Stiftskirche in anderes Licht gerückt
Lange Nacht: Wertheimer feiern 500 Jahre evangelisches Gesangbuch in besonderer Atmosphäre - Motto: »Ich singe dir mit Herz und Mund«
WERTHEIM. Seit 500 Jahren ist es ein Bestseller, die Auflage ist ungezählt - die Rede ist vom evangelischen Gesangbuch. In der Wertheimer Stiftskirche haben sie es am Freitag gefeiert. Unter dem Einladungstitel: »Ich singe dir mit Herz und Mund« waren viele Gläubige, Sänger, auch ein paar Nicht-Sänger, in die Stiftskirche gekommen, um die Atmosphäre zu genießen.
Die »Atmo«, wie man das heutzutage so sagt, macht viel am Reiz der Langen Nächte in der Stiftskirche aus - es war bereits die dritte. Da ist Pfarrer Uwe Sulger, wie er mit seinem Team bunte Cocktails mischt - eine Fertigkeit, die er sich aus einer Laune heraus in der Corona-Langeweile angeeignet hat.
Da war ein Saftstand, es gab Waffeln und religiöse Gesprächsstationen. Aber die besondere Stimmung, die macht regelmäßig das Licht. Die Stiftskirche in Rot, Grün und Blau, das setzt Akzente, die die Besucher das Gotteshaus neu erleben lassen. »Da wird Kirche in ein anderes Licht gerückt«, wie Pfarrerin Sophia Weber es ausdrückte. Programm gab es auch.
Da waren der Posaunenchor aus Nassig, der Männerchor aus Thüngersheim, die Jugendkantorei der Stiftskirche, der Waldenhäuser Flötenkreis und die singende Gemeinde, die auf »Luthers Coup« einstieg. So zumindest sieht es der Bezirkskantor Carsten Klomp, wenn es um den cleveren lutherischen Dreh des Gesangbuchs geht. Da seien »eingängige Botschaften in hippe Melodien gekleidet«, sagt Klomp und liefert eine beschleunigte Acapella-Version von »Ein feste Burg ist unser Gott«.
Bei regem Kommen und Gehen mögen zwei- oder dreihundert Menschen dabei gewesen sein - auch sehr junge Leute wie der 12-jährige Anton Mühleck aus der Klasse 7b des Gymnasiums. »Wir haben die Kerzenständer und die Altardekoration gemacht«, da wolle er einmal schauen, wie es wirke. Viele fänden Kirche heutzutage nicht mehr so besonders cool, er aber eigentlich schon, sagt der Zwölfjährige und: »Die Stimmung ist schön und die bunten Lichter sind es auch.«
Das sagen Besucher
Samuel Höll ist 13, auch er ist mit seiner Familie da. »Ich hatte davon gehört und wollte gern hin. Es ist schön beleuchtet. Schon nett, und ich glaube, es bringt mich der Kirche näher«, sagt er. Zufällig ist Wolfram Werner aus Glasofen in der Stiftskirche. Der 63-Jährige war erst vormittags beim Besuch der Innenstadt auf die Chance am Abend aufmerksam geworden. »Ich singe gern, höre auch gern Kirchenlieder - immer schon«, sagt er. Unterstützt durch die atmosphärische Beleuchtung helfe es, sich einlassen und fallen lassen zu können. Es sei gut, die Kirche auch so zu präsentieren. »Religion ist wichtig - irgendetwas braucht der Mensch.« Werner fürchtet allerdings auch: »Da kommen wohl zumeist nur jene Menschen, die eh schon im Kirchenboot sitzen.«
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