Mannheim – Mord an Rouven Laur ist nur schwer zu ertragen

Von Marco Partner

Mannheim. Er wurde nur 29 Jahre alt. Am 31. Mai ist Rouven Laur bei einem Messerangriff auf dem Mannheimer Marktplatz schwer verletzt worden und zwei Tage danach gestorben. Die Anteilnahme und Bestürzung über den Tod des jungen Beamten waren bundesweit groß. „Er ließ sein Leben für die Sicherheit, für den Schutz der Freiheit“, sagt Innenminister Thomas Strobl (CDU) ein halbes Jahr später, bei einer bewegenden ökumenischen Gedenkfeier am Sonntag in der Jesuitenkirche, die den im Dienst verstorbenen Polizisten gewidmet ist.

Eine gläserne Gedenkstele mit eingravierten Namen und leuchtenden Kerzen dient als Erinnerung. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in Baden-Württemberg 86 Polizisten im Dienst getötet oder sind während der Arbeit tödlich verunglückt. Jedes Jahr wird zum Totensonntag ein Gottesdienst zu Ehren der Beamten und ihrer Hinterbliebenen abgehalten und auf die Gefahren, auf das Risiko des Berufs hingewiesen. „Diesmal aber ist diese Stunde besonders schwer“, betont Strobl in seiner Ansprache.

Angehörige, Freunde und Polizisten aus dem ganzen Bundesland bilden die Trauergemeinde. „Es soll damit eine Verbundenheit zum Ausdruck kommen und das Andenken an die Verstorbenen bewahrt werden. Die Angehörigen sollen von einer Kraft getragen werden, die über das Gefühl der Ohnmacht hinausgeht. Es ist keine Pflicht, sondern eine Herzensangelegenheit, die uns zusammenführt“, erklärt Landespolizeidekan Hubert Liebhardt. Das Landespolizeiorchester spielt zum Auftakt eindringliche Melodien, das St. Thomas Choral von Pavel Stanek wirkt wie eine weiche, friedliche Wolke, die sich über die Gemeinde legt.

Und doch schwebt der Verlust über allem, steht die große Frage nach dem Warum im Raum. Auch Innenminister Strobl findet für den „sinnlosen und brutalen“ Messerangriff eines mutmaßlichen Islamisten auf dem Marktplatz keine Erklärung. „In einer Situation, in der Rouven Laur Menschenleben retten wollte, gab es für ihn keine Rettung. Der Angriff dauerte nur Sekunden, und doch ist er mit einer Endlichkeit verbunden, die sich schwer ertragen lässt“, sagt er. Eine Antwort für den Umgang damit findet er bei Dietrich Bonhoeffer. „Es gibt nichts, was den plötzlichen Tod eines geliebten Menschen ersetzen kann“, zitiert er den bekannten Theologen.

Aus- und einfach durchhalten seien ein harter Trost. „Aber gerade dadurch, dass diese Lücke unerfüllt bleibt, bleibt man vielleicht miteinander verbunden“, erklärt er. Das gilt auch für die Trauergemeinschaft: Was sie verbindet, ist ein unerwarteter, plötzlicher Schicksalsschlag. Auch Thomas Hohn wurde in diesem Sommer aus dem Leben gerissen. Der Polizeihauptkommissar aus Stuttgart verschob seine Pension, um bei der Fußball-Europameisterschaft für die Verkehrssicherheit zu sorgen. Tragischerweise verunglückte der 61-Jährige bei einer Eskorte auf dem Motorrad.

Mit Siegfried Kollmar verstarb im März überraschend auch der Mannheimer Polizeipräsident. Strobl würdigt dessen „unkomplizierte und zupackende Art“, die Spuren hinterlassen habe. Und so steckt hinter jedem der 86 Namen ein Schicksal, das unerwartet kam. Ein Polizist erlitt vor 30 Jahren bei einem Einsatz einen Herzinfarkt und hinterließ seine Frau und einen Sohn, der nun als Erwachsener an der Gedenkstunde teilnimmt. Am 14. Juli 1974 setzten bei einer Verkehrsüberwachung über dem Hockenheimring die Triebwerke eines Polizeihelikopters aus. Alle drei Insassen starben. Und mit Michèle Kiesewetter wurde 2007 eine Polizistin in Heilbronn Opfer der NSU-Terrorgruppe.

„In solchen Momenten ist für die Hinterbliebenen nichts mehr, wie es war. Das Leben teilt sich in ein Davor und Danach“, weiß Strobl. Der gemeinsame Austausch helfe aber, das Leid etwas erträglicher zu machen. „Das macht die Gedenkfeier so wertvoll“, sagt Strobl. Und so klingt bei den anschließenden Fürbitten oder der sanft vorgetragenen Fußball-Hymne „You’ll never walk alone“ eines hindurch: dass Rache oder Wut nicht Teil der Trauerverarbeitung seien dürfen. Dass Hass und Gewalt nicht das letzte Wort haben. „Ein offener Umgang, auch mit dem Tod, ist ein Zeichen guter Gesellschaft“, betont der Innenminister. Und dieser Umgang, dieses Bewahren, lasse somit auch den grausamen Tod wie den von Rouven Laur nicht völlig sinnlos erscheinen.