BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN - Brettener Nachrichten, 18.11.2024

 

Wie weit senkt die Kirche die Schwelle?

Synode diskutiert über Regeln für Taufen, Trauungen und Bestattungen – durchaus kontrovers Hansjörg Ebert

Trauungen im Bierzelt oder auf dem Riesenrad des Jahrmarkts? Pop-up-Taufen ohne lange Vorbereitungen? Trauerfeiern auch ohne ausdrücklichen Wunsch der Angehörigen? Die Synode des evangelischen Kirchenbezirks Bretten-Bruchsal hat sich bei ihrer Tagung in der Brettener Stiftskirche mit solchen Fragen auseinandergesetzt.

„Revision der Lebensordnungen“ hieß der Tagesordnungspunkt auf Kirchendeutsch, im Kern ging es um den Umgang mit den Kasualien. Im Klartext: Welche Regelungen sollen künftig für Taufen, Trauungen und Bestattungen gelten? Wie weit öffnet sich die Kirche bei ihren Dienstleistungen für die Wünsche der „Kunden“? Oder provokanter: Wie weit senkt sie die Schwelle zum Eintritt?

Dass das für die rund 60 Synodalen ein spannungsgeladenes Thema war, wurde bei der anschließenden Debatte deutlich, bei der es durchaus kritische und ablehnende Stimmen gab. Moniert wurde nicht nur eine „niederschwellige Segensfreizügigkeit“, sondern auch das Verfahren selbst, bei dem manche Teilnehmer den Raum für eine ausführliche Aussprache vermissten. Hintergrund der Debatte: Die Badische Landeskirche will ihre „Lebensordnungen“ überarbeiten und holt dazu die Meinungen der Kirchenbezirke ein. Matthias Kreplin, Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Baden, stellte die Vorschläge des Oberkirchenrats vor und skizzierte die Grundgedanken der Neuerungen. Demzufolge sei ein Segen eine Vergewisserung auf dem eigenen Lebensweg, der keinen Glauben, sondern lediglich die Bereitschaft zum Empfang voraussetzt.

Die Kasualien will man deshalb weniger als Amtshandlung denn als Segenshandlung verstehen. Dabei würden die Wünsche nach individueller Gestaltung immer vielfältiger. Die Kirche müsse klären, wieweit sie sich auf diese Wünsche einlassen will. Gefragt seien auch gute Erreichbarkeit bei Anfragen und Flexibilität bei Terminen und Veranstaltungsorten. „Kasualien sind eine große Chance, mit Menschen in Kontakt zu kommen, und bieten die größte Reichweite von kirchlichen Angeboten in die Gesellschaft hinein“, unterstrich Kreplin die Wichtigkeit des Themas.

Für die Taufe will die Landeskirche die grundsätzliche Gleichrangigkeit von Taufgottesdiensten festschreiben, unabhängig davon, wo sie stattfinden und wie sie gestaltet sind. Die Verantwortung für die christliche Erziehung sieht man primär bei der Kirche. Das heißt, eine Taufe ist auch möglich, wenn weder Eltern noch Paten Kirchenmitglieder sind.

Die Eltern müssten jedoch die Bereitschaft bestätigen, den Kindern den Zugang zu christlichen Bildungsangeboten zu öffnen. Dies gilt auch für Patinnen und Paten, die als Vertrauenspersonen und Lebensbegleiter ebenfalls nicht mehr zwingend einer Kirche angehören müssen. Zum Abendmahl eingeladen ist bereits, wer sich auf dem Weg zur Taufe befindet oder die Nähe Christi sucht. Sogenannte Pop-up-Taufen, bei denen die Taufvorbereitung unmittelbar vor der Taufe stattfindet, sind möglich.

Auch bei Eheschließungen will sich die Kirche öffnen und fortan statt von Trauungen von kirchlicher Hochzeit sprechen. Flexibel will man bei den Orten sein, die Kirchenmitgliedschaft ist keine Bedingung mehr. Bislang musste zumindest einer der Ehepartner evangelisch sein. Nur in der Karwoche soll es keine Hochzeiten geben und weiter keine Hochzeit ohne vorherige standesamtliche Eheschließung. Ähnlich bei Trauerfeiern, die auch an anderen Orten, immer öffentlich und unabhängig von der Teilnehmerzahl stattfinden sollen.

Mit diesen Vorschlägen gingen die Teilnehmer dann in kleine Gesprächsrunden, schnell wurde an den Tischen eifrig diskutiert. „Damit wird die Kirchenmitgliedschaft belanglos“, so ein vielfach vorgebrachter Einwand. Wie solle man den Gemeindemitgliedern erklären, wofür sie noch Kirchensteuern bezahlen, wenn Nichtmitglieder die Kasualien gratis bekämen.

Da müsste dann eine Gebührenordnung hinterlegt werden, insbesondere, wenn man bedenkt, dass ein freier Trauerredner mitunter 1.000 Euro und mehr koste. Die Kirche müsse in Vorleistung, lautete die Erwiderung. Positiv wurde die Pop-up-Taufe bewertet, eine Pfarrerin hatte damit schon gute Erfahrungen gemacht.

Dass die Öffnung der Kirche durchaus Perspektiven bietet, verdeutlichte Pfarrer Klaus Vogel, der vom Wurstmarkt in Bad Dürkheim in der Pfalz berichtete. 80 Trauungen habe es dort als besonderes Angebot der Kirche gegeben – auf dem Riesenrad, im Festzelt oder in der Kapelle im Weinberg. Die Presse habe dies als „Fest der Liebe“ gefeiert.

Für das weitere Vorgehen bei der Revision der „Kirchlichen Ordnungen“ wurde ein Fahrplan für die Erarbeitung einer Stellungnahme des Bezirks erstellt, der im Mai 2025 mit dem finalen Beschluss endet.