Rhein-Neckar-Zeitung - Wieslocher Nachrichten/Walldorfer Rundschau, 16.11.2024

 

Zum Essen gibts eine Portion Selbstvertrauen

Die Kindervesperkirche auf dem Waldhof geht in ihre 17. Auflage – Statt Süßigkeiten werden Brotboxen verteilt

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In Mannheim beginnt für viele Kinder die schönste Zeit des Jahres – allerdings vor einem traurigen Hintergrund. Vom 2. bis 13. Dezember erhalten sie in der Kindervesperkirche am Taunusplatz im Stadtteil Waldhof nicht nur ein warmes Mittagessen, sondern auch ausgiebig Zeit für Spielen, Basteln und Toben. Einmal mehr wollen die Organisatoren den Blick auf das Thema Kinderarmut lenken.

„Hier bist Du richtig“ lautet das Motto der 17. Auflage der Kindervesperkirche. Es ist die erste Hälfte eines Zitats aus einem Kirchenlied, erklärt Stadtjugendpfarrerin Svenja Hauseur. Mit „Du bist Gott wichtig“, geht es weiter. Dafür stehe die Kindervesperkirche: „Kinder brauchen das Gefühl, in der Welt und in der Gesellschaft willkommen zu sein“, sagt der evangelische Stadtdekan Ralph Hartmann. „Gerade Kinder in Armut brauchen Selbstvertrauen.“

Auch dafür gibt es im Gotteshaus auf dem Waldhof in diesem Jahr für die Gäste bunte Armbändchen mit Botschaften: „Du bist prima“ steht auf einem, „Du bist einmalig“ auf einem anderen. Neu sind auch die Vesper-Brotboxen, die jedes Kind in diesem Jahr anstelle von Süßigkeiten erhält. „Gerade Kinder in Armut ernähren sich, wenn überhaupt, sowieso vor allem von Süßigkeiten“, begründete Hauseur.

In 17 Jahren sei das Angebot der evangelischen Kirche weit über zwei Wochen Mittagstisch mit Bastelangebot hinausgewachsen. Einer der Gründe seien die treuen Partner, die der Kindervesperkirche von Anfang an die Treue halten. Allen voran der Verein „Adler helfen Menschen“. Hier würden die finanziellen Mittel genau an der richtigen Stelle eingesetzt, findet deren Vorsitzender Matthias Binder und meint damit ebenfalls nicht nur das Mittagessen. Auch das Zelten im Sommer gehöre neben dem „Mittwochs-Mittagstisch“ oder dem Kinderkaufhaus zu den Aktionen, die mittlerweile aus der Kindervesperkirche heraus entstanden sind. Das Zeltlager im pfälzischen Friedelsheim habe sich in diesem Jahr sogar „verdoppelt“. „Bisher hatten wir nur ein Angebot für Kinder von acht bis elf Jahren. Jetzt ist eine weitere Woche für Kinder von zwölf bis 14 Jahren hinzugekommen“, sagt Organisatorin Rahel Römer.

Der oftmals erste Urlaub ohne Eltern während der Sommerferien bringe eine Entlastung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. „Zum guten Aufwachsen von Kindern gehört dazu, dass sie in neuer Umgebung andere Erfahrungen machen können“, begründet Binder, warum sich die Eishockey-Adler und ihr gesamtes Umfeld für die Kindervesperkirche engagieren. Auch die Fans unterstützend die Aktion und Sponsoren der Adler sind oft auch bei der Kindervesperkirche aktiv.

Die Kufencracks selbst unterstützen nicht nur materiell. „Wir versuchen wieder, dass der eine oder andere aus dem Team nach dem Training in der Kindervesperkirche vorbeikommt“, so Binder. Gerade die nordamerikanischen Spieler zeigten hier seit Jahren viel Einsatz. „Deshalb sind oft auch die Frauen oder Freundinnen der Spieler mit dabei.“ Für die Kinder seien diese Besuche immer ein Höhepunkt, weiß Hauseur.

Sie freut sich außerdem noch immer über den Erfolg ihres Aufrufs aus dem Vorjahr. Damals hatte sie um die Spende von Lego-Steinen gebeten, mit denen die Kinder nach dem Essen in der Kirche ungestört ihrer Kreativität nachgehen können. Auch in diesem Jahr basteln sie gemeinsam mit den angehenden Erzieherinnen der Schule „Das Kurpfalz“ Weihnachtsgeschenke, hören sich die spannenden Geschichten der Vorlesepaten aus der Stadtbibliothek an und vieles mehr. Eben ein rundherum unbeschwerter Mittag, den fast 1400 Kinder in der Jugendkirche im Stadtteil verleben werden. „Erstmals hat sich dieses Jahr auch der Oberbürgermeister angekündigt“, sagt Hauseur.

„Wir freuen uns auf das Gewusel im Kirchenschiff, aber der Hintergrund ist ernster“, erinnert Dekan Hartmann bei aller Euphorie an den Grund für die Vesperkirche. „Wir wollen etwas gegen Kinderarmut tun.“ An beidem habe sich in mittlerweile 17 Jahren nichts geändert, so der Geistliche.