Südkurier Konstanz, 21.11.2024

 

„Es gab keine Rettungsversuche“

Ex-Mitarbeiter der Blarer-Sozialstation verbittert Späte Ankündigung der Schließung sei Absicht Bisher 25 Klienten bei Caritas untergekommen VON KIRSTEN ASTOR KIRSTEN.ASTOR@SUEDKURIER.DE

Konstanz – Antje Oberthür lächelt gequält, als der SÜDKURIER in ihrem Büro vorbeischaut. „Mein Karton ist gepackt“, sagt die Pflegedienstleiterin der Sozialstation „Margarete Blarer“ im Konstanzer Paradies, die zum Jahresende geschlossen wird. Diese Nachricht hatte die Betroffenen erst kürzlich erreicht. Carsten Jacknau, Geschäftsführer der Margarete Blarer gGmbH als Träger der Sozialstation, nannte Personalmangel als Grund.

Wie es für sie weitergeht, kann Antje Oberthür noch nicht sagen, nur so viel: „Man hat mir im Pflegeheim eine normale Stelle angeboten. Da muss man erst 57 Jahre alt werden, um so richtig Karriere zu machen“, meint sie sarkastisch und ergänzt: „Ohne Galgenhumor geht hier gar nichts mehr.“ Wie wertvoll die Mitarbeitenden der Sozialstation sind, schreibt eine Frau, die noch dort arbeitet und deshalb nicht namentlich genannt werden möchte: „Die Kolleginnen und Kollegen dort sind mit ganzem Herzen dabei und tun weit mehr als nur ihre Arbeit. Sie erbringen nicht nur Leistungsmodule, sondern zaubern ein Lächeln in die Gesichter und erhellen den Alltag der Menschen, die sie betreuen.“

All das werde vom Evangelischen Stift Freiburg, zu dem die Blarer gGmbH gehört, nicht gesehen: „Bei den Mitarbeitergesprächen zur anstehenden Schließung fehlte jegliche Form der Wertschätzung oder des Dankes. Kein einziges Wort der Anerkennung, keinerlei Menschlichkeit! Niemand wird eine Abfindung erhalten. Das Evangelische Stift Freiburg ist eine kirchliche Institution, die Wasser predigt und Wein trinkt.“ Die Sozialstation sei bewusst an die Wand gefahren worden, Gespräche mit der Pflegedienstleitung hätten viel zu spät stattgefunden, Rettungsversuche habe es nicht gegeben. Ähnliches sagen acht ehemalige Mitarbeitende der Sozialstation, die sich mit dem SÜDKURIER ausgetauscht haben. Zu ihnen gehört die Rentnerin Cornelia Biegert, die bis 2005 stellvertretende Pflegedienstleiterin war und mit der Einrichtung noch immer eng verbunden ist.

„Ich habe nachgeforscht, aber in diesem Jahr keine einzige Stellenanzeige für Personal in der Konstanzer Sozialstation gefunden, durchaus aber für andere Bereiche des Evangelischen Stifts Freiburg“, sagt Biegert und fragt sich: „Welche Anstrengungen wurden unternommen, um den ambulanten Pflegedienst zu retten? Gar keine.“ Die Schließung sei bewusst so spät kommuniziert worden, dass niemand mehr reagieren konnte, sagen sie und weitere ehemalige Mitarbeiter. „Es werden die Hilfsbedürftigen im Stich gelassen, die sich nicht wehren können“, sagt Cornelia Biegert. Ina Hempen, die nicht nur bei der Blarer-Sozialstation gearbeitet hat, sondern deren 91-jährige Schwiegermutter dort auch betreut wird, ergänzt: „Ich habe immer das Leitbild des barmherzigen Samariters und der Nächstenliebe im Kopf. Für einen kirchlichen Träger ist dieses Verhalten beschämend.“ Der frühere Mitarbeiter Gerolf Stumpf ärgert sich außerdem: „Es ist die billige Variante, nette Sprüche auf die Kündigungen zu schreiben und auf die Verantwortung der Politik zu verweisen, wenn es finanziell eng wird.“ Die Pflege habe einfach keine Lobby, beklagt sich Cornelia Biegert: „Würden wir Autos zusammenbauen, wäre sicher der Staat eingesprungen.“

Ihre ehemalige Kollegin Dorothea Wieser fragt sich außerdem: „Warum konnte die Sozialstation nicht vorübergehend mit weniger Personal, aber auch weniger Klienten weitergeführt werden? Es war in all den Jahren immer so, dass das Verhältnis ausbalanciert werden konnte, zum Beispiel durch zeitweisen Aufnahmestopp neuer Klienten.“ Unterstützung vermisst die Gruppe der Ex-Mitarbeiter aber auch aus der Stadtgesellschaft: „Warum gibt es in Konstanz keinen Aufschrei? Wieso reagieren die Verwaltung, die Stadträte, der Stadtseniorenrat oder der Ältestenrat der Kirche nicht?“, empört sich Ina Hempen.

Zumindest im evangelischen Kirchenbezirk Konstanz war man genauso überrascht von der angekündigten Schließung der Sozialstation wie die Klienten, sagt Dekan Markus Weimer auf Nachfrage. Er und Christian Grams, Geschäftsführer des Diakonischen Werks im Kirchenbezirk Konstanz, bedauern diese Entscheidung. „Wir hoffen, dass sich für die Familien und die Mitarbeitenden gute Lösungen finden lassen und sind hierzu mit dem Diakonischen Werk Baden, in dem das Evangelische Stift Mitglied ist, im Austausch“, teilen Weimer und Grams mit. „Leider können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr sagen und verweisen bei Fragen an das Stift in Freiburg.“

Dorthin wandten sich laut gGmbH-Geschäftsführer Carsten Jacknau bereits viele Klienten und Angehörige. „Aber es ist klar, dass wir eine andere Sicht der Dinge haben“, sagt er. „Die Situation in der Pflege wird nicht besser, bundesweit mussten über 1000 Betriebe schließen, weil Personal fehlt. Ansonsten würden wir aus unternehmerischer Sicht eine Sozialstation nach der anderen öffnen, denn der Bedarf ist da.“ Dann ergänzt er: „So überrascht können die Mitarbeitenden von der Schließung nicht gewesen sein, wenn sie ehrlich sind. Sie wussten seit Jahren um die finanziellen Schwierigkeiten der Sozialstation ,Margarete Blarer‘.“

Das bestätigt Ina Hempen. Schon vor einigen Jahren habe es eine Kündigungswelle gegeben, weil aus finanziellem Druck keine Zeit mehr für seelsorgerische Tätigkeiten blieb. „Aber damals haben wir versucht, was zu retten, indem wir auf zehn Prozent unseres Gehalts verzichteten“, ergänzt Cornelia Biegert. „Solche Versuche gab es dieses Mal gar nicht.“

Rund 80 Klienten müssen sich ab Januar 2025 einen anderen Pflegedienst suchen. Unterstützung bietet unter anderem die katholische Schwester Caritas mit der Sozialstation St. Konrad. „Wir konnten bisher rund 25 Klienten übernehmen“, bestätigt Bärbel Sackmann, Geschäftsführerin des Konstanzer Caritasverbands. „Wir haben auch den Mitarbeitern signalisiert, dass wir sie gerne beschäftigen würden. Sollte dies klappen, wären wir in der Lage, weitere Klienten zu versorgen.“

„Wir hoffen, dass sich für die Familien und die Mitarbeitenden gute Lösungen finden lassen und sind hierzu mit dem Diakonischen Werk Baden, in dem das Evangelische Stift Mitglied ist, im Austausch.“

Markus Weimer, Dekan

Heim nicht betroffen

Das Pflegeheim „Margarete Blarer“ ist nicht von einer Schließung betroffen. Gerüchte, wonach das Heim in finanzielle Schieflage geriet und für das Aus der gleichnamigen Sozialstation verantwortlich sei, dementiert Carsten Jacknau, Geschäftsführer der Margarete Blarer gGmbH. Er ergänzt: „Aber andersherum besteht ein Zusammenhang: Wenn wir die Sozialstation nicht schließen, würden wir das Pflegeheim gefährden.“ Rüdiger Mahl, einer der beiden Interimsleiter des Pflegeheims, betont: „Niemand muss sich um die stationäre Einrichtung Sorgen machen, wir stehen stabil da. Auch das betreute Wohnen ist nicht betroffen.“