Badische Zeitung Freiburg im Breisgau, 14.11.2024

 

„Radikal in eine falsche Richtung“

Erst seit fünf Jahren erforscht die evangelische Ludwigsgemeinde ihre nationalsozialistische Vergangenheit. Pfarrerin Gabriele Hartlieb ist in der Arbeitsgruppe, die jetzt ein Buch veröffentlicht hat.

Wann haben Sie von der starken Prägung Ihrer Gemeinde durch die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ erfahren?Im Januar 2019, bei einem Treffen in der Gemeinde. Dabei regten Rolf Jackisch und Martin Flashar an, dieses Thema schnell zu erforschen – auch, weil es nicht mehr lange Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geben wird. Ich bin seit Mitte 2018 Pfarrerin in der Gemeinde. Nach diesem Abend war für mich klar: Das müssen wir machen. Mich hat die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus immer begleitet. Es beschäftigt mich sehr, dass Christen so radikal in eine falsche Richtung gehen können, wie es die „Deutschen Christen“ taten. Vor dem Arbeitskreis, der dann entstand, hatte es nur historische Spaziergänge des Geschichtslehrers Wolfgang Bantel gegeben, zu mit dem Nationalsozialismus verknüpften Orten im Gemeindegebiet.

Aus Ihrem Arbeitskreis entstand ein Projekt mit Studierenden der Evangelischen Hochschule, die zwölf ältere Mitglieder Ihrer Gemeinde über deren Kindheit im Nationalsozialismus befragten. Haben diese Menschen früher nie über diese Zeit gesprochen?Vereinzelt, ja – wenn sie gefragt wurden. Und öfter wurde die Zeit wohl ausgeblendet. Menschen erinnern sich nicht gern an Negatives, an etwas, das mit Schuld und Scham verbunden ist. Das gilt auch für Institutionen wie die Kirche: Anders als die „Deutschen Christen“ in der Ludwigsgemeinde hat man sich schon früh an die „Bekennende Kirche“ und ihren Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Christusgemeinde erinnert. Dort waren die Lichtgestalten, auf die wir stolz sind.

Die Studierenden haben ältere Gemeindemitglieder interviewt, parallel dazu hat Ihr Arbeitskreis Unterlagen und Akten erforscht, daraus entstand jetzt das Buch. Warum diese Zweiteilung?Weil die Interviews wissenschaftlich ausgewertet werden sollten, das war uns wichtig. Daraus entsteht eine eigene Veröffentlichung. Als ehrenamtlicher Arbeitskreis hatten wir diese fachliche Voraussetzung nicht. Wir haben die Kontakte hergestellt und waren bei den Gesprächen dabei. Und haben dann schriftliche Quellen erforscht: Protokolle der Kirchengemeinde, Akten der Landeskirche und des Erzbischöflichen Archivs. Dort finden sich auch Aufzeichnungen von öffentlichen Veranstaltungen der „Deutschen Christen“. Ihr Wortführer, der Pfarrer der Ludwigsgemeinde Friedrich Kölli, war unter anderem massiv antikatholisch – was dort gesagt wurde, hat also auch die Katholiken interessiert. Ich bin froh, dass wir jetzt die ersten Ergebnisse publizieren können. Und da ist immer noch viel, was noch zu erforschen wäre. Wir brauchen dieses Erinnerungslernen, es ist ungeheuer wichtig – umso mehr, weil für die aktuellen Entwicklungen viel Wachheit nötig ist. Wenn wir verstehen, was geschieht, wenn Menschen ihr kritisches Bewusstsein ausschalten und in Begeisterungstaumel verfallen, können wir handeln – als Einzelne zuhören und widersprechen, gesellschaftlich Vielfalt und demokratische Wege stärken.

Sie selbst haben sich auf Ihren Vorgänger konzentriert, den Pfarrer Friedrich Kölli. Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich mit ihm beschäftigen?Gar nicht gut! Friedrich Kölli kam 1934 an die Ludwigskirche und machte sie bis zu seinem Tod 1942 zum Zentrum der „Deutschen Christen“ in Baden. Ich habe Predigten von ihm aus dem Jahr 1938 angeschaut, die sind polarisierend, massiv judenfeindlich, seine Sprache ist voller Kampfbegriffe und bedrohlicher Bilder. Er erzeugte Druck, sich auf die „richtige“ Seite zu stellen und setzte auf ein Wir-Gefühl und Abgrenzung zu den „anderen“. Ich schäme mich für diesen meinen früheren Kollegen. Gleichzeitig wissen wir unter anderem aus den Interviews, dass ihn viele sympathisch fanden. Er war ein bemühter Seelsorger, eloquent und fatal charismatisch. Ich sehe viele Parallelen zur Hate Speech von heute. Hinzuschauen und zu verstehen, hilft, damit umzugehen. Denn alles, was unbearbeitet bleibt, wirkt unbewusst weiter.
Anja BochtlerGabriele Hartlieb (57) ist Pfarrerin in der evangelischen Pfarrgemeinde Nord. Nach ihrem Studium der Theologie und Germanistik war sie in ihrem ersten Beruf Verlagslektorin bei Herder. Sonntag, 17. November: 9.30 Uhr Erinnerungsweg, ab Rhein-/Habsburgerstraße (Ex-Kirchenstandort); 10 Uhr Gottesdienst, Ludwigskirche, Starkenstraße, 8; 11 Uhr Buchvernissage, Gemeindesaal („Zwischen Kreuz und Hakenkreuz – Die Freiburger Ludwigsgemeinde in den 1930er bis 1950er Jahren“, Rombach-Verlag, 176 Seiten, 20 Euro).